Aus dem Magazin

Kommentar: Wem geht es eigentlich am schlechtesten?

Warum wollen wir immer die Ärmsten sein?

Es gibt einen (neuen) Trend. Zumindest ist er mir erst kürzlich aufgefallen. Genauer gesagt eine Woche, nachdem die Ausgangsbeschränkungen in Kraft getreten sind. Unsere Redakteurin war im Homeoffice gefangen – für uns ganz komisch, weil wir sonst immer zusammenpicken. Es ist ihr verständlicherweise nicht gut gegangen damit. Daher haben wir beschlossen, die Mutlosigkeit in Produktivität umzuwandeln und sie hat diesen Artikel verfasst.

Nach der Veröffentlich ging es sofort los. Kommentare wie „Wenn ich ihre Probleme hätte, ginge es mir gut“ und „Ich finde das zynisch, ich muss auf meine Kinder aufpassen, sie unterrichten und gleichzeitig viele Stunden Homeoffice machen“ purzelten im Minutentakt ins Internet. Jeder*m Leser*in ging es scheinbar noch schlechter, als dem vorigen, jeder hatte noch mehr zu tun. Ich habe mitgelesen und mir irgendwann gedacht: Warum sind wir dauernd auf der Suche nach der Bestätigung, dass unsere eigene Situation die verzwickteste ist?

Vielleicht, und da schieße ich ins Hobby-Psychologen-Blaue, wollen wir gesehen werden. Wollen, dass jemand erkennt, wie viel wir eigentlich geben und was wir alle aushalten können – in einer Welt, die uns täglich mehrmals um die Ohren fliegt. Oder sind wir schon einen Schritt weiter und sind von der „Schwäche“ anderer angewidert?

Vielleicht ist es aber auch viel einfacher und wir sind zynisch geworden. Oder sogar bösartig, weil wir uns den Arsch aufreißen und die restliche Welt – surprise – uns nicht auf ihren Schultern zum wohlverdienten Superthron trägt. Solche Trottel!

Eigentlich sind die Gründe solcher Reaktionen aber wuascht. Stehen bleibt, dass wir jemanden anderen nicht für voll nehmen, ihm oder ihr das Gefühl geben, nichts zu sein und nichts zu können. Ich finde das falsch. Wenn ich lese, was jemandem anderen Schwierigkeiten bereitet, habe ich – trotz der geschriebenen Zeilen – keine Ahnung, was in dessen Leben vorgeht. Ob gerade getrauert wird oder eine Erschöpfung (aus welchen Gründen auch immer) eingetreten ist. Vielleicht ist eine Beziehung zu Ende gegangen oder ein Haustier gestorben, ein Job verloren oder eine Perspektive weg.Auch wenn es scheint, als würden wir alle an gleichen Stellen in unserem Leben stehen, tun wir es nicht. Andere dafür zu beleidigen, dass sie vermeintlich weniger aushalten, wird das nicht ändern. Der Versuch, die eigene Situation aufzuwerten, in dem ich jemanden anderen hinunterdrücke, ist keine Lösung. Punkt.

In diesem Sinne: Wenn es euch das nächste Mal in euren Finger juckt und ihr jemandem (online) so richtig eines reinwürgen wollt, tut’s es einfach nicht! Danke.

>>> Übrigens: Dieser Artikel hat auch ganz viele Menschen verärgert.

Eva Krallinger-Gruber

Eva ist eine richtige Ex-Exil-Salzburgerin. Frankreich, USA, Schweiz - aber nirgends ist es wie zuhause. Journalismus, Marketing (Kosmetik und dann Bier) und eigentlich redet sie auch ganz gern.