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Kultur Literatur

Zu Gast in der Stadtbibliothek

Was wir schon immer über Bibliotheksbücher wissen wollten.

Wir haben Helmut Windinger, den Leiter der Salzburger Stadtbibliothek, zum Interview getroffen und von ihm erfahren, wie oft Fifty Shades of Grey im letzten Jahr ausgeliehen wurde, wie Buch-Beschmierer bestraft werden und warum richtiges Kacken unter den Lesern heuer ein besonderes Reizthema ist.

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Fräulein Flora: Zuerst die Frage, die uns seit Monaten umtreibt: Wie oft wurde Fifty Shades of Grey heuer ausgeliehen?

Helmut Windinger: Alle „Shades of Grey“ zusammen bringen es aktuell auf 722 Entlehnungen.

Und was hat Ihre Leser im letzten Jahr noch interessiert?

Kurioserweise ein Buch, dessen erstes Kapitel „Wie geht Kacken“ titelt. Offenbar hat die junge Medizinstudentin Giulia Enders mit ihrem Bestseller Darm mit Charme ein medizinisches Tabuthema aufgegriffen, das auch sehr viele unserer Leserinnen und Leser umtreibt.


DIE TOP 5 BUCHAUSLEIHEN DES JAHRES 2015 IN DER STADTBIBLIOTHEK

  1. Leon, Donna: Reiches Erbe
  2. Kinney, Jeff: Gregs Tagebuch 8 – Echt übel!
  3. Enders, Giulia: Darm mit Charme
  4. Kinney, Jeff: Gregs Tagebuch 1 – Von Idioten umzingelt
  5. Kinney, Jeff: Gregs Tagebuch 6 – Keine Panik!

Was passiert mit uns, wenn wir ein Buch vollschmieren?

Ganz einfach: Wenn Sie in ein entliehenes Buch hineinkritzeln, dann müssen Sie es zum Kaufpreis erwerben. Vorteil für Sie: Sie dürfen dann munter weiterkritzeln.

Klingt ziemlich einleuchtend. Haben Sie schon einmal Gnade vor Recht ergehen lassen?

Ich erinnere mich an den Fall einer älteren Dame, die oft für ihren Ehemann Bücher ausleiht. Der sitzt nämlich im Rollstuhl. Aus Neugierde hat mein Kollege sie einmal gefragt, wie sie sich merkt, welche Bücher sie schon entliehen hat. Sie hat ihm dann ganz beschämt zugeflüstert, dass sie immer einen kleinen, fast unsichtbaren Bleistiftpunkt hinten auf der letzten Seite macht. Ich fand das sehr berührend und im Übrigen gar nicht schlimm!

Wie viele Bücher findet man denn in der Stadtbibliothek?

Wir haben insgesamt 180.000 Medien, jedes Jahr kommen 17.000 bis 18.000 neue dazu und werden gleich viele alte ausgeschieden. Deshalb ist die Bibliothek theoretisch nach gut zehn Jahren neu.

Was passiert mit alten Büchern, die ausgeschieden werden?

Die kommen auf unseren Flohmarkt, der jedes Jahr im Juni stattfindet.

Dann haben Sie bei der Lektüre ja massig Auswahl. Was ist denn Ihr persönliches Lieblingsbuch? Oder schauen Sie lieber Fern?

Lesen schlägt klar fernsehen. Dabei ist immer das aktuelle Buch mein Lieblingsbuch. Im Moment fasziniert mich das spannende Buch Lost Enlightenment von S. Frederick Starr. Es geht dabei um das goldene Zeitalter der Aufklärung im mittelalterlichen Zentralasien und um die Frage, warum diese Aufklärung letztlich gescheitert ist. Wäre schön, wenn das bald in deutscher Sprache herauskommt.

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Eine nostalgische Frage: Gibt es eigentlich den pinken Bücherbus noch?

Ja den gibt es noch und er erfreut sich noch immer großer Beliebtheit.

Sie beschäftigen also nicht nur Bibliothekare, sondern auch Busfahrer? Oder gibt es das in Personalunion?

Wir haben einen Kollegen mit Busführerschein, der den Bücherbus fährt und eine Kollegin, die den Bücherbus seit mittlerweile 28 Jahren bibliothekarisch betreut. Sie geht übrigens heuer am Ende des Jahres in Rente.

Eine lebende Legende: Der Salzburger Bücherbus

Kinder der 90er Jahre kennen ihn! Der Bücherbus fährt an 4 Tagen in der Woche Haltestellen in verschiedenen Salzburger Stadtteilen an. Nähere Infos zum Bücherbus findet ihr hier.

Die Stadtbibliothek Wien ist ja im Web 2.0 mit ihren bissigen Facebook-Postings sehr erfolgreich. Würden Sie nicht auch gerne Ihre Leser beleidigen?

Die Facebook-Seite der Büchereien Wien genießt tatsächlich Kultstatus im gesamten deutschsprachigen Raum. Das ist vor allem Monika Reitprecht zu verdanken, die sich getraut hat, diesen Weg zu gehen und das auch großartig umsetzt. Etwas derartig Originelles gibt es nur einmal und das kann man auch nicht einfach kopieren! Wir sind aber natürlich auf Facebook unterwegs und schätzen diese lockere Form der Kommunikation.


DIE STADTBIBLIOTHEK SALZBURG IM WEB 2.0
Weniger zynisch als in Wien aber auch sehr unterhaltsam geht es auf der Facebook-Seite der Salzburger Stadtbibliothek zu. Den Newsletter kann man hier abonnieren.


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Apropos neu: Hat es der Bibliothek gut getan, aus dem barocken Schloss Mirabell in die Neue Mitte Lehen zu ziehen?

Ja, ganz bestimmt. Erstens haben wir hier mehr Platz. Außerdem habe ich das Gefühl, dass wir dadurch offener und bunter geworden sind. Zum Beispiel ist die Bibliothek ein beliebter Lernort für Kinder, die vielleicht zuhause sehr beengt sind und die hier Nachhilfe bekommen. Manchmal kommen sogar Jugendliche zum Schmusen vorbei. (lacht)

Halt, Moment … DAS ist bei Ihnen erlaubt?

Ja klar … aber natürlich nur, wenn es sich im Rahmen hält und niemanden belästigt. Da haben wir aber eigentlich noch nie Probleme gehabt.

Na dann schauen wir sicher auch wieder mal bei Ihnen vorbei! Inzwischen vielen Dank für das Gespräch!


VERANSTALTUNGEN
In der Stadtbibliothek finden regelmäßig kostenlose Lesungen und andere Veranstaltungen statt, darunter z.B. ein wöchentlicher Deutsch-Konversationskurs (Dienstag und Donnerstag von 16 – 17 Uhr) und die biber Bildungsberatung Mittwoch von 16 bis 19 Uhr).


 

Matthias Gruber

Matthias Gruber ist ein Ur-Salzburger, der auszog, um Italien und Wien zu erobern. Gern ist er wieder zurückgekommen und macht für das Fräulein Flora wunderschöne Fotos der “Nicht-Nur-Mozartstadt”, die von witzigen Texten begleitet werden.