Transsexuell-in-Salzburg
Film & Theater Kultur

Von Genitalien & Geschlechtern

Wir haben mit zwei Künstler*innen über Transgender und Intersex gesprochen.

Das menschliche Spektrum besteht nicht nur aus nur männlich und weiblich. Das demonstriert die von Gin Müller und Gorji Marzban initiierte Performance „Trans Gender Moves“. In dem autobiografischen Stück werden die Geschichten eines Transmannes, einer Transfrau sowie einer Intersex*-Person erzählt. Wir haben die beiden Initiator*innen getroffen und mit ihnen über Vielfalt, Genitalien und Geschlechterrollen gesprochen.

Könnt ihr unseren Lesern und Leserinnen erklären, was Trans- und Intersexualität ist? Wo da der Unterschied liegt?

Gin: Transsexuell oder Transgender bedeutet, dass man biologisch mit dem einen Geschlecht auf die Welt kommt und im Laufe der Zeit eine Wandlung zum anderen Geschlecht macht. Dabei gibt es die verschiedensten Varianten und Facetten. Ob jetzt Transmann*, Transfrau* oder eine Transgender*-Person, die versucht, sich dazwischen zu definieren.

Da geht es nicht um die Sexualität, sondern um den Körper.

Gorji: Intersex ist ein sehr medizinisch belastetes Wort. Da geht es nicht um die Sexualität, sondern um einen Körper, einen zwischengeschlechtlichen Körper, der auf hormoneller, genetischer oder physiologischer Ebene Merkmale von dem einen und dem anderen Geschlecht aufweist und dadurch entsteht ein Mensch, der weder noch oder beides ist. Das ist sehr individuell, das heißt, es gibt keine zwei Intersex*-Personen, die wirklich ident sind, sondern jede* hat eine Identität für sich und muss sich auch selbst damit auseinander setzten.

Wie stehen Österreicher und Österreicherinnen zu diesem Thema? Was habt ihr da für Erfahrungen gesammelt?

Gin: Ich würd schon sagen, dass im Laufe der letzten zehn Jahre, das Thema präsenter geworden und insofern ein bisschen die Akzeptanz gestiegen ist. Eine Transgender-Bewegung, die TransX in Wien, gibt es jetzt seit zwanzig Jahren. Die hat ganz klein begonnen und mittlerweile sind sie schon ein sehr anerkannter Verein. Ich glaube, dass vor zwanzig Jahren viele noch nicht mal wussten, was Transgender überhaupt heißt und dass das mittlerweile nicht mehr so ist, auch in Österreich. Man kann sagen, obwohl Conchita Wurst jetzt nicht Transsexuell ist, dass solche Persönlichkeiten wie sie sehr zu einem größeren Verständnis beigetragen haben.

Homosexuelle Menschen outen sich ja meist früher oder später. Wie ist das bei intersexuellen Personen?

Gorji: Die Angst vor der Intoleranz der Menschen ist sehr groß und die Leute sind eigentlich nicht sichtbar. Sie haben eine irrsinnige Angst vor dem Sichtbarwerden, sich selbst zu gefährden, ihre Familie zu verlieren, ihre Jobs zu verlieren und überhaupt ihre Integrität zu verlieren. In Österreich sind es nur 3 Intersexuelle* Menschen, die öffentlich geoutet sind:

In Österreich sind es nur 3 Intersexuelle* Menschen, die geoutet sind.

Alex Jürgen, der* für seinen autobiografischen Film „Der Tintenfischalarm“ bekannt ist, Tobias Hummer aus Linz, ein Inter-Aktivist* und ich. Obwohl wir jetzt schon seit zwei Jahren geoutet sind, hat sich noch niemand anderes zu uns gesellt. Wir haben zwar versucht, durch unser Outing anderen die Angst zu nehmen, aber es ist uns noch nicht gelungen, das Outing infektiös zu machen. Alex und Tobias sind nicht berufstätig bzw. arbeiten freiberuflich. Auf der Uni, wo ich arbeite, haben alle zu mir gesagt, „Mein Gott, du bist so mutig“, aber das war auch schon das Maximum an Reaktionen. Ich nehme an, für die anderen Naturwissenschaftler ist Intersexualität kein Thema, weil es ein biologisches Phänomen ist.

„Ich musste mich nach 32 Jahren Ehe von meiner Frau scheiden lassen.“

Aber ich musste mich nach 32 Jahren Ehe von meiner Frau scheiden lassen, also ich habe erhebliche Konsequenzen tragen müssen nach dem Outing. Es ist nicht so, als ob es nicht unberührt an uns vorbeigehen würde, aber ich glaube, es ist die Zeit gekommen, dass wir sichtbar werden. Wenn wir es nicht machen, werden das Leid und die Schmerzen, der diesen Leuten von der Kindheit an oft aufgezwungen werden, nicht beseitigt werden können.

Gorji, wie war das denn bei dir? Wann war dir klar, dass du Intersexuell* bist?

„Das, was ihr heute seht, ist eine Konstruktion der Hormontherapie.“

Gorji: Ich bin ein sogenannter echter Hermaphrodit, ich wurde mit den genetischen Erbanlagen einer Frau und eines Mannes geboren. Als Kind wurde ich als männliches Baby geboren, also man konnte nicht sehen, dass ein Hermaphroditismus vorliegt. Diese Gegebenheit hat dazu geführt, dass ich keine Pubertät erlebt habe. Bis zu meinem 19. Lebensjahr bin ich praktisch unverändert geblieben und danach bin ich selbst drauf gekommen, dass etwas nicht stimmen kann. Immerhin haben sich alle gleichaltrigen um mich herum verändert, nur ich bin gleich geblieben. Dann habe ich selbst gesucht und hab eine Selbstdiagnose gehabt und habe mir das von den Ärzten bestätigen lassen. Sie haben dann zu mir gesagt, dass sie die Pubertät mittel Hormongabe künstlich einleiten lassen können. Sie haben auch gesagt, dass sie mich durch eine körperanpassende Operation männlicher Aussehen lassen können. Ich habe die Operation nicht zugelassen, schon damals nicht, weil ich eine unglaubliche Angst davor habe, aufgeschnitten zu werden, aber die Hormone habe ich sehr wohl zugelassen und dadurch ist eine Veränderung gekommen und ich bin viel männlicher geworden. Und das, was ihr heute seht, ist eine Konstruktion der Hormontherapie.

Werden Menschen auf ihre Genitalien reduziert?

Gin: Naja, bei der Geburt lautet ja die erste Frage, ist es ein Bub oder ein Mädchen, weil man halt schaut, ob da was ist oder nicht. Und bei Intersexuellen ist es ja oft so, dass wenn das Schwänzchen zu klein ist, dann wird aus dem Kind oft ein Mädchen gemacht, obwohl es ein Intesex*-Kind ist. Deswegen gibt es in der Intersex-Bewegung sehr stark die Forderung über die Abschaffung des Operationszwangs.

„Männer sind agil, Frauen sind fett und so quasi faul.“

Gorji: Diese Definitionen von „Mann“ und „Frau“ sind Konventionen. Irgendjemand hat irgendwann in der Biologie gesagt, Spermien sind männlich und Eizellen sind weiblich und davon hat man irgendwelche Attribute und Eigenschaften entwickeln lassen: Die Männer sind agil und beweglich, sie sind nicht zu bändigen und die Frauen sind fett und so quasi faul und können sich nicht bewegen. Aus dem haben sie das quasi abgeleitet. Man könnte das aber auch ganz anders machen. Als Biologe könnte ich jetzt kommen und behaupten, dass das Ei männlich ist und die Spermien weiblich. Das ist eine reine Formulierungssache und hat nichts mit den Gegebenheiten zu tun. So könnte man plötzlich alles umschreiben und umformulieren lassen und wir hätten eine ganz andere Gesellschaft. Also es ist eben nicht so leicht zu sagen, ob wir auf unsere Genitalien oder die Länge des Schwanzes reduziert werden oder nicht.

Wie reagieren die Menschen, wenn für gewisse Personen keine passende Schublade existiert?

Gorji: Befreiend.

Befreiend?

Gorji: Ja, sie sind immer sehr begeistert, wenn sie mit dem Konzept konfrontiert werden. Sie sehen, dass jemand vor ihnen sitzt, der nicht in diese Schublade hineinpasst. Eine lebendige Person, die bereit ist, darüber zu reden. Plötzlich ist es befreiend, weil sie sich selbst in dieser Schublade nicht wohl fühlen und eigentlich würden sie gerne austeigen und in eine andere Schublade gehen, die Schublade immer wieder wechseln, weil es ihnen Möglichkeiten öffnen und nicht etwas wegnimmt.

Was sind die gängigsten Vorurteile bzw. was sind die häufigsten Fragen, die euch zu diesem Thema gestellt werden?

Gorji: Die häufigste Frage ist die, die Sie uns als erstes gestellt haben: Was ist das eigentlich? Man traut sich nicht sehr weit, man traut sich meist nicht darüber hinaus. Eigentlich. Man lässt uns so quasi die Freiheit zu erzählen, so viel wir wollen. Aber nicht…man ist nicht so wahnsinnig neugierig über die körperliche Gegebenheit. Man erlaubt sich das nicht, man darf es auch nicht, denn das ist sehr unhöflich (lacht). Man fragt es einfach nicht. Man fragt das ja bei anderen Leuten auch nicht.

Gin: Ich find schon, dass man oft merkt, die Leute würden gerne fragen, sie machen es aber nicht.

Gorji: Genau, sie warten, bis du was sagst darüber sagst. Über die Sexualität fragen sie auch. Sie fragen mich, bist du hetero, homo usw. Weil ich über den Geschlechtergrenzen stehe, habe ich auch keine Definition für meine sexuelle Orientierung. Für mich ist alles möglich. Ich habe diese Einschränkungen nicht und ich kenne sie auch nicht, ich hab sie auch nie gekannt.

Vielen Dank für das Interview!

Gin Müller ist Dramaturgin*, Theaterwissenschafterin*, Performance-Künstlerin* und Queer-Theoretikerin* und arbeitet an der Schnittstelle von Performancekunst und politischem Aktivismus.

Gorji Marzban ist Professor*in für Biotechnologie und Mitbegründer*in der Oriental Queer Organisation, die sich für die Anerkennung der Rechte von Migrant*innen aus der LGBTIQ-Community (Lesbian/Gay/Bisexual/Trans/Intersex/Queer) in Österreich einsetzt.

 

*Um darauf Aufmerksam zu machen, dass es sich beim Geschlecht nicht um ein binäres System handelt, gendern wir mit dem Sternchen.

Sasa Sretenovic

Halbtags-Salzburger, Möchtegern-Germanist und Beyoncé-Liebhaber. Sasa verehrt nicht nur Salzburg bei Nacht, Thomas Bernhard und die Göttin des R&B, sondern schreibt auch gerne darüber. Und bei Fräulein Flora darf er das. Mode und Menschenrechte dürfen dabei auch nicht zu kurz kommen.