Museum der traurigen Geschichten
Kultur

Sie durfte nicht mit uns

Fräulein Floras "Museum der traurigen Geschichten"

Fräulein Floras Museum der traurigen Geschichten

Um auch traurigen Momenten einen Raum zu geben, eröffnen wir ein „Museum der traurigen Geschichten“. Für einen Monat führt ein Pop-Up-Raum mit Geschichten, Fotos und Artefakten durch Salzburgs Traurigkeit. Dafür brauchen wir eure traurigen Geschichten!

V., 22 Jahre

Als ich noch ein Kind war, sind meine Familie und ich einmal im Monat in ein kleines nahegelegenes Städtchen gefahren und haben dort Martina besucht. In dem kleinen Städtchen gab es nämlich das einzige Kinderdorf weit und breit und dort wohnte Martina seit einigen Jahren. Sie war eine frühere Klassenkameradin aus Grundschulzeiten und seitdem als Patenkind meiner Eltern in unserer Familie immer gern gesehen.

Die Fahrt in das kleine Städtchen dauerte eine halbe Stunde mit dem Auto. Wenn wir Martina besuchten, gingen wir je nach Jahreszeit in den Hängen mit den Weinreben wandern oder im Stadtzentrum Eis essen. Abwechselnd dazu besuchte uns auch Martina und wir tobten in einem Klettergarten, gingen in den Tierpark oder sammelten Himbeeren im Wald. An diesem Sonntag im Herbst planten wir eine Wanderung zu einem nahegelegenen Kloster und wollten Martina im Kinderdorf abholen. Die Kastanienbäume standen dort schon in vollem Gelb und am Wegesrand konnte man heiße Kastanien in Tüten kaufen.

Ich saß neben meinem Vater auf dem Beifahrersitz und freute mich auf den Wandertag. Seit Martina ins Kinderdorf gezogen war, sahen wir uns schließlich immer seltener und hatten uns viel zu berichten. An diesem Sonntagmorgen aber gab es in jenem Haus im Kinderdorf, wo Martina mit vier anderen Kindern und zwei Betreuer*innen wohnte, Probleme: Die Pflegemutter hatte im Wohnzimmer in einer Vitrine eine Sammlung an Stiften angelegt und einer davon war verschwunden. Sie bezichtigte also Martina des Diebstahls, denn es fehlte ein roter Stift von Ferrari und der hatte Martina immer schon so gut gefallen. Das war ihr Beweis genug.

Wir wurden also in Martinas Zimmer geschickt, wo Martina schwieg und wir meinen Vater und Martinas Pflegemutter durch die Tür hindurch im Wohnzimmer diskutieren hörten. Denn weil die Pflegemutter Martina bestrafen musste, solange sie den Diebstahl nicht zugeben würde, durfte sie nicht mit uns mit zu den Kastanienbäumen. Daraufhin bezichtigte ich alle anderen Kinder im Haushalt des Diebstahls sagte zur Pflegemutter, wie unfair sie sei und Martina beharrte darauf, dass sie den Stift nicht gestohlen habe. Am Ende sind mein Vater und ich alleine wieder nachhause gefahren. Der Stift ist nie wieder aufgetaucht und ich habe Martina bis heute nicht darauf angesprochen.

Kastanien Museum der traurugen Geschichten

 

Wir freuen uns und sind gespannt auf eure Geschichten! Schickt sie uns mit einem Bild von einem Ding, das euch an die Geschichte erinnert an info@fraeuleinflora.at. Bei uns wird auf Wunsch auch alles anonymisiert.