Tag 5 und Lisa ist wirklich muede
Aus dem Magazin

Trucker-Tagebuch: „Das machen sonst nur die im Uboot!“

Tag 5: km 2500 – 3842, Witham (England) – Fernthal (Deutschland)

Truckerboy hat vergessen sein Telefon auf leise zu drehen, es hat mich nachts dreimal geweckt, dann er noch einmal, weil er beim Pinkeln das Licht im Truck angemacht hat. Als er um Mitternacht aufsteht, gut erholt und frisch motiviert, wieder das Licht aufdreht, werfe ich ihm an den Kopf, dass ein Aufenthalt in Guantanamo mehr Spaß machen muss, als diese Scheiße hier.

Mitternacht

Ich gehe pinkeln, der blöde Ungar nimmt mir wieder das halbwegs saubere Klo weg, ich versuche ihn mit Blicken zu töten. Dann eine rauchen, es ist windig, eiskalt. Obwohl es Mitternacht ist, ist voller Betrieb in der Spedition, überall wuseln Leute in Warnwesten herum, schreien sich Sachen zu.

Aufladen

Truckerboy schüttet wieder Kaffee in mich rein, lässt mich in Ruhe, während ich meinen Apfel esse. Noch nie, in der Geschichte des Apfelessens, ist ein Apfel so passiv aggressiv gegessen worden. Ich bin übermüdet, komplett fertig, mir haut’s die PMS raus, wie noch nie zuvor in meinem Leben und ich möchte meinem Begleiter am liebsten ins Gesicht springen, weil ich so erledigt bin. Ich hab immer gedacht, fünf Jahre Nachtgastro haben mich abgehärtet und eigentlich bin ich mir auch sicher, dass ich gut was wegstecke. Als Truckerboy mir sagt, dass wir heute einen 15-Stünder machen (also 15 Stunden reine Arbeits- bzw. Fahrtzeit), „damit da endlich mal was weitergeht!“, würde ich mich am liebsten heulend auf den Boden legen, so mies ist meine Stimmung, so kaputt mein Schlafrhythmus.

Das magische Wort „Sammelgut“ bedeutet im Endeffekt, dass du lauter Scheiß geladen bekommst, der miteinander überhaupt nichts zu tun hat und der von irgendwo kommt und dann  irgendwo hin weiterverteilt wird.

In unserem Fall sind das heute z. B. handgemachtes Geschirr aus Dover für Russland, Kekse, irgendwelche Dekogegenstände, Holz und zig Tonnen anderer Kram. Das alles passt nur in den Trailer, wenn sie das, was wir schon geladen haben (also den Ingwer und die Tomaten und das ganze andere Zeug von gestern) erst wieder ausladen. Jeder Lagermeter muss effektiv genutzt werden. Mit dem Abladen vergehen zwei Stunden. Irgendwann bemerken sie, dass es so, wie sie das möchten, nicht geht. Truckerboy muss die Plane lösen, den Trailer nun auch noch von der Seite öffnen, um sperrige Holzteile sicher zu verstauen. Es ist windig und kalt, er klettert auf dem Trailer herum, löst Schnüre.

„Wie machen das die ganzen fetten Fahrer?!“, frage ich.

„Die haben Leitern! Ich brauche keine Leiter, ich bin cool!“, sagt Truckerboy und lacht. So genervt und verzweifelt auch er über diese Horrorladung ist, irgendwie merke ich, dass es ihm Spaß macht, ihm einen Kick gibt.

Ich koche mehr Kaffee, es ist drei Uhr morgens, und esse Kekse aus einer verbeulten Blechdose, die von der Palette gefallen ist. In einem spontanen McGyver-Moment meinerseits repariere ich den Deckel von Truckerboys kaputtem Kaffeekocher mit einer umgebogenen Haarnadel. Nach dem sechsten Espresso fühle ich mich halbwegs menschlich und kann sogar über Truckerboy lachen, als er komplett angeekelt zurück in den Truck kommt, nach meinen Abschminktüchern schreit, weil „ ich Trottel hab die ekelhafte Klobrille da drin angefasst!“.

Nach über drei Stunden ist die Ladung endlich komplett, wir sind voll bis unters Dach. Man darf maximal 24 Tonnen laden, bei uns sind es jetzt 23.

MI 4 Voll bis unters Dach

Wir machen uns auf den Weg zur Autobahn, das letzte, das ich höre, bevor ich in einen unruhigen Schlaf falle, ist Truckerboys Kumpel G. über die Freisprechanlage, der wieder den Nutten am Straßenrand mit seinem Türkenpfeiferl eine Freude macht.

In der Früh

Gegen fünf weckt mich Truckerboy, wir sind auf einem Autohof in der Nähe von Dartford, er will hier endlich duschen. Ich komme mit und erstehe im Halbschlaf in einem Laden sackerlweise Essigchips und andere Grausligkeiten als Mitbringel. Zurück im Truck schlafe ich sofort wieder ein und werde zwei Stunden später geweckt, als wir in Folkstone in der Warteschlange für den Eurotunnel stehen.

Powernap im Eurotunnel

Nachdem bei uns und unserer Ladung alles passt, werden wir durchgewinkt und dürfen uns in die nächste Schlange stellen. Nämlich die für den Zug durch den Eurotunnel. Es ist eine seltsame Prozedur. Truckerboy fährt den LKW auf einen Zug, mit uns zig andere LKWs. Wir steigen aus, es kommt ein kleiner Bus, der uns und die anderen Fahrer aufsammelt und zum Personenabteil des Zuges bringt. Es ist sieben Uhr morgens, alle sind verschlafen, die meisten Fahrer wieder in Jogginghosen, Schlapfen und Sicherheitsjacken, ich selber habe noch die Abdrücke vom Polster im Gesicht. Alles muss zackig gehen, die Busfahrer brüllen Kommandos, wir schleichen in den Zug. Wieder ist alles voller Natodraht und Kameras. Es ist stressig, ein Geschiebe, ich fühle mich komplett unwohl. Auch im Zug dann. Einerseits weil wir uns in den nächsten 50 Kilometern meistens 40m unter dem Meeresgrund (!!) befinden und anderseits, weil ich schon wieder die einzige Frau unter knapp hundert Männern bin. Und die wenigen, die nicht schlafen, schauen mich an, als wäre ich ein Eindringling, der in ihrer Domäne nichts verloren hat.

Als ich von der Toilette komme, macht mich Truckerboy auf einen wunderbaren Umstand aufmerksam: „Schau, jetzt hast du was für deine Memoiren. Kannst sagen, dass du unter dem Meer am Klo warst. Das können nicht viele! Nur die im Uboot.“

Stacheldrah-Calais

In Calais ist es dann plötzlich hell und wieder alles voller Zäune, Kameras und Stacheldraht. Auf den Zäunen, in den Zäunen, unter den Zäunen, damit man nicht darüber springen kann.

„Der ganze Natodraht, der ist so Nazi. Den sehe ich und ich denk an Nazis. Überhaupt, auch noch dieses in den Zug gepfercht werden, das ist alles so Nazi!“

Als wir Calais verlassen, erzählt er mir viel vom Dschungel, dem großen Flüchlingslager. Gemeint ist eine Zeltstadt, ganz in der Nähe, die zu Spitzenzeiten im Sommer 2016 bis zu 9.000 Flüchtlinge beherbergt hat. Letzten Herbst wurde sie aufgelöst.

Schlimm war das, sagt Truckerboy. Du hast es gesehen, aus der Entfernung und überall sind Leute gewesen, hunderte. In den Feldern neben der Autobahn, auf dem Pannenstreifen, zum Teil einfach über die Fahrbahn gelaufen. Ihnen wurde damals vom Dienstgeber gesagt, sie dürfen ab 150 km vor Calais gar nicht mehr stehen bleiben, zu groß die Gefahr, dass sich jemand auf dem Trailer versteckt und sie unwissend zum Schlepper werden.

Ganze Menschentrauben sind damals auf den Zäunen vorm Eurotunnel gehängt, zwischen dem Stacheldraht, haben die LKWs dahinter beobachtet. „Grauslig war das. Schlimm. Wie in einem Horrorfilm“, erzählt er und zeigt auf einen Haufen Polizeiautos in einem Feld. „Dahinter ist ein ungesicherter Autohof. Deswegen steht da immer Polizei und schaut, dass von den Feldern keiner kommt und sich dort Zutritt verschafft.“ Nur, weil der Dschungel nicht mehr ist, heißt das natürlich nicht, dass es keine Flüchtlinge auf der Suche nach Überfahrt in Calais mehr gibt.

Am Vormittag

Es ist zehn, wir tuckern gemütlich über die belgische Autobahn. Truckerboy ist seit 10 Stunden im Einsatz und das sprühende Leben, ich hasse noch immer die Welt und mein Leben und den Teufel, der mich geritten hat, ihn zu begleiten. Wir essen Popcorn und Chips, etwas Obst. Zeit für eine ordentliche Mahlzeit war heute bisher nicht.

Zu Mittag

Die zweite 4 ½ -Stunden Fahrtschicht für heute ist vorbei, der Tank leer, also machen wir wieder in Eynatten halt, genau dort, wo wir die erste Nacht verbracht haben und in dieser tollen Disco abgestürzt sind. Truckerboy ballert Diesel im Wert von vierhundert Euro in seinen Tank und ich komme endlich in den Genuss des berühmten Eynatten-Omelettes. Es ist unsere erste Mahlzeit heute – nach 14 Stunden auf den Beinen. Die Kellnerin ist die selbe, wie am Sonntag und kann sich tatsächlich noch an uns erinnern, was uns beide irgendwie sehr freut.

“Mach doch den C-Schein. Werd mein Co-Chauffeur. Wir wären so das geile Truckerpärchen!“

“Ich denke nicht, ich schreib lieber drüber, wie scheiße dein Job ist und versuche das negative Bild, das die Öffentlichkeit von deiner Branche hat, ein bissl zu korrigieren.“

„Ja. Des is natürlich a ned bled.“

Am Nachmittag

… und weil wir ja heute unseren tollen 15 Stunden Tag machen, schmeißt Truckerboy sich noch einmal hinters Steuer und wir fetzen Richtung Deutschland, nur um auf der Höhe von Köln wieder richtig schön im Stau zu stehen. Truckerboy und ein anderer Fahrer, versuchen eine Rettungsgasse zu bilden und keiner macht mit.

Bald sehen wir, dass es den Stau nur gegeben hat, weil auf der Gegenfahrbahn ein massiver Unfall gewesen sein muss. Da liegt ein LKW mit zerdepperter Windschutzscheibe, der Boden ist voller Löschsand, viel Feuerwehr und Polizei steht herum.

Kaum sind wir an der Unfallstelle vorbei, hat sich auch der Stau aufgelöst, was Truckerboy erneut zu einem verbalen Ausbruch bringt, weil er der Überzeugung ist, dass es den Stau nur deswegen gegeben hat, weil die Leute langsamer fahren, damit sie ordentlich gaffen können. „Weißt, ich schau ja auch kurz hin. Aber dann schau ich wieder weg und brems doch nicht dafür. Da schau ich hin und wünsch mir, dass mir sowas nie passiert und gut ist’s!“

In Fernthal bleiben wir stehen, ich benütze die sauberste und wunderbarste Dusche, seit wir Salzburg verlassen haben, zahle liebend gerne 3,50 € dafür. Truckerboy kocht Speckbohnen und Steak, ich bin fast zu müde zum Kauen, zu kaputt um nach dem Essen noch die fünfzig Meter bis zum Klo zu gehen und krieche wieder mal mit Taschentüchern unter den Aufleger. Als ich wiederkomme, schläft er schon. Er ist heute über 18 Stunden munter gewesen, hat davon 15 gearbeitet und ist knapp 640 Kilometer gefahren. Mich wundert nicht mehr, dass es anscheinend genug Trucker gibt, die irgendwelche Aufputschmittel schmeißen.

MI T1 wer viel fährt...

Ihr wollt die ganze Reise nachlesen? Do it!

#1 Prolog: Die Truckerbraut: Viertausendundzehn Kilometer

#2 Tag 1: Mit dem LKW von Salzburg nach Wales und zurück

#3 Tag 2: „Ums Verrecken könnt ich keine Tiere durch die Gegend fahren!“

# 4 Tag 3: “Jetzt wartets. I muss mi konzentrieren. Jetzt kommen die Nutten!“

# 5 Tag 4: „Weißt, ich bin ja echt einiges gewohnt. Aber das war die ekelhafteste Dusche meines Lebens!“

# 6 Tag 5: „Das machen sonst nur die im Uboot!“

#7 Tag 6: “Wer eine Warnweste trägt, gehört dazu!”

Die Fotos wurden von der Autorin zur Verfügung gestellt.

Lisa-Viktoria Niederberger

Die Quoten-Oberösterreichin im Team hat die Salzburger und das Schreiben in und über Salzburg lieben gelernt. Ob literarisch oder journalistisch ist zweitrangig, in einer Stadt, wo man die Inspiration quasi vor der Haustüre findet.