10 Bücher über Angst

Sie ist ein so vielfältiges, breit gefächertes und interessantes Thema, dass es wohl unzählige Romane über sie gibt: die menschliche Furcht. Mareike Fallwickl hat sich ein paar Bücher dazu angesehen.

Was ist Angst? Allein das Nachdenken über diese Frage offenbart, dass es vieles gibt, was uns in Schrecken versetzt. Wir können uns vor etwas fürchten oder um jemanden Angst haben, wir kennen Geldsorgen und den Grusel, wenn wir nachts durch eine finstere Gasse gehen oder Geräusche aus dem Keller hören, wir ängstigen uns oft vor dem, was wir nicht kennen, und am meisten Angst jagt uns wohl der Tod ein. Für die Literatur bedeutet diese Bandbreite an Varianten des Erschreckenden vor allem eins: viel Potenzial für gute Geschichten. Zehn davon hab ich für euch ausgewählt.

Claudia Schumacher: Liebe ist gewaltig

Juli ist 17 und will nicht erzählen, was bei ihr zuhause los ist. Dort wütet hinter geschlossenen Türen der Vater. Er verprügelt Julis Mutter und ihre drei Geschwister, macht sie runter, intrigiert und manipuliert, nie weiß man, was ihn als Nächstes zum Explodieren bringt. Alle fürchten sich vor ihm. Dieses Buch ist hart, heftig und triggernd. Es ist auch sprachmächtig, intelligent und kraftvoll. Es macht den Schmerz der Hilflosigkeit und die Angst vor männlicher Gewalt sichtbar, während sie in unserer Gesellschaft stets im Verborgenen gehalten werden.

Doris Knecht: Die Nachricht

Hass im Netz sind Frauen, trans und nichtbinäre Menschen tagtäglich ausgesetzt – bisher noch so gut wie ohne Schutz. In diesem Roman erhält Ruth anonyme Nachrichten, die sie beschimpfen und verspotten, und wer auch immer sie schreibt, kennt beängstigend viele Details aus Ruths Leben. Die vulgären Verleumdungen gehen auch an Menschen in Ruths Umfeld: ihre Freundinnen, ihre Arbeitgeber, ihren Sohn. Sie erlebt virtuelle Gewalt, Victim Shaming und eine sich konstant steigernde Panik. Ein wahnsinnig beklemmender und wahnsinnig guter Roman.

Grit Krüger: Tunnel

Dieses Buch behandelt die nackte Angst ums Überleben – und das in einem Wohlstandsland wie Deutschland. Mascha und ihre Tochter Tinka leben unter so prekären Umständen, dass sie nicht mehr heizen können. Sie haben kein Geld für Essen, für Busfahrten, für Kleidung. Mascha gelingt es, eine Anstellung im Altenheim zu finden, doch die Probleme werden dadurch nicht weniger. „Tunnel“ erzählt von Existenzangst und Armut und benennt, woran es mangelt: an echten, realisierbaren Wegen aus der Armut heraus. An Hilfe, an Gemeinschaft, an Solidarität.

Torrey Peters: Detransition, Baby!

Transfeindlichkeit bringt Menschen in Gefahr, und dieser Roman thematisiert Furcht gleich zweifach: Er liefert Informationen, durch die sich Transition und Detransition besser verstehen lassen, und zeigt auf, wie es trans Menschen in dieser Gesellschaft ergeht. Torrey Peters erzählt von Reese und Amy, die beide einmal trans Frauen waren. Heute lebt Ames als Mann und schlägt Reese vor, zu dritt mit Katrina, die von ihm schwanger ist, ein Kind großzuziehen. Damit wird eine weitere Angst aufgegriffen: jene vor bunten Familien, die vom Stereotyp abweichen.

Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz

Es mag sich dabei um ein Kinderbuch handeln, aber bei Astrid Lindgren spielt das keine Rolle: Ihre zeitlosen Geschichten richten sich auch an Erwachsene. Für mich ist dies eins der besten Bücher über die Angst vor dem Tod, und das Schöne an Astrid Lindgren als Autorin ist, dass sie ihren Lesenden – unabhängig davon, wie alt sie sind – etwas zutraut: Sie erzählt nicht um das Traurige drumherum, sondern mitten hinein. Das tut weh und ist zugleich sehr tröstend. Ein wunderschöner Kinderroman, den man am besten hundertmal lesen sollte.

Lastesis: Verbrennt eure Angst!

LASTESIS ist ein chilenisches Kollektiv, das mit der viral gegangenen Performance „Un violador en tu camino“ (Ein Vergewaltiger auf deinem Weg) bekannt geworden ist. Dieses kleine, wuchtige Buch ist ihr Manifest. Sie erzählen, warum sie diese Performance organisiert haben, welche Katharsis Kunst bedeuten kann – und wieso Aufmerksamkeit für diese Themen so wichtig ist. Sie schreiben gleichermaßen zornig wie nüchtern über Femizid und sexualisierte Gewalt, über die Notwendigkeit, die Ketten des Patriarchats zu sprengen, ohne Angst davor zu haben. Ein Buch, das Hoffnung macht und Mut.

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Noch ein Buch, bei dem die Angst im Titel steckt und das für Furore gesorgt hat, es wird auch als Theaterstück aufgeführt. Es gilt als wichtiger Beitrag zur identitätspolitischen Debatte der Gegenwart und handelt von einer Schwarzen queeren Frau aus Ostdeutschland, die mehrfach marginalisiert ist und permanent Mikroaggression erlebt. Der Roman ist in Dialogform gehalten und zeigt Übergriffigkeit sowie Rassismus auf. Da die Protagonistin sich ihrer Privilegien aber bewusst ist, entsteht automatisch eine interessante Widersprüchlichkeit. 

Verena Keßler: Eva

Was uns allen Angst macht oder mehr Angst machen sollte, ist die Klimakatastrophe. Ihr widmet sich Verena Keßler auf raffinierte Weise, indem sie die Lehrerin Eva Lohaus erfindet, die sich Feinde macht. Sie sagt nämlich, die Menschen müssten aufhören, Kinder zu bekommen, weil der Planet die Überbevölkerung nicht mehr tragen kann. Davon ausgehend, entwirft die Autorin einen klugen Plot mit verschiedenen Frauenfiguren und unterschiedlichen Sichtweisen auf Mutterschaft und den Klimawandel. Wirklich genial.

Simone Lappert: Wurfschatten

Wenn es um Angst geht, darf dieser Roman nicht fehlen, denn Protagonistin Ada fürchtet sich schlicht und ergreifend vor allem. Sie kann nicht schlafen, kann die Vorsprechen, zu denen sie eingeladen wird, nicht wahrnehmen, hat kein Geld, kaum Freunde, und die rosigen Aussichten werden immer weniger. Da Ada zudem mit der Miete im Rückstand ist, bekommt sie einen Mitbewohner in die Wohnung gesetzt: den jungen Goldschmied Juri, dessen Vater gestorben ist. Die Annäherung der beiden beschreibt die Autorin erfrischend, unbedarft und schön.

Naomi Alderman: Die Gabe

Dieser Roman hat nicht zuletzt dadurch Bekanntheit erlangt, dass er kürzlich mit namhaften Schauspieler:innen als Serie verfilmt wurde. Naomi Alderman bedient sich eines klugen Tricks, um die Angst der Frauen vor den Männern umzukehren: Frauen können plötzlich Elektrizität aus ihren Händen schießen und werden dadurch zum stärkeren Geschlecht. Wer hat jetzt mehr Macht, wer fürchtet sich jetzt vor wem – und was für Konsequenzen hat das? Ein ungemein spannendes, sehr durchdachtes Buch, das Lesende ordentlich aufrüttelt.

Foto (c): Gyöngyi Tasi

Es ist so: Wir kennen keinen Menschen, der so viel liest wie Mareike. Wer uns nicht glaubt, kann auf Instagram nachschauen. Vielleicht ist das der Grund, warum sie so viel gelobt wird und so schöne Bücher schreibt. Hier steht alles zu ihrer Person oder halt zumindest ein Teil. Denn: Für uns bleibt die Mareike für immer ein bissi ein Wunder.

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