Mischmasch

Kommentar: Warum ihr nicht auf Corona-Selbstoptimierung scheißen müsst

Können wir damit aufhören, ein Überlebensmodell über das andere zu stellen?

Für die meisten von uns hat sich die Normalität mit Corona schlagartig in einen permanenten Zustand der Unsicherheit verwandelt. Und während manche ums physische oder wirtschaftliche Überleben strampeln, strampeln sich andere am Hometrainer ab. Manchen geht die Corona-Selbstoptimierung mächtig auf den Zeiger. Ich hingegen finde das nicht verkehrt. 

Erstmal seit langem und erstmal überhaupt im Leben der Millennials finden wir uns alle in derselben Situation wieder. Ein Virus macht vor niemandem Halt und gefährdet Eltern, Großeltern, Freund*innen mit Vorerkrankungen oder unsere eigene Existenz. Mit höchster Wahrscheinlichkeit lassen die mittlerweile alltäglichen Bilder von erschöpften Pflegekräften und einfachen Holzsärgen niemanden kalt, zumindest dann, wenn wir alle ein Minimum an menschlicher Empathie aufweisen.

In erster Linie geht es also gerade für alle darum, diese noch nie dagewesene Haltlosigkeit zu ertragen.

Der Tod ist zum allgegenwärtigen Begleiter dieses weltweiten Ausnahmezustandes geworden. Unabhängig davon, wie sich das Virus auf den Einzelnen auswirkt und Arbeitsplatz und ökonomische Sicherheit bedroht, bleibt es eine psychische Herausforderung für alle. Denn es droht zu vernichten, was am wertvollsten ist, das Leben in seiner reinsten Form, bei allem Pathos. Das eigene und das von jenen, die uns lieb sind. Das muss jede*r nun aushalten. In erster Linie geht es also gerade für alle darum, diese noch nie dagewesene Haltlosigkeit zu ertragen.

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Corona zeigt uns unsere Kampf- und Fluchtstrategien

In der Krise, sagen Mediziner*innen, hat der Mensch evolutionsbedingt zwei Strategien entwickelt: Fight and Flight, Kampf und Flucht. Diese Strategien kommen auch jetzt zum Tragen. Manche um uns herum reagieren erlahmt in einer Art Schockstarre, werden still und schaffen nichts anderes als den Weg auf die Couch. Andere versuchen, Normalität in den Homeoffice-Alltag zu bringen und andere sind, weil systemrelevant, dazu gezwungen, mit täglich zunehmendem Stress klarzukommen oder den Spagat zwischen Beruf und vermehrten Betreuungsarbeiten hinzubekommen. Irgendwo dazwischen erleben viele eine emotionale Achterbahnfahrt. Auch Selbstoptimierung ist ein Fluchtreflex, der vielleicht dabei hilft, mit der Situation zurechtzukommen und halbwegs heil durch die Krise zu kommen.

Denn viele sind es gewohnt, sich in Arbeit und Projekte zu stürzen, um mit unangenehmen Gefühlen klarzukommen und eine Illusion der Kontrolle aufrecht zu halten.

Denn viele sind es gewohnt, sich in Arbeit und Projekte zu stürzen, um mit unangenehmen Gefühlen klarzukommen und eine Illusion der Kontrolle aufrecht zu halten. Einigen gelingt die Ablenkung, um abends Schlaf zu finden, viele von uns brauchen ein System in dieser Haltlosigkeit zum Festhalten. Ziele sind Teil dieses Systems, wenn sie motivieren und als Antrieb genutzt werden können. Da kann jedes dieser Ziele noch so gern belächelt werden: zur Küchenfee mutieren, Sprachniveau A1 in Koreanisch erreichen, die 10-Kilometermarke beim Joggen knacken.

Wenn alle Normalität wegbricht, müssen wir irgendeine Normalität selber gestalten und aufrecht halten, und nicht allen kann man zumuten, sich permanent einem Spannungszustand auszusetzen. Am Ende sind wir alle unerfahren mit Krisen dieser Art, da sollte auch die Eskapismus-Strategie zumindest nicht von vornherein ausgeschlagen werden. Sollen doch diejenigen, die es brauchen und müssen, produktiv sein bis zum Umfallen, den Hometrainer vernichten, dem Stress und den Anforderungen standhalten, den älteren Nachbarn beim Einkauf helfen oder einfach nur überleben.

Um die Ohnmachtsgefühle kommt ohnehin niemand herum

Aber können wir bitte damit aufhören, ein Überlebensmodell über das andere zu stellen? Natürlich haben nicht alle das Glück, dass ihr Leben gerade entschleunigt ist und die Finanzierung gesichert und sie deshalb an ihrer Selbstoptimierung feilen können. Lasst es in diesem Falle einfach gut sein, damit auf Social Media hausieren zu gehen, mit dem Quarantäne-Body zu prahlen und andere damit unter Druck zu setzen- falls es sowas schon gibt, ansonsten lasst uns gar nicht erst auf die Idee kommen. Die heile Insta-Welt nimmt gerade sowieso niemand erst. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch die Over-Achiever unter uns zwischen Pilates und Adobe-Tutorial mit Unsicherheit und Ohnmachtsgefühlen zu kämpfen haben. Um die Erfahrung, auf sich selbst zurück geworfen zu sein, kommt gerade sowieso niemand herum.

Veronika Ellecosta wohnt, studiert und arbeitet mittlerweile in München, ist aber nach wie vor in Salzburg und einen Salzburger verliebt. Gerne ist sie auch zuhause jenseits des Brenners. So fährt sie halt viel Zug und hat bemerkt, dass man dabei eigentlich auch ganz gut schreiben kann.