Lichthaus Salzburg
Rausgehen

Licht aus im Lichthaus?

Eine Ode an Salzburgs vielleicht schönste Bausünde.

Es war einmal das Jahr 1973.

Eine unschuldige Zeit. Der damalige Kanzler hieß Kreisky, und der Jetzige hatte sich noch nicht aus dem großen, schwarzen Nichts herausmaterialisiert. Eine Zeit, in der Glykol im Wein und Gurkenkrümmungsgrade noch keine Reizthemen waren. Als noch keine grenznahen Atomkraftwerke havariert waren, Kaffee noch Alvorada hieß, Kurt Sowinetz gerade mit „Alle Menschen san ma zwida“ groß herauskam (Zufall?!?!11) und man in Lokalen (und eigentlich eh fast überall) noch rauchen durfte. Die gute alte Zeit halt, in der alles noch besser war.

Alle Fotos: (c) Schiaches Salzburg

Ein kurioses Phänomen jener Zeit war es, ganzen Kommunen und Alterskohorten durch leistbare Wohnungen auf dem Stand der Zeit ein existenzielles Rückgrat zu geben. ¯\_(ツ)_/¯

Und eines der damals größten Projekte dieser Art war die „Wohnanlage Salzachkai“, jedem*r Salzburger*in und Zuagroasten auch bekannt als „Lichthaus“. In jenem Jahr 1973 war der Baubeginn der Wohnanlage und es wurde, eh kloa, im Vorfeld und auch nach der Fertigstellung noch viel darüber gemeckert und kontrovers diskutiert.

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Brutal genial

Warum? Der Architekturstil der Stunde nannte sich Brutalismus und war für die Klein-Großstadt Salzburg zu Avantgarde und noch nicht in der geschmäcklerischen Zwischenwelt des Alpenvorlandes angekommen. Geistige Horizonte hatten nicht selten die Spannweite vom Boden- bis zum Neusiedlersee und „so neimoderns Zeig“, wie – vielleicht nicht nur meine – Oma sagte, „braucht doch kana!“. Ach Omi.

Mit „brutal“, as in „eine ganz normale Nacht am Rudolfskai anno 2010“, hat „Brutalismus jedenfalls nix zu tun. Der Name kommt vom Baustoff béton brut (frz. für „roher Beton“), dem formgebenden Material des Brutalismus. Sichtbeton war günstig, gut verfügbar und fast in jede erdenkliche Form zu bringen.

Salzburg zog sich also allen bösen Omazungen zum Trotz das Mäntelchen der Kosmopolität an und 1975 war das brutalistische „Lichthaus“ fertiggestellt. Auf dem Grundstück zwischen Heizkraftwerk, Salzachkai, St.Julien-Straße und Schwarzstraße steht seither das zwölfstöckige Gebäude mit 251 Wohneinheiten und Geschäftslokalen. Gehen wir von durchschnittlich zwei Menschen pro Wohnung aus, hat das relativ kleine Fleckerl an der Salzach mehr Einwohner als so manche Gemeinde im Lungau.

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Großstadtluft schnuppern und Pornos ausleihen

Sprung in die Neuzeit: Ins Jahr 2018. Im April diesen Jahres wurde ein integraler Teil des Lichthauses, das namensgebende, ikonische Schild des Leuchten- und Leuchtmittelgeschäftes, abmontiert und durch „Türenhaus“ ersetzt. Jetzt ist es irgendwie nicht mehr dasselbe, auch wenn die dem Lichthaus-Schild nachempfundene Font das vorzuspiegeln versucht. Geschichten des Ein- und Auszugs, der Neugestaltung bei (fast) gleichbleibender Fassade, sind jedenfalls prototypisch für diesen Bau.

Unter anderem dieser Lebendigkeit ist es zu verdanken, dass die Mischung aus Geschäften und Lokalen heute hier recht wunderlich ist. Wo gibt es noch („Das Jahr 1980 hat angerufen und will seine Halbweltler zurück!“) einen Porno-Video(!)-Verleih mit lieb-dilettantisch selbstgedruckten Sonderangebotspostern und direkt ums Eck ein süßes Café, das aussieht wie der feuchte Traum von wohlstandsverwahrlosten Millennials auf der Suche nach sich selbst oder dem Instagramdurchbruch? Eben.

Und nicht nur optisch und gustatorisch, sondern auch olfaktorisch ist das Lichthaus ein Genuss. Wer ganz gratis und ohne beschwerliche Reise ein bisschen Wiener Großstadtluft schnuppern will, geht in die Lichthauspassage, schließt die Augen und atmet tief durch… „Mhhhh… U-Bahn-Station Rathaus oder Josefstädterstraße…“ Man könnte direkt etwas sentimental werden, wenn man Wien mag, aber aus irgendwelchen Gründen noch immer oder schon wieder in Salzburg wohnt. Nur im Lichthaus sind Großstadtgerüche und -ansichten so kondensiert auf kleinstem Raum in Salzburg zu haben.

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Wo hört nun gepflegter Ranz auf und wo fängt Verfall an?

Was schiach und was schön ist, ist – no na – subjektiv. Eine abstrakte Antwort kann also lauten, dass etwas vermeintlich „Unschönes“ jedenfalls nicht leicht konsumierbar ist, sondern immer ein bissl was abfordert. In einer Stadt wie Salzburg haben „schöne“ Gebäude und Gebilde im öffentlichen Raum vielleicht deshalb „schön“ zu sein. Im Vorbeigehen einfach konsumierbar und immer Foto-ready. So wie sich Salzburg eben gern präsentiert.

Etwas „Schiaches“ ist etwas Unfertiges, das erst durch die eigene Betrachtung komplett wird. Macht man sich die Mühe und schaut etwas genauer hin, wird aus dem ranzigen, in die Jahre gekommenen Betonklotz ein Fleckerl, das selbstverständlich seine Daseinsberechtigung hat. Und genau deshalb braucht es solche Ecken wie das Lichthaus. Als Gegengewicht für das oberflächendeckend-zuckerglasierte Salzburg. Fight me on that.

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“Schiaches Salzburg” ist unser Außenposten fürs Unangenehme und bringt laufend neue Krach- und Sachgeschichten aus SBG.

Gefunden haben wir diesen Account auf Instagram, wo er als @schiaches.salzburg die halbschattigen Seiten der Stadt herzeigt. Was es dort gibt? Found objects, Kurioses aus dem öffentlichen Raum und andere schiache Sachen aus der schönsten Stadt Österreichs. Immer mit im Gepäck? Gesunder Grant, absurder Humor und Sinn für Unsinn.