4 Jahre autofrei in Salzburg: eine Zwischenbilanz

„Aber wie geht ihr dann einkaufen?“ Seit Juli 2022 gibt’s bei den Floras kein Auto mehr. Mit einer Vorlaufzeit von einigen Monaten haben wir aufs Rad umgesattelt und Mitte 2022 ernst gemacht. Vorab gab es ganz viele Meinungen und noch mehr Fragen zu dieser Entscheidung: Wie geht ihr einkaufen? Wie besucht ihr die Eltern? Wie kommt ihr von A nach B? Was passiert, wenn die Kinder nicht mehr in den Anhänger passen? Alles gute Fragen, wie wir finden. Und deswegen gibt’s wieder einmal eine Zwischenbilanz zu vier Jahre ohne Auto in Salzburg.

Vorab vielleicht noch eine Info: Arbeit und Wohnung sind in unserem Fall fünf Gehminuten voneinander entfernt. Zur Kinderbetreuung sind es fünf Kilometer hin und wieder zurück, eine Distanz, die wir gern als „unseren Sport“ verbuchen. Unser Wirkungsbereich ist beinahe zu 100 Prozent in der Stadt Salzburg. Und wir fahren gerne Rad.

 

#1 Kein Auto in Salzburg zu haben ist unbequem und teilweise sehr frustrierend

Diesen Absatz müssen wir stehen lassen, denn er stimmt immer noch. Die Sommermonate in Salzburg waren einfach nur herrlich. Morgens an der Salzach radeln. Vor einem Laden stehen bleiben, absteigen, absperren und nicht 25 Euro Strafzettel zahlen müssen – herrlich. Radfahren im Sommer und Herbst ist zwar anstrengend (weil körperliche Betätigung), aber sehr lohnend (weil gutes Körpergefühl). Der heurige Winter verlangt uns leider sehr viel ab. Gefühlt sind wir nur am An- und Ausziehen, von uns, von den Kindern. Wir haben gelernt, dass das Streusalz die Radkette eintrostet,  zwei oder dreimal ist uns die Kette gerissen. Wir sind Stammkund*innen beim carlavelorep und immer sind wir durchgeschwitzt. Wir mussten uns oft sehr ärgern wegen den extrem schlecht geräumten Radwegen. Ohne Rad ist Salzburg unbequem, mühsam, kraftaufwendig. Und wir haben uns oft gewünscht, einfach ins Auto einsteigen zu können und uns, mit Sitzheizungswarmen Popsch, im Stau einzureihen. Und heuer zum ersten Mal wieder ein Probefahren für ein Auto ausgemacht.

#2 Seit einem Jahr haben wir ein E-Bike und jetzt noch was Neues

Boa, Leute, was war der Kauf vom E-Bike für eine erholsame Veränderung in unserem Leben. Plötzlich ging alles ganz leicht und aus dem Sport-Programm des Kinder-Weg-Bringens wurde eine ganz normale Transportroutine. Kinder in den Anhänger/Sitzerl stopfen, zumachen, schweißfrei fahren und schnell noch dazu. Das ging super, bis die Schulpflicht (und auch das Wachstum eines Kindes) uns einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Kinder und Schultasche waren für die Anhänger-Lösung zu viel, vor allem bei Regen. Die Kinder sind außerdem schon zu schwer, die Achse, die den Anhänger halten soll, stöhnt nur mehr und dauernd ist beim E-Bike irgendwas kaputt. Einfach, weil dieses Leben zu schwer ist für so ein Radl. Verständlich: Zwischen Februar 2025 und Dezember 2026 haben wir über 6.000 Kilometer auf das Rad gefahren. 

#3 Wir haben nach einer neuen Mobilitätslösung gesucht (und eine gefunden)

Die Diskussionen wurden mehr, der Leidensdruck höher (genauso wie die Reparaturkosten vom E-Bike). Während andere Kinder im SUV in die Einrichtung ihres Vertrauens gebracht werden, müssen unsere immer am Radl sitzen – im Schnee, im Regen, bei Sonnenschein. Irgendwann waren alle grantig – und dann kam die Lösung: Markus von marsbikes hat uns ein Longtale-Bike zum Testen angeboten. Das ist so eines mit langem Gepäcksträger, wo easy zwei große Kinder draufsitzen können. Was dieses Rad aber so besonders macht, ist der gigantische Korb vorne UND der anbringbare Regenschutz für die Kinder, der sich ganz leicht per Klettverschluss runternehmen lässt. Beinfreiheit für alle, Platz für die Schultasche und mehr, ein Rad, das auf diese Last vorbereitet ist und ganz ehrlich: Nach einer Woche testen haben wir eines für uns bestellt. Und das Probefahren mit dem Auto abgesagt. 

#4 Die Radspur wird immer beliebter – und das merkt man mittlerweile komplett

Zuerst haben wir unsere Haupt-Radfahrzeit nach vorne verlegt. Statt um halb 9 sind wir jetzt immer um halb 8 unterwegs. Kann man sich gar nicht vorstellen, WAS FÜR EINEN UNTERSCHIED das macht. Auf der Radspur ist richtig viel los, noch mehr natürlich auf den Fahrradstraßen, die auch mit Autos bummvoll sind (mit Menschen, die ihre Kinder in die Schule bringen, zb.). Bis auf einen Sturz wegen Glatteis hatten bis im letzten Jahr keine Unfälle, allerdings waren mindestens zehn sehr brenzlige Situationen dabei. Wir sind gespannt, was passiert, wenn im Sommer die S-Bike-Flotte den Radweg stürmt. Und wie sich unser Verhalten dadurch ändern wird. Btw.: Ab 1. Mai 2026 dürfen dann auch die E-Scooter nicht mehr am Radweg fahren. 

So schaut unser Testrad von MARS Bikes aus.

#5 Immer noch vieeeeel billiger? 

Dass unsere Räder immer noch billiger sind, als ein Auto, bleibt Tatsache. Aber ganz ehrlich: In den letzten Monaten hatten wir durch die Elekrifizierung unserer Flotte schon sehr viele Probleme, die auch mit Kosten verbunden waren. Reifenplatzer irgendwo am Weg (danke für nix an alle, die ihre Glasflaschen auf den Radweg schmeissen), Kette gerissen, Services, kaputte Reifen am Anhänger, etc. Was uns auch voll nervt: Unsere vielen täglichen Kilometer sind eine große Herausforderung für Akkus – im Durchschnitt sind es ca. 30 Kilometer pro Tag. Neben dem Kauf vom Longtale-Bike (ein paar Tausend Euro) und den Reparaturen hatten wir keine Ausgaben: Helme, Regenkleidung, etc. sind stabil. 

Vier Jahre autofrei – das haben wir geändert/angepasst

Wenn das Auto geht, bleibt das Leben gleich? Nein, auf keinen Fall – zumindest nicht bei uns. Wir haben es kaum bemerkt, aber unser Leben hat sich in den letzten vier Jahren stark verändert. Wir sind in ein Büro ohne Parkplatz gezogen, brauchen wir ja nicht mehr. Wir planen Ausflüge grundsätzlich und standardmäßig mit den Öffis (geht in den allermeisten Fällen ohne Probleme). Wir haben keine Hobbies (wie z. B. Skifahren) bei denen man viel transportieren muss. Wir packen überhaupt viel weniger ein, als früher mit Auto. Wir verwenden unseren Anhänger als Kofferraum für den Wocheneinkauf (geht eigentlich tadellos). Unser Radius hat sich definitiv verändert – ist kleiner geworden. Aber irgendwie scheint das niemanden zu stören. Mhm.

#6 „Richtig viel Bewegung, die wir so niemals gemacht hätten“ – stimmt eigentlich gar nicht mehr

Hat uns früher getaugt: dass wir uns selbst in eine tägliche Bewegung reingetrickst haben. Wir bewegen uns natürlich immer noch viel, aber mittlerweile hat der Transport-Wert den Sport-Wert beim Radeln abgelöst. Soll heißen: Wir fahren mit dem Rad, aber anstrengend ist nicht mehr. Der Motor übernimmt unser Treten – und wir sind einfach so froh deswegen. Viel Bewegung ist es nicht mehr, bissi vielleicht noch.

#7 Wir haben immer noch richtige Freude am Radfahren

Es hat ein wenig gedauert, aber mittlerweile können wir es uns (die meiste Zeit) gar nicht mehr anders vorstellen. Die Freude, auf dem Rad zu sitzen und der Salzach entlang zu radeln, an einem schönen (oder auch kalten Winter-)Tag ist so groß. Manchmal müssen wir uns ein Auto ausleihen und merken, wie viel komplizierter das Leben mit Auto ist, als ohne. Parkplatz suchen, viele Wege, die man einfach nicht fahren darf, dieses permanente Herumstehen im Stau. Auch, wenn wir in regelmäßigen Abständen unsere Entscheidung zum autorfreien Leben in Salzburg hinterfragen: So groß war der Hass noch nie, dass wir realistisch über ein Auto nachgedacht haben – in der vollsten Konsequenz. 

Das Parkpickerl haben wir zwecks Nostalgie aufbehalten.

#8 Rail & Drive, Taxis und nette Menschen, die uns mitnehmen oder ihr Auto borgen

Es kommt nicht jeden Tag vor, aber schon immer wieder: Manchmal braucht man einfach ein Auto. Bei größeren Einkäufen bzw. beim Transport von Möbeln. Oder wenn man irgendwo hin muss, wo es einfach keine Öffis gibt. Jetzt auch mehr wegen ehrenamtlicher Arbeit im Verein. Zu diesem Zweck haben wir uns bei Rail & Drive angemeldet. Das ist ein Service, bei dem man stundenweise Autos leihen kann, noch dazu in der Nähe vom Bahnhof situiert. Ab und zu fahren wir jetzt auch mit dem Taxi, weil es praktisch ist bzw. wenn es nicht anders geht. Und natürlich haben wir das große Glück, dass es viele nette Menschen in unserem Leben gibt, die ihr Auto mit uns teilen, wenn es mal nötig ist. Passiert tatsächlich aktuell häufiger als in den letzten Jahren. 

#9 Richtig viel Respekt vor betagten Radler*innen

Natürlich wollen wir immer so schnell wie möglich an unser Ziel, das ist der Fluch der Zeit zwischen 20 und 60 Jahren. Geht aber nicht immer, weil uns betagte Radfahrer*innen einbremsen und uns daran erinnern, dass man nicht immer hudeln muss. Wir haben großen Respekt vor Menschen Ü70, die regelmäßig am Rad sitzen, ohne Furcht, und ihr Tempo durchziehen. Weiter so, es ist für alle gut! 

#10 Es ist normal geworden

Vor allem für Freund*innen und Verwandte war es ganz schwer zu verstehen, dass wir da jetzt freiwillig aufs Auto verzichten. Immer wieder wurde und wird uns angeboten, dass man uns ja mitnehmen kann. Aber nicht nur wir, sondern auch alle anderen haben sich an diese Entscheidung mittlerweile gewöhnt. Wir fahren mit dem Rad, Punkt. Und wenn das nicht geht mit dem Bus oder Zug. So ist das halt und wir finden’s schwer ok. Was wir immer komischer finden, um ehrlich zu sein, sind Menschen, die ohne Grund jeden Milimeter mit dem Auto fahren und nur in Parkplatz vorhanden/kein Parkplatz vorhanden denken. Wahrscheinlich gibt’s auch einen goldenen Mittelweg zwischen autofrei und autoabhängig. Ob wir den als Gesellschaft finden können? 

Was wir noch sagen müssen:

Wir haben eigentlich sehr wenige Freund*innen oder Familienmitglieder, die ein Auto haben. Die wohnen aber meistens in Städten wie Wien, Berlin oder auch Oslo. Salzburg ohne Auto ist eine ganz andere Nummer. Wir finden es phasenweise sehr anstrengend und extrem unbequem, vor allem in den Wintermonaten, wo es immer dunkel und kalt ist. Die Überwindung, mit den Öffis oder mit dem Fahrrad zu fahren, ist groß. In den wärmeren Monaten hingegen ist eine reine Freude und macht wirklich Spaß. 

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