Aus dem Magazin

Trucker-Tagebuch: „Ums Verrecken könnt ich keine Tiere durch die Gegend fahren!“

Tag 2: km 815 – 1426, Eynatten (Belgien) - Watford (England)

Wir stehen um 8 auf, ich bin nach fünf Stunden Schlaf komplett gerädert, war nachts draußen nur in Mantel und Schuhen pinkeln. Truckerboy ist das gewöhnt, er ist fit, hat schon wieder den Gaskocher in der Hand und kocht Kaffee mit seiner Bialetti.

Am Morgen

Er schickt mich zur Tankstelle, um für die Übernachtung zu bezahlen, das ist ganz einfach, ich muss mir nur das Kennzeichen merken, sagt er. Das Mädel hinterm Tresen kassiert zehn Euro und gibt mir einen Konsumationsgutschein für das Bistro nebenan. Das hat noch nicht geöffnet. Wir schmeißen uns also wieder ins Auto, pardon, den Truck („ Lisa! Es ist ein Truck, ein Auto ist ein PKW, wir sind kein scheiß PWK!“) essen Mandarinen und Äpfel, der dreifache Espresso wirkt irgendwann und ich kann halbwegs reden, müsste schon wieder aufs Klo. An Brüssel und Gent vorbei fahren wir zur Fähre nach Dünkirchen, das ist die geplante Etappe für heute Vormittag.

Wir haben wir viel Zeit zu reden, Truckerboy erklärt mir die Sache mit den Fahrzeiten und wann Pause gemacht werden müssen: Du hast deine Strecke, die du täglich absolvieren solltest, um pünktlich bei deiner Lade- oder Entladestelle zu sein, oft hast du da auch einen Termin, oder sonstige Termindruck in irgendeiner Form. Die sagen zum Beispiel, sie nehmen nur bis 16:00 Uhr an, und wenn sie Ärsche sind, du um 16:01 kommst, dann hast du Pech. Unsicherheitsfaktoren hast du sowieso schon genug, Staus, Umleitungen, irgendwelche technischen Defekte, Verzögerungen bei Ladestelle A, sodass du bei Ladestelle B zu spät kommst. Und die Fahrzeit darfst du auch nicht überschreiten. Das sind 2x täglich 4 ½h, vom Gesetzgeber vorgeschrieben, vom Fahrtenscheiber auf die Sekunde mitprotokolliert. Und wenn die überschritten sind, musst du eigentlich sofort stehen bleiben. Auch wenn du nur noch einen Kilometer oder zwanzig Meter bis zum Ziel hast, wurscht. Alles andere wird richtig teuer, wenn sie dich erwischen.

„Ich hätt mir nie gedacht, dass das so ein stressiger Job ist!“, sag ich.

„Das denkt sich niemand“, sagt Truckerboy. „Jeder denkt immer, dass das selbst der ungebildetste Trottel machen könnte. Aber diesen konstanten Termindruck, den musst du nervlich erst mal aushalten!“ Ich stimme zu. Und dann legt er nach: „Und dann glauben sie alle noch, ich verdiene so viel, mit den Diäten und den Überstunden. Das mag schon sein, dass sich das summiert, aber trotzdem verdiene ich nur nach Kollektiv. Ich brauch Diäten und Überstunden, dass ich so viel verdiene, wie eine Putzfrau.“

Aber natürlich, der Lohn ist niedrig. Ob es deswegen auch viel Schmuggel gibt, frage ich und er zuckt mit den Schultern, er schätzt schon. Sagt, von den 300 LKWs die später mit uns in Dünkirchen auf die Fähre fahren werden, haben sicher zwanzig irgendwas Illegales geladen.

Kontrolliert wird stichprobenartig, in den letzten Jahren mehr auf Schlepperei, als auf Schmuggel. Dass es gefährlich ist, man da sehr aufpassen muss. Dass er schon Geschichten gehört hat, von Fahrern, denen die Plane geritzt worden ist, von Flüchtlingen, die sich in Dünkirchen oder Calais auf dem Truck versteckt haben, um nach England zu kommen.

Dass du da als Fahrer sofort wegen Schlepperei dran bist, auch, wenn sich da einer ohne dein Wissen zu deiner Ladung schleicht. Ob ihm so etwas auch schon passiert ist? Nein.

Aber ein komischer Typ in Ramsgate hat ihn einmal in einem Beisl angesprochen, ob er ihm Koks von Holland nach England fahren möchte, um 15.000 Euro.

„Und?“, frag ich. „Bist deppat, ich verlier nicht meinen Job oder geh gar in den Hefen, nur dass die Briten zu ihrem Stoff kommen!”, sagt er.

Aber dass es viel Geld ist, lächerlich viel, darüber sind wir uns einig, gerade wenn man bedenkt, wie niedrig die Löhne bei den Fernfahrern sind. Und je weiter du in den Osten kommst, desto niedriger werden sie.

Trucks auf der Faehre

Zu Mittag

Ich freu mich richtig, das letzte Mal Fähre über den Ärmelkanal ist bei mir über fünfzehn Jahre her. Mit all den anderen LKWS kriechen wir in den Bauch der Fähre. Und plötzlich ist alles stressig. Ich hab mich gefreut, auf den chilligen Kaffee am Sonnendeck, aber Truckerboy belehrt mich eines besseren.

Es gibt auf der Fähre einen Bereich, der ist nur für die Trucker, mit Duschen und Essen, man muss das schnell erledigen, sonst sind die Duschen grauslich, das Essen aus. Er geht also duschen, ich nach draußen rauchen, schau mir an, wie das Schiff den Hafen verlässt und lasse mich von den anderen Truckern begaffen, als wäre ich ein Alien.

Lisa an der Rehling

Es sind alles nur Männer, viele von ihnen in Jogginghosen, Sicherheitsjacken und Flipflops, die meisten davon Osteuropäer. Truckerboy und ich treffen uns in der Kantine, wo wir es schwer haben, überhaupt noch einen Platz zu finden.

Der Steward schnauzt uns an, weil wir uns beim Buffet selbst bedienen, das Essen ist heiß, Selbstbedienung ist aus versicherungstechnischen Gründen verboten. Man merkt dem Typen an, wie sehr er die Trucker und seinen Job hasst. „Wundert’s dich, schau dich um!“, sagt Truckerboy „Die meisten sind grauslig, fett, stinken und bringen nicht mal ein bitte oder danke raus.“ Ich weiß, was er meint, genauso wie ich es hier sehe, sind die Fernfahrer, die ich bisher kannte, genauso habe ich es mir vorgestellt.

In der Kantine

Es gibt eine eigene Dusche für uns Damen. Man muss sich beim Steward den Schlüssel dafür holen. Natürlich ist es keine tolle Dusche, natürlich kleben da Haare und es ist seltsam zu duschen, wenn sich der Boden wegen des Wellengangs bewegt. Aber ich habe es besser erwischt, als die Herren. Deren Duschbereich ist immer noch überfüllt, im Vorbeigehen sehe ich einen Mann seinen Penis und seine Achseln komplett ungeniert im Waschbecken säubern.

 Dover - beste Lichtstimmung der ganzen Woche!

Am Abend

611km waren es heute wieder, wir landen in Watford, nordwestlich von London auf einem Rastplatz. Ich bin mittlerweile sogar zu faul um mir ein Klo zu suchen, Truckerboy lacht nur mehr, weil ich mich ohne zu Zögern mit meinen Taschentüchern unter den Auflader verziehe.

Wir trinken belgisches Starkbier (eiskalt, der LKW hat einen Kühlschrank) und spielen Kochshow. Wir essen aus der Pfanne, Truckerboy mit Gabel, ich mit Löffel, dazu Butterbrote, ein bisschen Gemüse und beobachten währenddessen die anderen Fahrer beim Pinkeln. Fernfahrerromantik pur.

Ihr wollt die ganze Reise nachlesen? Do it!

#1 Prolog: Die Truckerbraut: Viertausendundzehn Kilometer

#2 Tag 1: Mit dem LKW von Salzburg nach Wales und zurück

#3 Tag 2: „Ums Verrecken könnt ich keine Tiere durch die Gegend fahren!“

# 4 Tag 3: “Jetzt wartets. I muss mi konzentrieren. Jetzt kommen die Nutten!“

# 5 Tag 4: „Weißt, ich bin ja echt einiges gewohnt. Aber das war die ekelhafteste Dusche meines Lebens!“

# 6 Tag 5: „Das machen sonst nur die im Uboot!“

#7 Tag 6: “Wer eine Warnweste trägt, gehört dazu!”

Die Fotos stammen alle von der Autorin.

Lisa-Viktoria Niederberger

Die Quoten-Oberösterreichin im Team hat die Salzburger und das Schreiben in und über Salzburg lieben gelernt. Ob literarisch oder journalistisch ist zweitrangig, in einer Stadt, wo man die Inspiration quasi vor der Haustüre findet.