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So gedenkt Salzburg am 30. April der Bücherverbrennung

Wie steht es 82 Jahre nach der Bücherverbrennung um Zivilcourage und Meinungsfreiheit?

“Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen”, lautet ein Zitat von Heinrich Heine aus dem Jahr 1823. Am 30. April 1938 sollte seine Aussage zur Gewalt gegen Gedanken als Vorboten der Gewalt gegen Menschen auch in Salzburg traurige Realität werden. An diesem Tag fand am Residenzplatz die erste Bücherverbrennung am Gebiet des ehemaligen Österreich statt.

(c) Stadt Salzburg

Organisiert wurde sie ausgerechnet vom Salzburger Nationalsozialistischen Lehrerbund. Ein Vertreter tat sich dabei ganz besonders hervor: Der Lehrer, Schriftsteller und glühende Nazi Karl Springenschmid. In einer pathetischen Rede am Scheiterhaufen schwor er die versammelten Schaulustigen – viele davon Schüler – auf das Programm der Nationalsozialisten ein: „Verbrannt, vernichtet sei alles, was an klerikaler Knechtung und jüdischer Verderbnis den Aufbruch einer wahrhaft deutschen Kultur behinderte.” Gemeint waren damit nicht nur die Bücher jüdischer Autoren, sondern auch jene von katholischen und ständestaatlichen Schriftstellern. Über 1.000 Werke sammelte die Hitlerjugend in Salzburg ein, wobei auch private Haushalte freiwillig ihre Bücher ablieferten.

(c) Stadt Salzburg

Der lange Weg zum Erinnern

Es dauerte 80 Jahre, bis die Stadt Salzburg im vergangenen Jahr endlich ein Mahnmal für die Bücherverbrennung am Residenzplatz eröffnete. Ein in den Boden eingelassenes Buchskelett erinnert seitdem an den Ort und die Geschehnisse im April 1938. Der Initiator der Bücherverbrennung Springenschmid lebte nach einer kurzen Phase des Unertauchens bis zu seinem Tod 1981 in Salzburg. Er publizierte weiterhin völkisch gesinnte Bücher und musste sich niemals verantworten.

(c) Stadt Salzburg

Das Programm zum Gedenken am 30. April 2020

Die Initiative Freies Wort organisiert jedes Jahr Veranstaltungen, um den Geschehnissen vor 82 Jahren zu gedenken. Auch heuer wären unter anderem eine Rede von Doron Rabinovici, kleine Konzerte oder Aufführungen von Slampoet*innen aus mehreren Ländern geplant gewesen. Das Programm wird wegen Corona um ein Jahr auf den 30. April 2021 verschoben.

Einige Aktionen finden trotzdem statt. Das Glockenspiel mit der von Erich Schmidt gesetzten Melodie des Liedes „S’brent! briderlekh, s’brent!“ (Es brennt, Brüder, es brennt!) von Mordechai Gebirtig wird nicht nur am 30. April, sondern den gesamten Mai 2020 dreimal am Tag – um 7.00, 11.00 und 18.00 Uhr – am Residenzplatz erklingen. Außerdem gibt es am 30. April um 20 Uhr eine Lesung des österreichischen Schriftstellers und Historikers Doron Rabinovici auf der Facebook-Seite des Salzburger Literaturhauses.

Matthias Gruber

Hat studiert, als man in der Uni noch rauchen durfte und macht seitdem immer irgendwas mit Medien. Bei Fräulein Flora hat er endlich einen Arbeitsplatz gefunden, an dem er sich nicht täglich heulend im Klo einsperren möchte. Und bleibt deshalb noch ein bisschen.