Aus dem Magazin

Ich habe aufgehört, meine Beine zu rasieren

Und möchte mich nicht revolutionär fühlen.

Freiheit fürs weibliche Beinhaar

Jahrelang habe ich versucht, haarlose Frauenbeine zu meinem Naturzustand zu machen. Seit drei Monaten ist das vorbei und da wo früher Kahlschlag war, sprießt jetzt wilder Wald. Das fühlt sich fremd und richtig zugleich an und zeigt: Wir sollten ehrlicher mit uns selbst sein, wenn es um Schönheitsideale geht.

Fotos: Michael Imhof

Dass ich plötzlich keinen Rasierer mehr an meinen Beinen anlegen wollte, lag eigentlich an schnödem Pragmatismus und Resignation. In meinem Leben habe ich es noch nie geschafft, die Beinrasur in meine Morgenroutine einzubauen. Im Gegenteil – Im Laufe der Jahre habe ich meine Zeit im Bad am Morgen auf ein Minimum reduziert, um lästigen Stress vor dem ersten Kaffee zu vermeiden: Dusche, Zähne, Haare, bisschen Schminke für die Augen. Was natürlich zur Folge hatte, dass ich meistens kurz vor spontanen Unternehmungen noch ins Bad hechtete, um die Drei-Tage-Stoppeln auf den Beinen zu entfernen. Meist war der aufladbare Elektrorasierer leer, und ich schabte mit dem Nassrasierer über die trockene Haut. Meine Beine waren zwar dann voller roter Punkte, aber immerhin haarlos. Und das gehörte sich so für eine Frau, hatte mir vor vielen Jahren meine zwölfjährige Mitschülerin mit angewidertem Blick auf meinen präpubertären blonden Flaum auf den dünnen Mädchenbeinen eingebläut. Du musst die Göttin in dir erwecken, und die ist nun mal glatt.

Wie beinahe alle Frauen in meinem Umfeld

plünderte ich also Jahr für Jahr die Regale mit Haarentfernungsprodukten im Drogeriemarkt, experimentierte herum, rieb meine Beine mit stinkenden Cremes ein, tropfte heißes Wachs drauf und investierte schließlich in besagten Elektrorasierer. Die Cremes verstopften den Abfluss in der Dusche meiner Eltern, das Wachs klebte nachher am Teppich und ich landete immer wieder beim Nassrasierer. An jenem Tag vor drei Monaten beschloss ich aber, mich von ihm zu trennen. Ich war spontan zum Beachvolleyball verabredet, mit Freunden, Männer, die vor dem Sport keinen Gedanken daran verschwenden, ob ihr Körper nach Isolation und Homeoffice gerade öffentlichkeitstauglich ist: Ob auf der Oberlippe keine schwarzen Härchen wuchern, die Achseln glatt sind, die Frisur ganz okay ist oder ob es Make-Up bedarf, weil man müde ausschaut nach dem Starren in den Bildschirm.

Weiblichen Körpern wird suggeriert, dass sie in ihrer natürlichsten Form nicht sozial kompatibel sind. Dass sie gefälligst täglich Zeit und Geld zu investieren haben, um ihrer Weiblichkeit Ausdruck zu verleihen.

Wir kenne Szenen aus Hollywoodfilmen,

in denen weibliche Hauptfiguren an ihren arbeitsfreien Tagen auf der Couch ihrer New Yorker Wohnung lümmeln, Eis en masse löffeln und dabei völlig verlaust und verwahrlost ausschauen, weil sie ihre Körperpflege für einen Tag vernachlässigt haben. Weiblichen Körpern wird suggeriert, dass sie in ihrer natürlichsten Form nicht sozial kompatibel sind. Dass sie gefälligst täglich Zeit und Geld zu investieren haben, um ihrer Weiblichkeit Ausdruck zu verleihen. Aber Körper sind nun mal haarig, Geschlecht egal. So dachte ich mich in Rage und packte den Rasierer weg, schlüpfte in die kurze Sporthose und verließ das Haus.

Drei Monate sind seitdem vergangen und aus den Stoppeln sind lange Haare geworden,

schwarze und blonde. Ich kann sie spüren, wenn ich draußen unterwegs bin und die Härchen durch die Bewegung meine Haut sanft berühren. Es gibt Tage, an denen es mir nicht besonders gefällt. Dann stehe ich vor dem Spiegel, mache zwei Schritte vor und zurück, um herauszufinden, wie weit jemand von mir entfernt stehen muss, um meine haarigen Beine zu entdecken (es sind etwa drei Meter). Dabei bin ich ein heller Typ, blass und im Sommer eher rot als gebräunt und auch meine Freundinnen bezeichnen meine Beinhaare hilfsbereit als unauffällig. Entgegenkommend, um mir damit zu sagen: Dein Beinkleid ist diskret, mach dir keine Sorgen, das ist immer noch ganz weiblich. Und ich erwische mich regelmäßig dabei, wie ich mich darüber freue.

Die erste Zeit nach dem Aufforsten verstecke ich meine Beine,

trage lange wehende Röcke an den warmen Tagen oder knie mich beim Sitzen so hin, sodass die Oberschenkel meine Unterschenkeln verbergen. Gleichzeitig trauere ich dem dahinschwindenden Sommer mit den Sommerkleidern hinterher und der Freiheit, sich in kurze Schnitte zu hüllen und von der Wärme der Augusttage tragen zu lassen. Ich suche das Netz nach Fotos von Frauen mit Beinhaar ab, nach weiblichen Vorbildern, Influencerinnen und Models in High Heels. Das Internet zeigt sich da von seiner hässlichsten Seite: In den Kommentarspalten schlägt den Frauen Hass entgegen. Von ekelhaft ist da die Rede, männlich, ungepflegt, und manche Frauen berichten von Vergewaltigungsdrohungen. Als Frau reichen haarige Beine offenbar aus, um den wütenden Mob auf den Plan zu rufen.

Aber es gibt auch Tage, an denen fühle ich mich wohl.

Ich genieße das mir bisher ungekannte Gefühl auf meinen Beinen, wenn der Wind durch das Haar fährt und mich auf der Haut kitzelt. Wenn ich zuhause am Laptop sitze, zwirble ich meine Haare manchmal nachdenklich. Oder streichle über die Schienbeine und fühle ein Stück Ich, das nicht mit Rasiermessern diszipliniert werden muss. An solchen Tagen schaue ich in den Spiegel und bin weniger streng mit mir, fühle mich auf sonderbare Art und Weise befreit vom Drang, einem gewissen Schönheitsideal entsprechen zu wollen. In der U-Bahn sitze ich dann in Shorts und bin stolz auf missbilligende Blicke. Ich fühle mich revolutionär, Badass Feminist und Selflove-optimiert.

Dabei sollte sich Beinrasur nicht so revolutionär anfühlen.

Es gibt andere größere Fronten, an denen Frauen kämpfen: Gleiche Bezahlung, intersektionale Diskriminierung, Gender Health Gap, Care-Arbeit. Manchmal bin ich unsicher, ob ich den Feminismus mit meiner Diskussion über Beinhaare ins Lächerliche ziehe. Über Rasur zu schreiben, fühlt sich nämlich an, wie im Internet über gendergerechte Sprache zu diskutieren. Es wird da immer einen onkeligen Friedrich Merz geben, der in spöttischem Ton daran erinnert, dass es doch drängendere Probleme gibt als dieser Genderstern. Die onkeligen Typen interessieren sich für die drängenderen Probleme ironischerweise trotzdem nicht.

Ich bin aber der Meinung, dass unser Ekel vor weiblichem Beinhaar ganz gut in die misogyne Grundhaltung passt, von der unsere Gesellschaft durchsetzt ist. Simone de Beauvoir, die Godmother of Feminism, vergleicht weibliche Schönheitsideale quer durch die Geschichte mit passiven Eigenschaften eines Objekts: Hohe Absätze, Reifröcke, Korsette, lange Fingernägel, Schminke und Schmuck schränken die Bewegungsfreiheit ein und lassen den Körper erstarren und künstlich erscheinen. Anders ist es nicht zu erklären, dass alles, was funktional und praktisch ist, einem männlichen Schönheitsideal entspricht: bequeme Schuhe und weite Kleidung etwa. Und Körperbehaarung.

Aus diesem Grund misstraue ich dem Argument, dass Menschen glatte Beine einfach aus persönlichem Geschmack bevorzugen. Natürlich kann es Spaß machen, den eigenen Körper zu gestalten und zu dekorieren, sich an der Mode und den Spielmöglichkeiten des individuellen Ausdrucks zu vergnügen, lange Fingernägel zu tragen, sich mit Schmuck zu behängen oder in hohen Absätzen herumzustelzen. Aber es lohnt sich, die eigenen Schönheitsideale zu hinterfragen. Geschmack ist nicht angeboren, sondern Ergebnis von kulturellem Aushandeln und Prägungen durch das Umfeld. Niemand wird geboren und findet Missfallen an dunklem Beinhaar bei Frauen, während er oder sie es bei Männern archaisch und sexy findet. Diese Beobachtung mache ich an mir selbst: Dass ich meine Beine nur deshalb haarlos haben will, weil das einer allgemeinen Norm entspricht.

Ich widerstehe deshalb wiederholt dem Drang, zum Rasieren zu greifen.

Dabei spielt mir auch die Zeit in die Hände. Nach drei Monaten habe ich mich an meine haarigen Beine beinahe gewöhnt. Nur wenn ich neuen Menschen kennenlerne, bevorzuge ich lange Hosen und Kleider. Ich möchte nicht in eine Schublade gesteckt und für eine unparfümierte (und ungeimpfte) Esoterikerin gehalten werden, weil weiblicher Wildwuchs immer noch so wenig verbreitet und deshalb ein Klischee ist. Um dieses Klischee zu zerschlagen finde ich, dass viel mehr Frauen den Rasierer in Rente schicken sollten. Damit unrasierte Frauenbeine sich nicht mehr revolutionär anfühlen, keine Schubladen bedienen, sondern alltäglich sind. Dann können Frauen eines Tages vielleicht wirklich frei nach ihrem Geschmack die Körperhaare entfernen oder nicht.

Veronika Ellecosta wohnt, studiert und arbeitet mittlerweile in München, ist aber nach wie vor in Salzburg und einen Salzburger verliebt. Gerne ist sie auch zuhause jenseits des Brenners. So fährt sie halt viel Zug und hat bemerkt, dass man dabei eigentlich auch ganz gut schreiben kann.

Datenschutz
Wir, Salt & Söhne OG (Firmensitz: Österreich), würden gerne mit externen Diensten personenbezogene Daten verarbeiten. Dies ist für die Nutzung der Website nicht notwendig, ermöglicht uns aber eine noch engere Interaktion mit Ihnen. Falls gewünscht, treffen Sie bitte eine Auswahl:
Datenschutz
Wir, Salt & Söhne OG (Firmensitz: Österreich), würden gerne mit externen Diensten personenbezogene Daten verarbeiten. Dies ist für die Nutzung der Website nicht notwendig, ermöglicht uns aber eine noch engere Interaktion mit Ihnen. Falls gewünscht, treffen Sie bitte eine Auswahl: