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Kultur Literatur

Starke Stimmen, wunde Münder: Salzburgs junge Literaturszene

Wer auf der Suche nach neuen, aufstrebenden Autoren ist, kann dafür nach Wien oder München fahren. Muss er aber nicht. Denn auch Salzburg hat seine junge, ambitionierte Literaturszene.

Unser Salzburg – Stadt der Kunst, der Kultur und eben auch der Literatur. Wir sprechen von Salzburg und sofort schießen hochkarätige Namen der österreichischen Literaturgeschichte in unser Bewusstsein. Bernhard, Handke, Innerhofer – und früher: Trakl, Hofmannsthal, Zweig.

Vielleicht hatte jemand auch schon das Glück, frühmorgens einen Taxifahrer zu erwischen, der davon erzählt, wie er einst den stockbetrunkenen HC Artmann vom Mönchsberg zu seiner Lesung im Literaturhaus gefahren hat, oder kennt die nach Volksschulschrift anmutenden Sätze, mit denen jener sich dort im Café verewigt hat.

Dem aufmerksamen Spaziergänger sind die Schaufensteraufkleber vom Literaturfest bekannt, die uns mit Zitaten aus den Werken von Karl-Markus Gauß und Teresa Präauer den Alltag erhellen. Und auf der Germanistik – und vielleicht auch darüber hinaus, erzählt man sich nicht nur hinter  vorgehaltener Hand von der Dissertation von Wolf Haas, die man in der Uni Bibliothek im Nonntal nicht wie irgendein mysteriöses Artefakt behandelt, sondern die ganz normal im Regal steht.

Und trotzdem: Salzburg beweist uns täglich, dass Literatur nichts antiquiertes ist, nichts statisches. Sondern etwas, das sich entwickelt, über das Horten von Büchern und das private Lesevergnügen hinausgeht. Etwas, das man erleben kann. Das Angebot an Literaturveranstaltungen ist für die charmante Größe unserer Stadt beachtlich. Nicht nur dem kulturinteressierten Zuhörer wird durch viele Institutionen, wie das Literaturhaus und die ARGE, ein breites Spektrum an Veranstaltungen präsentiert – auch den ambitionierten Jungautor wird vielerorts eine Bühne geboten um sein Oeuvre dem Lob und der Kritik der Öffentlichkeit auszusetzen. Unter dem Titel „Wir lesen uns die Münder wund“ veranstaltet das Mark. Freizeit und Kultur jährlich einen Schreibwettbewerb, dem glücklichen Gewinner winkt eine Buchpublikation.

Dieser Wettbewerb hebt einen wunderbaren Aspekt der jungen Salzburger Literaturszene hervor: Vernetzung! – es handelt sich dabei nämlich um ein Kooperationsprojekt zwischen dem MARK, dem Literaturhaus und kleinen, unabhängigen Independentverlagen. Zusätzlich dazu lädt die erostepost 4x jährlich im Rahmen der Veranstaltung !Lesen lassen! zur offenen Gesprächsrunde im Literaturhaus, und in der ARGE bieten der Autor Christian Lorenz Müller und das Salzburger Allroundgenie und Urgestein der Literaturszene Stefan Findeisl regelmäßig die Textgespräche an.

Ein weiteres Beispiel, das beweist, wie viel bewegt werden kann, wenn man nur genug Liebe, Herzblut und Begeisterung in seine Ideen steckt, ist die vor fünf Jahren von den Studenten Sarah Oswald und Josef Kirchner gegründete Zeitschrift mosaik – Zeitschrift für Literatur und Kultur. Was als kleines Magazin begann, in dessen Anfangszeit größtenteils Studierende der Uni Salzburg (sogar mit Angabe des Studienfachs!) publizierten, ist mittlerweile eine etablierte Literaturzeitschrift geworden, die auch in zahlreichen Städten in Deutschland erhältlich ist und die neben Lesenreisen, einem umfangreichen Onlineauftritt auch eine eigene Edition, in der – zwar in kleiner Auflage, dafür aber mit unglaublicher Detailverliebtheit (Stichwort: Fadenheftung!), regelmäßig Bücher selektierter Mosaik-Autoren erscheinen, bietet. Trotzdem ist der Anspruch, den das Mosaik an sich selbst, seine Leser und seine Autoren stellt, stets der Gleiche geblieben: Es will ein Medium sein, das jungen, auch bisher unveröffentlichten Autoren eine Plattform bietet.

Porträt Birgit BirnbacherUnd trotzdem: Denken wir wieder an die „berühmten“, die „alteingesessenen“, an Kathrin Röggla und Gerhard Amanshauser und all die anderen – Es sind große Fußstapfen, in die sie treten müssen – die , die nachkommen. Zwei davon sollen hier erwähnt werden: Birgit Birnbacher und Marko Dinic.

Birgit Birnbacher, geboren 1985 in Schwarzach lebt und arbeitet in Salzburg. Seit 2011 publiziert sie regelmäßig in Literaturzeitschriften und Anthologien, gewann (nebst einigen anderen) 2015 den Rauriser Förderpreis. Ihr im September 2016 bei Jung und Jung erschienener Debutroman wurde mit dem Preis der Jürgen Pronto Stiftung ausgezeichnet und im gesamten deutschsprachigen Raum durchwegs positiv rezensiert. Was Roman genannt wird, ist aber auch Kurzgeschichtensammlung, in der sich die Autorin dem Kunstgriff bedient, einige ihrer Protagonisten in mehreren Episoden auftreten zu lassen. In einer Stadt, die nicht klein ist, aber auch nicht groß, und die aufgrund diverser geografischer Fixpunkte sehr wohl Salzburg sein könnte, gibt Birgit Birnbacher Einblick in das gesamte Spektrum, das menschliche Emotionen zu bieten haben: Es wird geliebt, entliebt, getrunken und getrauert, geheult bis der Rotz aus der Nase schießt, ausgeschlagene Zähne mit Taschentüchern aufgesammelt und in die Jackentasche gesteckt werden müssen.

Das Ganze geschieht aber unaufdringlich und bescheiden. Ihre Sprache besticht durch Ellipsen, durch Satzabbrüche und durch eine gewisse Nähe zum gesprochenen Wort, sie vermeidet jegliche Effekthascherei, ist passagenweise witzig ohne es zu wollen, oder krampfhaft nach einer Punshline suchend.

Als wir an einem sonnigen Februarnachmittag zu den Flamingos in Leopoldskron spazieren und uns über ihr Werk, ihren Lebenslauf und das, was ihre Texte ausmacht unterhalten, wird schnell klar, dass sie viel Inspiration aus eigenen Erfahrungen zieht. Als Behindertenpädagogin und Sozialwissenschaftlerin verfügt sie über eine Empathie und Beobachtungsgabe, die in jedem ihrer Texte sichtbar wird, ohne sich jemals ins offensichtlich autobiografische zu verlaufen. Schlussendlich schreibt sie über nicht mehr oder weniger als das Leben in seiner reinsten, direktesten Form.

Marko Dinic

Schaut man sich die Liste an Residencys an, könnte man glauben, Marko Dinic verbringt seine Zeit schreibend in Elfenbeintürmen, war er doch in den letzten Jahren unter anderem Stadtschreiber von Schwaz (Tirol) und Pfaffenhofen, verbrachte Schreibaufenthalte in Rom und in Brünn – dem ist aber nicht so. Marko Dinic ist nicht nur Autor, sondern auch Gründungsmitglied und einer der Organisatoren von Veranstaltungen rund um das Bureau du grand Mot – einem 2012 entstandenen Salzburger Kunstkollektiv, das sich primär um die Vernetzung junger Künstler bemüht. So ist er auch treibende Kraft hinter dem Interlab – Festival für transdisziplinäre Kunst und Musik, einer Veranstaltung die sich nicht nur der Symbiose zwischen wissenschaftlichem Diskurs und künstlerischen Performances zum Ziel gemacht hat, sondern auch die Umfunktionierung und Belebung leerstehender Industriegebäude. Dazu schreibt er. Prosa, Lyrik, Kolumnen. Und nicht nur irgendwie, sondern auch so, dass er letztes Jahr zum Bachmannpreis nach Klagenfurt eingeladen worden ist.

Marko Dinic ist wahrscheinlich der erste gewesen, der – abgesehen von Stefanie Sargnagel vielleicht – dieser ach so großen, ach so prestigeträchtigen Literaturveranstaltung bewiesen hat, dass sie eben auch nur das ist: Eine Literaturveranstaltung. Dass man da auch gut im 70er Jahre Punkband-Shirt und mit der eigenen Plastikflasche auftreten, man seinen Text ganz ungewöhnlich im Stehen vortragen, und nicht nur deswegen, auch nicht trotzdem, sondern einfach, weil man gut ist, in dem was man tut, einen bleibenden – wenn auch leider unprämierten – Eindruck hinterlassen kann.

Und was vereint die beiden? Und nicht nur sie, sondern auch die vielen ungenannten? Da gibt es zum Beispiel auch noch Mercedes Spannagel, die diesjährige Gewinnerin des Rauriser Förderpreises, von der wir sicherlich noch einiges hören, beziehungsweise lesen werden. Sie alle beweisen: Die junge Salzburger Literaturszene ist ein herrliches Biotop. Voller Zusammenarbeit, individuellem Charme, Talent, Ambition und Zeitgeist – und der Garant dafür, dass es egal ist, wie viele Leute sich jedes Semester an der Uni Salzburg für Germanistik inskribieren: Wenn sie sich der heimischen Gegenwartsliteratur öffnen, wird ihnen in Salzburg die Arbeit nicht so schnell ausgehen.

Lisa-Viktoria Niederberger

Die Quoten-Oberösterreichin im Team hat die Salzburger und das Schreiben in und über Salzburg lieben gelernt. Ob literarisch oder journalistisch ist zweitrangig, in einer Stadt, wo man die Inspiration quasi vor der Haustüre findet.