„Der Fuchs ist ein Film über das Verlassenwerden und über Vergebung“

Adrian Goiginger im Interview

Spätestens seit seinem Debüt Die Beste aller Welten zählt Adrian Goiginger zu den großen Regisseuren des Landes. Jetzt hat der Salzburger mit seinem neuen Werk Der Fuchs nachgelegt. Im Interview spricht der Filmemacher über die biographischen Hintergründe in seinen Filmen, die Arbeit mit wilden Tieren und seine Liebe zur Sprache.

Im Film Der Fuchs geht es um eine ungewöhnliche Freundschaft. Wie kam es zu der Idee?

Der Film ist die wahre Geschichte meines Urgroßvaters, der einhundert Jahre alt geworden ist und mir als Kind oft seine Geschichten und Erlebnisse erzählt hat. Was ich damals am berührendsten gefunden habe, war die Geschichte eines verletzten Fuchswelpen, den er zu Kriegsbeginn gefunden und dann ein Jahr bei sich gehabt hat. Als er mir das 70 Jahre später erzählt hat, sind ihm während des Erzählens die Tränen gekommen. Das war eine Seite, die ich an ihm überhaupt nicht gekannt habe, denn sonst war er, wie man die Leute aus dieser Generation eben kennt: beherrscht. Als ich diesen Menschen so emotional gesehen habe, habe ich mir gedacht: Dem möchte ich auf den Grund gehen. Wofür steht dieser Fuchs?

Hast du mittlerweile eine Erklärung?

Das Schlimme ist, dass mein Urgroßvater im Alter von acht Jahren von seinen Eltern weggegeben wurde. Er war das Jüngste von zehn Kindern und hat dann bis zum Erwachsenenalter bei einem anderen Bauern als Kindersklave arbeiten müssen. Ich bin mir heute ziemlich sicher, dass er durch den Fuchs den Weg zurück ins Leben gefunden hat und auch gelernt hat, seinem eigenen Vater zu vergeben. Weil er ja für den Fuchs diejenige Vaterfigur sein konnte, die er sich selbst immer gewünscht hätte. Darum handelt der Film auch ganz stark von Vergebung.

Also hat dich die Idee schon lange begleitet. Wie lange dauerte es dann bis zur Umsetzung?

Es war tatsächlich die allererste Filmidee, die ich mit Vierzehn hatte, also lange vor meinem späteren Erstflingsfilm Die Beste aller Welten. Natürlich habe ich damals gewusst, dass das als erster Film nicht geht, weil es als historischer Stoff viel zu aufwändig gewesen wäre. Aber nach der Besten aller Welten hat es sich dann ergeben, dass ich gedacht habe: Jetzt kann ich das umsetzen und auch das Budget dafür aufstellen. Und dann habe ich alles auf eine Karte gesetzt.

„Füchse sind eben wilde Tiere. Bei denen kannst du nicht einfach sagen: Platz!“

Beide Filme unterscheiden sich trotz ihres biographischen Bezugs stark voneinander. Wie war die Arbeitsweise im Vergleich?

Bei Die Beste aller Welten war das Angenehme, dass ich als Kind ohne es zu wissen schon recherchiert habe. Also habe ich eigentlich nur aus Erinnerungen, Fotos und Gesprächen meine Geschichte rekonstruieren müssen. Beim Fuchs war das alles aus zweiter Hand. Da habe ich wahnsinnig viel erarbeiten müssen. Ich habe glaube ich in Summe vier Jahre intensiv recherchiert. Ich habe Zeitzeugen interviewt, bin Altersheime in Salzburg abgefahren, habe mit Historikern geredet, mich auf Spurensuche begeben und alles aufgesaugt, um dem Thema gerecht zu werden. Das ist natürlich viel herausfordernder. Dann habe ich für Der Fuchs auch versucht, die alten Dialekte wiederzubeleben, das alte Pinzgauerisch, das alte Salzburgerisch. Daher haben auch die Schauspieler sehr intensiv proben müssen. Die haben ja ihren ganzen neuen Wortschatz löschen müssen. Das war schon eine richtig große Herausforderung. Aber die größte Herausforderung als Regisseur war die Arbeit mit den Tieren. Füchse sind eben wilde Tiere. Bei denen kannst du nicht einfach sagen: „Platz“.

Wie läuft das in der Praxis?

Das ist sehr viel Arbeit. Es waren ein Tiertrainer und eine Tiertrainerin dabei, die schon drei Jahre vor Drehbeginn eingestiegen sind, um die heranwachsenden Füchse von Geburt weg auf den Dreh vorzubereiten. Auch der spätere Hauptdarsteller war schon bei der Geburt der Füchse dabei, damit sie dann später keine Angst vor ihm haben. Und beim Drehen selbst wird dann alles um die Füchse herum inszeniert. Aber man braucht sehr viel Zeit und Geduld. Da ist es schon mal vorgekommen, dass der Trainer einfach gesagt hat: „Sorry, heute geht nix“. Eigentlich hast du diesen Freiraum bei so einem großen Projekt nicht. Aber du brauchst ihn.

Du hast jetzt sehr unterschiedliche Filme gemacht. Wo siehst du dich als Regisseur eher? Bei großen Produktionen wie dem Fuchs oder bei kleineren, wie deinem aktuellen Projekt mit Voodoo Jürgens?

Nach dem Fuchs habe ich ganz bewusst entschieden, wieder einen kleineren Film zu machen. Weil du natürlich viel weniger Spielraum für Kreativität hast, je größer das Projekt ist. Wenn ich nochmal einen historischen Film mache, dann würde ich das mit noch größerem Budget angehen. Damit man dann einfach weiß, man hat noch mehr Drehtage. Nur ein Beispiel: Wir haben ja mit echten alten Lastern und Motorrädern gearbeitet. Und die funktionieren einfach nie. Am Ende haben wir die immer durchs Set ziehen müssen, weil diese Scheißteile immer den Geist aufgegeben haben (lacht).

Seine Weltpremiere hat der Fuchs schon hinter sich. Wie ist es gelaufen?

Super. Ich war ehrlich gesagt viel nervöser als bei der Besten aller Welten, weil in ein Projekt wie Der Fuchs so viele Jahre Arbeit reinfließen und weil man den Welpenschutz vom Debütfilm nicht mehr hat. Also war ich diesmal richtig nervös. Noch dazu war die Premiere am Filmfestival in Tallinn gewesen, wo 100 Kilometer entfernt die russische Grenze ist. Das spürt man dort aktuell ganz stark. Und dann kommt dieser Film, der zwar eigentlich kein Kriegsfilm ist, aber doch zumindest teilweise im Krieg spielt. Zum Glück ist er sehr gut angekommen und die Leute waren sehr interessiert. Also bin ich jetzt schon viel entspannter.

„Persönlich ist es so, dass ich Salzburg wahnsinnig verbunden bin und ich hier nie wieder wegziehen will.“

In Österreichs Kinos startet der Fuchs am 13. Jänner. Stichwort Salzburg. Dass ihr als Filmfirma in Salzburg beheimatet seid, ist ja eher ungewöhnlich. Ist das ein Vor- oder ein Nachteil?

Wir sehen das inzwischen als totalen Vorteil, weil so viele in Wien sind. Dort stehen sich die Firmen auf den Füßen. In Salzburg haben wir ein bisschen einen Alleinstehungsstatus als Produktionsfirma, die auch Kino macht. Wir genießen das total und es hat Vorteile. Persönlich ist es so, dass ich Salzburg wahnsinnig verbunden bin und ich hier nie wieder wegziehen will.

Was wünscht du dir jetzt – nach Fertigstellung – für den Film?

Es ist ein Film über das Verlassenwerden und ein Film über Vergebung. Ich kann nur von meiner Familie sprechen, da ist das ein riesiges Thema. Da hat fast jeder einen Schicksalsschlag mitgekriegt. Und ich bin überzeugt davon, das Vergebung das ist, was Wunden heilt. Selbst wenn man die schlimmste Kindheit hat, die man sich vorstellen kann, weggegeben wird von den Eltern, dass man trotzdem hoffnungsvoll in die Zukunft schauen kann. Mein Urgroßvater zum Beispiel hat es geschafft, eine eigene Familie aufzubauen. Und das ist das, was man mitnehmen soll, was ich mir wünsche. Das zweite erzählerische oder emotionale Ziel wäre, sich wieder in Erinnerung zu rufen, wie hart diese Zeit war und dass das noch gar nicht so lange her ist. Es sind gerade einmal 90 Jahre, dass Kinder in Österreich einfach weggegeben wurden wie Sklaven.

Also auch ein Stück Zeitgeschichte?

Ja, denn diese Generation stirbt aus. Ich habe alle Interviews, die ich im Vorfeld geführt habe, auch auf Video aufgezeichnet und mir war es wichtig, diesen Menschen und ihren Lebenswegen mit dem Film eine Stimme zu geben. Worauf ich auch echt stolz bin ist, dass wir es geschafft haben, die Sprache von damals wiederzubeleben. Am Anfang spielt der Film ja im Pinzgau und da hört man den alten Dialekt, den es heute kaum mehr gibt. Was ich dann im Laufe des Films spannend finde, ist, dass die Hauptfigur eine Reise macht und sich die Sprache immer mehr verändert und immer breiter wird: vom Stadtsalzburgerisch über das Hochdeutsch der Offiziere bis nach Frankreich. Es ist also auch eine sprachliche Reise. Dieser bewusste Einsatz von Sprache, das ist etwas, das ich an Filmen sehr liebe.

Interview: Matthias Gruber, Fotos: Alamode Film

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