Equal Parenting
Frechdachs Schwerpunkt

Erziehungsarbeit: “Dann machen wir halt 50:50”

Wie zwei Elternteile versuchen, sich die Kinder-Erziehung gleichberechtigt aufzuteilen.

Was passiert, wenn man versucht, die Kindererziehung halbwegs gleichberechtigt aufzuteilen?

Oft ist es so: Frau kriegt Kind, bleibt ein bis zwei Jahre zuhause, kümmert sich um Haushalt und Kind, Vater geht als Vollverdiener täglich arbeiten. Unsere beiden Autor*innen haben es anderes probiert. Und sich die Kinderbetreuung von Anfang an aufgeteilt. Wir wollten wissen, wie es ihnen dabei geht.

Interview: Miriam Kreiseder

War es für euch von Anfang an klar, dass ihr euch Arbeit und Kinderbetreuung 50:50 aufteilt?

Matthias: Jein, wir hatten zuerst daran gedacht, jeweils sechs Monate Job-Auszeit zu nehmen, aber eher nacheinander. Aber dann haben wir relativ bald festgestellt, dass das für uns nicht passt. Eva hat die Arbeit vermisst und mich hat es genervt, dass ich nie zuhause war. Also haben wir nach drei Monaten gesagt, Schluss, wir teilen das anders auf. Nachdem wir beide selbsständig sind, haben wir das vorab ja niemandem mitteilen müssen.

Eva: Bis zum Tag der Entbindung meines Kindes habe ich geglaubt, die Natur austricksen zu können. Zwei Wochen, haben ich allen gesagt, dann mache ich wieder mit. So ein Kind schläft ja sowieso immer. Massig Zeit also, den Laptop aufzumachen und ein bisschen zu tippen. Als das Baby dann da war, habe ich dann gemerkt: So läuft das nicht.

Foto: Niko Zuparic

Wie sieht euer Alltag mit Kind konkret aus?

Matthias: Im ersten Lebensjahr unseres Sohnes war es so, dass einer von uns am Vormittag gearbeitet hat und der andere am Nachmittag, das war quasi ein 20-Stunden-Job für jede*n. Seit unser Kind eine Krabbelgruppe besucht, arbeiten wir beide am Vormittag und teilen uns die Nachmittage auf. Wir haben jetzt also beide ungefähr einen 30-Stunden-Job. Auch andere Aufgaben wie zum Beispiel das Aufstehen am frühen Morgen teilen wir so auf: Jeden Tag hat eine*r von uns Frühdienst, der/die andere kann bis sieben Uhr liegen bleiben. Nur Haushaltsarbeiten sind eher nach Vorlieben aufgeteilt. Ich koche und putze Bad und Klo, Eva kümmert sich um die Wäsche, Staubsaugen, Küche und so weiter.

Eva: Ich bin meistens sehr zufrieden mit unserem Alltag. Jeden zweiten Tag denke ich mir, geil, heute ausschlafen. Wobei das jetzige Ausschlafen nichts mit dem von früher zu tun hat. Am Vormittag bin ich in der Arbeit, jeden zweiten Tag auch am Nachmittag. Wenn ich abends noch die Energie habe, setze ich mich zu Lieblingsprojekten, also Dinge, die ich unbedingt machen will. Früher war ich nicht so der Fan von Routinen, jetzt geht es nicht mehr ohne.

Welche Vorteile hat diese geteilte Kinderbetreuung für euch?

Eva: Der größte Vorteil für mich ist, dass ich überall gern bin. Ich bin genau so lange in der Arbeit, dass sie mir nicht öd wird und ich bin so lange bei meinem Kind, dass es mich nicht überfordert. Entscheidend war und ist für mich, dass mein Sohn in perfekter Betreuung ist, wenn ich weg bin – früher bei seinem Vater und jetzt in einer Krabbelgruppe, auf der ich sehr viel halte. Das hat für mich alles sehr, sehr leicht gemacht.

Matthias: Ich glaube, der größte Vorteil ist, dass man die Probleme des anderen besser verstehen lernt. Wenn ich als Vater immer Vollzeit arbeite, kann ich mir vermutlich schwer vorstellen, was es bedeutet, jeden Tag von früh bis spät mit einem Kind zuhause zu sein und den Alltag zu organisieren. Weil ich muss schon sagen: Büro ist die reinste Entspannung dagegen. Und dann ist es natürlich cool, meinen Sohn so oft zu sehen.

Hat eure Aufteilung auch Nachteile?

Matthias: Ja sicher, gar nicht so wenige. Je länger unsere 50/50 Erfahrung dauert, desto öfter erkenne ich, dass die traditionelle Arbeitsteilung viele Vorteile hat – und zwar unabhängig davon, wer zuhause bleibt und wer arbeiten geht. Das beginnt beim Geld. Zwei 20-Stunden-Jobs zahlen nicht unbedingt gleich viel wie ein Fulltime-Job. Und dann ist eine klare Aufgabenteilung natürlich oft einfacher zu organisieren. Es ist schlicht und einfach effizienter, wenn sich ein Elternteil um Haushalt und Kind kümmert, während der andere Elternteil schaut, dass genug Geld da ist. Wer schöne Erfahrungen auf vier Schultern verteilt, tut das natürlich auch mit Problemen und Sorgen. Dazu kommt, dass wir als Selbstständige ja in Wahrheit nie wirklich 20 Stunden gerabeitet haben. Das reden wir uns ein, weil es schön klingt. Es waren in der Praxis aber immer eher 30 bis 40 Stunden pro Person, neben der Kinderbetreuung. Das heißt, wir haben im ersten Jahr radikal jede Zeit weggekürzt, die für uns selbst geblieben wäre. Das war eigentlich nur mehr: Work hard, play hard with the kid. Also dass so eine Aufteilung weniger anstrengend wäre, ist sicher kein Argument.

Eva: Nachteile gibt es jede Menge. So viele, dass ich mir manchmal wünsche, in der Früh einfach daheim zu bleiben und mich um den Haushalt zu kümmern. Der wird bei uns sehr stiefmütterlich behandelt, es bleibt einfach so viel liegen. Bilder, die ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe, sind immer noch im Karton, ich schaffe es einfach nicht, Zeit für den Einkauf freizuschaufeln. Zum einen, weil es mir scheinbar nicht wichtig genug ist. Zum anderen, weil ich einfach so eingeteilt bin mit den anderen Sachen, dass es schwer geht. Momente für mich sind nicht existent, aber ich schaffe es auch selten, z. B. die Wäsche so zu machen, dass saubere Kleidung im Kasten liegt. Meisten gehen wir zu einem riesigen Wäscheberg (zumindest gewaschen) und ziehen uns raus, was wir brauchen. Dass sich das jetzt ändert und ich ein bisschen mehr Zeit für mich kriege, drei, vier Stunden die Woche, daran arbeite ich jetzt aktiv. Muss auch sein, finde ich.

Gibt es Bereiche, die im Alltag nicht gleichberechtigt funktionieren?

Eva: Ja, einige. Ich koche zum Beispiel nicht und kaufe auch nicht wirklich ein. Ich glaube, ich kümmere mich mehr um das Funktionieren unserer Familie, mache Arzttermine und gehe dann auch hin, organisier das Autoräderwechseln, so was eben. Dass ich das mache, ist mir aber egal. Das läuft so nebenher. Wenn Dinge privat nicht funktionieren, ist uns das meistens egal. Wir haben da eine hohe Schmerzgrenze.

Matthias: Außerdem macht Eva trotzdem mehr Hausarbeit als ich, das muss man ehrlich sagen. Ich bemühe mich und mache das, was notwendig und vereinbart ist, aber Dinge, die aus meiner Sicht nicht unbedingt sein müssen, die macht immer nur sie. Da scheiße ich dann eher mal drauf. Und diese unausgesprochenen Tätigkeiten, die führen schon zu einem Ungleichgewicht.

Glaubt ihr, dass es euren Sohn in irgendeiner Weise beeinflusst?

Eva: Ich denke schon. Er wird sich daran erinnern, dass sein Vater und seine Mutter recht viel Zeit mit ihm verbracht haben. Ob es das als positiv oder negativ sieht, wird sich weisen. Scherz beiseite: Die Situation wird ihn beeinflussen, so wie meine Familiensituation auch mich beeinflusst hat. Bei uns ist es halt einmal so. Und bei anderen wäre es anders.

Matthias: Sicher wird es ihn irgendwie beeinflussen, aber ich glaube nicht negativ. Was brauchen denn Kinder, um gut groß zu werden? Die brauchen jemanden, der sie lieb hat und der sich gut um sie kümmert. Ob ich das bin oder meine Frau oder die Oma ist vermutlich wurschter, als wir glauben. Was ich aber interessant finde: Obwohl wir in etwa gleich viel Zeit mit unserem Sohn verbringen, sind wir für ihn nicht “gleich”. Zwischen den beiden herrscht eine Vertrautheit, die wir in der Form nicht haben, auch wenn ich mich darum bemühe. Wenn er zum Beispiel weint und Eva ist zuhause, dann will er immer von ihr getröstet werden. Und auch in der Nacht will er mit ihr kuscheln, nicht mit mir. Umgekehrt gibt es aber auch Dinge, die er lieber mit mir macht. Ins Haus der Natur gehen zum Beispiel. Oder raufen. Ein bisschen gibt es da schon auch diese Rollenklischees, auch wenn ich die gerne vermeiden würde. Wir leben halt auch nicht in einer Blase.

Als Selbstständige könnt ihr euch eure Arbeitszeit selbst gestalten. Ist euer Modell überhaupt für andere Menschen umsetzbar?

Matthias: Also in unserem Freundes- und Bekanntenkreis macht es keiner so, zumindest fällt mir niemand ein. Das wird verschiedene Gründe haben. Für viele Elternpaare ist das sicher nicht umsetzbar, das muss man ganz ehrlich sagen. Viele Arbeitgeber*innen zeigen dir vermutlich den Vogel, wenn du als Vater sagst, du willst jetzt nur mehr halbtags arbeiten gehen, weil du ein Kind hast. Oder es geht sich finanziell einfach nicht aus, dass beide 20 oder später dann 30 Stunden arbeiten. Und dann gibt es alleinerziehende Eltern, bei denen es sowieso von Haus aus ganz anders ist. Ich glaube aber trotzdem, dass es immer noch genug Paare gäbe, bei denen das prinzipiell möglich wäre. Das setzt aber voraus, dass beide es wirklich wollen. Ich verstehe es übrigens auch vollkommen, wenn man das nicht will. Letztlich muss ja jedes Elternpaar das finden, was für sie individuell passt. Den einen richtigen Weg gibt es nicht.

Würdet ihr eure Aufteilung auch bei einem zweiten Kind so beibehalten?

Matthias: Wollen schon. Ob das funktioniert, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Der Gedanke macht mich gerade noch etwas unrund.

Eva: Klares Nein. Ich bin nach drei Monaten aus der Karenz zurückgekommen und es hat mir voll getaugt. Aber so, wie man in die Mutterrolle wächst, so lernt man auch, dass man nicht alles auf einmal zerreissen muss. Was ich schon gut finde: Wenn es denn sein sollte und ich wider Erwarten doch nach drei oder vier Monaten ein bisschen mitarbeiten möchte, wird es sicher gehen.

Wenn ihr die Zeit zwei Jahre zurück drehen könntet, was würdet ihr anders machen?

Eva: Ich würde nichts anders machen. Ich freue mich sehr, dass dieses System für uns funktioniert – mit all seinen guten und schlechten Seiten. Auch wenn ich oft sehr abgefeuert bin, ich liebe meine Arbeit und seit ich weiß, wie anstrengend es ist, ohne Schlaf, mit Geburtshinigem Körper auf ein Baby aufzupassen, empfinde ich jede Arbeitsstunde als Entspannung. Es ist das Schönste aus beiden Welten: Eine Arbeit, die ich mag und einen Familie, die super ist. Den Rest, also die anstrengenden Phase, habe ich scheinbar alle vergessen.

Matthias: Ich würde versuchen, in den ersten Wochen irgendwie mehr Zeit zuhause zu bekommen. Ich bin ja mehr oder weniger am Tag der Geburt meines Sohnes wieder im Büro gesessen. Das ist mir damals ordentlich am Arsch gegangen. Da wäre ich lieber nicht selbstständig gewesen. Jetzt überwiegen für mich aber die Vorteile.