Frauen
Aus dem Magazin

#realtalk: Was uns in unterschiedlichen Lebensphasen beschäftigt

Wir haben in der Redaktion und in unserem Umfeld nachgefragt.

Letztens wollten wir von unserer Praktikantin wissen, welche Sorgen und Gedanken die heutige Jugend mit Anfang 20 so hat. Dieses Alter ist für uns nämlich schon so weit weg wie … naja sehr weit weg. Dann haben wir überlegt, was uns mit Ende 20, Anfang 30 eigentlich so beschäftigt. Und schließlich haben wir auch noch bei der Generation unserer Eltern nachgefragt, worauf wir uns eventuell mal einstellen können. Und das ist dabei herausgekommen: Das beschäftigt fünf Frauen mit 17, 23, 29, 32 und 55 Jahren.

Elisabeth, 17

Mit 17 habe ich gerade meine Matura hinter mir, ein Lebensabschnitt also, auf den ich mich (eigentlich) seit Jahren freue – endlich frei sein, endlich in die Welt hinauskommen, endlich die eigenen Träume erfüllen, endlich das Leben in vollen Zügen genießen. Die Realität sieht dann aber immer halb so gut aus. Das Gefühl „frei zu sein“ lässt lange auf sich warten, da der Stress auch nach der Matura nicht verschwunden ist und die To do-Liste nur lästig langsam schrumpft.

Obwohl ich mich darauf einstelle, dass auch jetzt nicht einfach „alles passen“ wird, ist gerade dies eine Zeit, wo meine Träume noch zu groß sind, um ihnen jemals gerecht zu werden. Auf der anderen Seite habe ich immer das Leben meiner Eltern vor Augen, das den Titel trägt „der Stress wird nicht weniger – er wird mehr“. Obwohl ich mich also verdammt freue auf alle Erfahrungen, die jetzt vor mir liegen – im Herbst nach Paris ziehen, Studentenleben, erste eigene Wohnung – und ich auch gerade jeden Tag meines Lebens genießen will, bleibt im Hintergrund immer ein Zweifel ob das, was jetzt schon nicht gut ist, jemals wirklich gut werden kann. Dass mein Insta Image positiver ist als mein Leben, zählt auch nicht als Erleichterung.

Eine geteilte Aussicht auf mein Leben also. Meine Mutter hat diese Zweifel in passende Worte gefasst: „Die Macken, die dein Freund jetzt schon hat, die werden nicht besser, die werden schlimmer, schau dir deinen Vater an.“ Gleichzeitig bin ich absolut bereit alles zu erleben, was mir mein Schulstressherd bis jetzt verwehrt hat und mich ins postschulische Lebenschaos zu werfen aka „Don’t Stop Me Now“.

Marlene, 23

Ich bin jetzt in einem Alter, in dem mir eigentlich die Welt offen steht. Ich habe das Bachelorstudium abgeschlossen, in den letzten Jahren viele neue Bekanntschaften gemacht, viele neue Freunde gefunden und neben meinem Studium einige berufliche Ecken erkundet. Nun bin ich an einem Punkt, an dem ich mir vollkommen frei aussuchen kann, wie ich mein Leben weiter gestalte – also warum fällt mir diese Entscheidung so schwer? Ganz einfach: Weil man ständig, oft auch vollkommen unbewusst, von Druck umgeben ist. Dem Druck, eine Entscheidung treffen zu müssen. Aber nicht irgendeine, sondern die RICHTIGE. Oft nicht für einen selbst, sondern vielmehr für die anderen. Von ihnen kommen Empfehlungen wie: “Wenn du jetzt nicht ins Ausland gehst, dann gehst du gar nicht mehr.”

Übersetzt bedeutet das für mich: “Wenn ich jetzt arbeite und nicht mehr weiter studiere, dann habe ich was verpasst.” Auf der anderen Seite wird dir oft gesagt, dass man in meinem Alter schön langsam an die Zukunft, an Familie und Kinder, denken könnte, wenn nicht sogar sollte, denn man würde ja auch nicht jünger. Also verbaue ich mir die Zukunft mit Haus, Mann und Kind, wenn ich mich weiterbilde und ein paar Jahre lang nur das mache, was mich selbst weiter bringt? Tja, in diesem Falle bleibt mir nur zu hoffen, dass mit 27, wenn meine Ausbildungen im Ausland voraussichtlich abgeschlossen sein werden, sich noch irgendwo ein Mann auf meine alten Tage auftreiben lässt.

Miriam, 29

In ein paar Monaten werde ich 30. Ich kann mich noch daran erinnern, wie meine Mama ihren 30er gefeiert hat, oh Gott. Früher dachte ich immer, auf Ü30-Partys gehen nur alte, alleingebliebene Menschen, die verkrampft auf der Suche nach einem*r Partner*in sind. Den Partner habe ich zumindest schon. Genauso wie eine Arbeit, die mich erfüllt, eine nette Wohnung am Land und zwei Katzen. Und im Moment fehlt es mir auch an nichts. Aber ich merke, dass mir das Thema Gesundheit ab und zu aufs Gemüt drückt. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind im letzten halben Jahr wirklich schlimme Schicksalsschläge passiert: Krebsdiagnosen oder Todesfälle von Menschen, die die 30 noch nicht erreicht haben. Immer öfters denke ich mir: “Ich muss mich jetzt mal ordentlich durchchecken lassen.” Und auch beim Geburtstagskarten-Schreiben wünsche ich nicht mehr nur das obligatorische “Alles Gute”, sondern meistens auch noch “Viel Gesundheit”. Schon skurril. Und dann wäre da noch die innere Uhr, die immer schneller zu ticken scheint und das Thema Kinder in den Raum wirft. Auf der einen Waagschale liegen also die ohnehin rare Freizeit, viele Freiheiten und der Genuss der Spontanität und auf der anderen Familiengründung und die Frage, wie lange ich es noch hinausschieben kann. Puh!

Eva, 32

Ich kann mich noch gut an meinen 20. Geburtstag erinnern. Ich war damals Praktikantin bei einem Festival, das es nicht mehr gibt und so frustriert, weil dieser 2er jetzt in einem Alter ist, dass ich alle runtergezogen habe. Netterweise hat mein Chef das erkannt und die (damals bekannte) Band Anajo angebettelt, mir auf der Bühne zum Geburtstag zu gratulieren. Wenn ich zurückdenke, wirkt es irgendwie komisch, dass mich mein Alter jemals so beschäftigt hat. Mittlerweile ich viel passiert, ich bin beruflich da, wo ich gern bin, habe Studium, Auslandsaufenthalte, Maturajubiläen hinter mir. Ich habe die große Liebe meines Lebens geheiratet, wohne gemütlich, habe einen witzigen Sohn. Alter, Gewicht, Ausbildung – alles Sorgen, die ich hinter mir gelassen habe.

Schön langsam kriechen andere Zweifel in mir hoch: Bin ich als Mutter genug? Kümmere ich mich ausreichend darum, meinem Kind eine sorgenfreie Zukunft zu garantieren? Werden wir genug Geld haben, damit er immer alles haben kann und überall dabei sein darf? Soll er in die Krabbelgruppe? Verpfusche ich ihn für immer, wenn er vier Stunden am Tag mit anderen Menschen verbringt? Es hat sich herausgestellt, dass das Sorgen sind, die sehr tief liegen. Damals, als ich mich gefragt habe, ob ich mit zehn Kilo weniger glücklicher wäre, hing die gesamte Verantwortung an mir. Jetzt muss ich jeden Tag ein Stück mehr Kontrolle abgeben. Und lernen, zu vertrauen. Das ist auf der einen Seite wirklich, wirklich schön. Und auch so, so hart! Sei’s drum: Ich bin froh, das alles erleben zu dürfen. Mit 50 schau ich zurück und es kommt mir genauso absurd vor, wie das pseudo-Gewichtsproblem vor zehn Jahren. Das Leben ist komisch.

Gertraud, 55

Als über 50-Jährige hat man nicht mehr ganz so viel Zeit zum Leben. Ich überlege mir oft, ob ich schon alles erledigt habe, was ich in mein Leben packen will. Ein wichtiger Punkt dabei ist, ob meine Kinder und Enkelkinder glücklich sind oder ob ich noch etwas zu ihrem Glück beitragen kann. Das beschäftigt mich irgendwie schon immer, das geht nicht weg.

Außerdem rückt meine eigene Gesundheit wieder mehr in den Fokus, jetzt, wo alle Kinder aus dem Haus sind. Ich achte auf meine Ernährung und unternehme alles, was ich weiß, um mich gegen Krankheiten vorzubeugen, die in meinem Alter daherkommen können. Stichwort Krankheit: Momentan beschäftige ich mich mit dem Gedanken, was passiert, wenn meine Eltern krank werden und sich nicht mehr selbst versorgen können.

Aber es sind auch sehr schöne Sachen gerade aktuell. Wenn man mal 50 ist, hat man schon sehr viel erlebt, auf das man auch stolz sein darf. Ich lehne mich oft zurück und freue mich, über das, was ich geschafft habe und dass es mir und meiner Familie gut geht. Klar ist auch in meinem Leben einiges schief gelaufen, aber das interessiert mich nicht mehr wirklich. Was bleibt, ist der Stolz und die Zufriedenheit, schöne Dinge erlebt zu haben und zu erleben.


Titelbild: Photo by Sam Manns on Unsplash