Schwerpunkt

Morgen hör ich auf damit: Mit schlechten Gewohnheiten brechen

Oder: Wie ich eine nette, grüne Eule enttäuschte

Wie Jonas eine grüne Eule enttäuschte

Gewohnheiten sind vieles, Gehhilfen für den Alltag, ein probates Mittel, um uns selbst zu optimieren oder einfach richtig schwer zu überwindende Hürden. Doch egal ob positiv oder negativ, sie sind Teil unseres Lebens und beeinflussen uns mehr als viele glauben wollen. Deshalb ist es dringend an der Zeit, Gewohnheiten und die Prozesse um sie herum einmal genauer zu beleuchten.

Wer kennt es nicht, wenn ein Text anfängt mit der Phrase „Wer kennt es nicht“. Dann wird sofort mit den Augen gerollt im Gedanken an diesen stinkfaulen Redakteur, der sich diesen unkreativsten aller unkreativen Einstiege in diesen Text einfallen lassen hat. Und so etwas wird auch noch von der Chefredaktion durchgewunken, wirklich schade. In diesem Fall allerdings, werte Leser*innen, muss ich so einsteigen, denn wenn es um Gewohnheiten, Motivation und den inneren Schweinehund geht, dann hat wirklich jede*r etwas zu erzählen.

Also: Wer kennt es nicht, die zweiundsiebzigste letzte, allerletzte Tschick?  Oder wer kennt sie nicht, die neueste Diät, die jetzt fix etwas helfen wird? Und natürlich wer kennt sie nicht, die Duolingo-Mail mit dem wöchentlichen Progress-Report und der traurigen Eule?

 

Bitte nicht böse sein, Duolingoeule

So überzeugt? Jede*r hat die eine Gewohnheit, mit der man einfach nicht brechen kann oder die man automatisch nach zwei-drei Wochen abbricht, nachdem man sie begonnen hat. Es gehört einfach zu unserer Gesellschaft dazu, solche Niederlagen gegen den inneren Schweinehund erlebt zu haben. Gerade während des ersten Lockdowns haben wir uns alle brav eingeredet, dass wir uns, wenn wir eh schonmal Zeit haben, mal soeben ein paar hübsche, frische Angewohnheiten zulegen. Bei mir war es klassischerweise die neue Sprache, die ich lernen wollte/sollte. Ich habe mir dann dummerweise auch noch eine unpraktische, wenig gesprochene und obendrein erfundene Sprache ausgesucht (Esperanto) und inzwischen kriege ich nicht einmalmal mehr die oben gezeigte Mail. Die Duolingoeule hat also auch mit der Gewohnheit gebrochen, mir regelmäßig in den sprachlernfaulen Hintern zu treten.

Ein unter Psycholog*innen populäres Bild ist das Naschkastl, an dem man vorbeigeht, mit dem Gedanken sich dort heute nichts herauszuholen und Schwuppdiwupp, hat man eine 30 cm lange Gummischlange im Hals stecken.

Und wie ist das so mit Dingen, die man nicht durchzieht?

Es nervt, sehr! Doch fangen wir von vorne an, was sind das überhaupt, Gewohnheiten? Gewohnheiten sind im Prinzip automatisierte Tätigkeiten, die als Reaktion auf einen Reiz folgen. Ein unter Psycholog*innen populäres Bild ist das Naschkastl, an dem man vorbeigeht, mit dem Gedanken sich dort heute nichts herauszuholen und Schwuppdiwupp, hat man eine 30 cm lange Gummischlange im Hals stecken. Dabei besteht der Reiz im Erblicken des Süßigkeitenverstecks und die automatisierte Tätigkeit des Naschens. Und weil uns das mit der Reaktion an sich oftmals nicht stört oder uns gar nicht auffällt, ist es so schwer mit schlechten Angewohnheiten aufzuhören. Die guten Angewohnheiten bricht man eher ab, weil die meisten Menschen im tiefsten Inneren faule Säcke sind und gute Gewohnheiten meist anstrengend sind, siehe Sprachen lernen oder laufen gehen.

Schon gelesen? Wieso es nicht das Ende von allem ist, wenn ihr die Schule abgebrochen habt

Mehr Platz für wichtige Entscheidungen

Auch wenn uns heute meistens der Selbstoptimierungskram in den Gedanken hängen bleibt und wir Angewohnheiten in Gut und Böse einteilen, so erfüllen sie historisch gesehen eine andere Aufgabe. Kurz gesagt: Sie erleichtern unseren Alltag. Jener wird dadurch leichter, dass unsere Gewohnheiten uns Entscheidungen abnehmen, indem unser Gehirn sich die Handlung auf bestimmte Reize merkt und eintrainiert, sodass beim nächsten Mal, wenn die Situation auftaucht, wir automatisch agieren. Das alles entlastet unser Gehirn enorm, zwischen 30 und 50 Prozent unserer täglichen Entscheidungen werden von Gewohnheiten bestimmt. Das wiederum lässt uns genug Hirnschmalz übrig, um wichtigere Entscheidungen zu treffen, wie zum Beispiel wann fange ich an auf die nächste Prüfung zu lernen oder wovon soll der nächste Absatz in diesem Text handeln?

Der auslösende Reiz ist die Lösung

Doch das ist die Krux an der Sache, man kann sich vom Körper nicht nur unnötige Denkprozesse abnehmen lassen, sondern eben auch unangenehme Gewohnheiten entwickeln. Gerade in der aktuellen Corona-Pandemie dürften diese negativen Handlungen zugenommen haben. Bei mir selbst musste ich auf jeden Fall auf das Feierabendbierli aufpassen, denn im Homeoffice beginnt der Feierabend ja mehr oder weniger wann man will. Und so wird aus dem Reiz (Laptop zu) und der Handlung (Belohnungsbier auf) schnell eine Gewohnheit. Eher positivere Tätigkeiten wie das Laufengehen, bleiben dann oft auf der Strecke, wo wir beim inneren Schweinehund angekommen wären. Den zu überwinden ist immer schwierig, um beim Beispiel Laufen zu bleiben, wenn man sagt: „Heute geh ich irgendwann laufen!“, dann wird man das sehr wahrscheinlich nicht tun. Mit dem Vorsatz: „Heute um 16:00 Uhr geh ich laufen!“, hingegen wird man konkreter und geht auch eher.

Noch hilfreicher ist es natürlich, wenn man die Reize klarer ins Leben rückt, nimmt man beispielsweise die Laufsachen in die Arbeit mit, vergisst man gar nicht auf den eigenen Vorsatz. Auch gut ist, die eigenen Taten zu hinterfragen: „Will ich überhaupt wegen der Tschick auf Raucherpause gehen oder eher wegen den netten Gesprächen?“. Natürlich kommen je nach Angewohnheit weitere erschwerende Faktoren hinzu, physische Abhängigkeit oder Gruppenzwang möglicherweise. Doch die Frage nach dem Wieso, hilft besonders bei negativen Angewohnheiten sehr, also, um mit ihnen zu brechen, eh klar.

Bitte nicht entmutigen lassen!

Das Wichtigste ist also, dass man sich nicht entmutigen lässt, es fällt schließlich nicht jedem gleich leicht mit etwas aufzuhören. Wenn man es nicht schafft von heute auf morgen das Rauchen sein zu lassen, so be it, dann eben beim nächsten Mal. Und für alle, die sich noch ein paar nette Angewohnheiten zulegen wollen, habe ich zum Schluss noch eine gute Nachricht, dass die meisten Gewohnheiten im Kindesalter geformt werden, gilt inzwischen als überholt. Ihr könnt also auch mit 43 noch Esperanto lernen, es ist halt nur ein bisschen schwieriger.


(c) Jonas Rettenegger

Jonas, der Wutopa (der keiner ist)

In der Redaktion und dem Fräulein Flora Kosmos als feinziger Wutopa bekannt, ist Jonas eigentlich ein recht umgänglicher Exilsalzburger, der in Graz Journalismus und PR studiert. Und obwohl Graz echt gmiadlich ist, fehlt ihm das Heimatbundesland und vor allem dessen Hauptstadt oft sehr, am meisten natürlich die Festspiele. ;D

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