Aus dem Magazin

An mein 20-jähriges Ich

Eine Hommage an frühere Tage.

„Wenn einer in sein dreißigstes Jahr geht, wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich entdecken kann, wird unsicher.“ (Ingeborg Bachmann)

Kommt man in sein 30. Jahr, macht es zuerst einmal gscheid Bumm. Jüngere sagen dann: „Was führst dich denn so auf? Ist doch nur eine Zahl.“ Ältere haben schon längst vergessen wie es war. Und man selber? Fühlt sich immer noch wohl neben den 16-jährigen Busproleten, stört sich aber auch nicht mehr an der Stille.

Wenn man 30 wird, hat man ein bisschen etwas erlebt. Als mich meine Kollegin, mit ihren Anfang 20, gefragt hat, was ich meinem 20-jährigen Ich mitgeben würde, habe ich zum Nachdenken angefangen. Und einige Dinge zusammengeschrieben, deren Wichtigkeit und Wahrheit sich in den letzten zehn Jahren relativiert haben. Nun, mein liebes 20-jähriges Ich, this one goes out to you!

#1 Stress dich nicht so: Die Uni ist jedem scheißegal!

Denke ich an meine Zeit an der Uni zurück, erinnere ich mich an wenig. Woran ich mich aber erinnere, war der Stress, den ich mir selbst gemacht habe. Möglichst schnell fertig werden, möglichst gut sein. Ganz ehrlich: Mich hat noch nie (also wirklich nie) jemand gefragt, welche Noten ich hatte, ob ich auf der Uni was gelernt habe oder wann ich zur Magistra wurde.

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#2 Die Zweifler lügen, denn: Auch Publizistik-Studis bekommen Jobs

Als stolze Magistra der Medienwissenschaften wurde mir noch vor der Inskription vorhergesagt, dass ich mich aufs AMS einstellen kann. Alles Lügen. Auch Medienwissenschaftler*innen kriegen eine Arbeit, lästern über Chef*innen und gehen in Krankenstand, wenn sie eigentlich nur ausschlafen wollen.

#3 Verschwende deine Jugend (nicht)!

Im Leben wird dir immer aufgetragen, alles zu geben. Für die Ausbildung, den Job, blablabla. Alle müssen immer besser, schneller und gscheiter werden. Liebes 20-jähriges Ich: Nimm dir Zeit. Gammel in den Ferien herum. Geh auf Reisen. Schlaf jeden Tag aus und sei die ganze Nacht auf. Nie mehr in deinem Leben wirst du so viel Zeit haben wie jetzt. Weil mit 30 bist du um 10 im Bett – außer zu Silvester, da druckst du es bis Mitternacht durch.

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#4 Man wird nicht sofort schwanger, nur weil man einen Mann ansieht

Horrorgeschichten, die mich und meinen gesamten weiblichen Freundeskreis viele Jahre verfolgt haben: Bisschen rummachen und schon ist man schwanger. Nein, liebe Leute: So einfach geht das nicht. Da kriegt man zehnmal schneller eine Geschlechtskrankheit, als ein Baby. This shit is nämlich real!

#5 Ein Ort alleine macht dich nicht glücklich

Zwischen 18 und 24 Jahren habe ich die Welt bereist und immer versucht, mich über die Coolheit von Orten zu definieren: Paris, Genf, Washington DC. Das waren tolle Jahre und super Erfahrungen. Aber ein Ort alleine macht dich nicht glücklich. Was bleibt sind zwei Dinge: Gute Freundschaften über Salzburg hinaus und die Erkenntnis: Es wird nie so sein wie woanders.

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#6 Familie zählt!

Mein 20-jähriges Ich bricht spätestens JETZT in lautes Gelächter aus. Früher wollte ich alle Spuren einer Vergangenheit hinter mir lassen. Jetzt fahre ich mit Freude zu Familienfeiern, treffe meine Großeltern gerne und genieße Kaffeetrinken mit meiner Mama. Der Gedanke, meinen Neffen nicht aufwachsen zu sehen oder mit meinem Opa einmal im Jahr zu telefonieren, treibt mir fast die Tränen in die Augen.

#7 Verschwende keine Zeit mit Menschen, die dich anzipfen. Sei loyal mit denen, die es auch mit dir sind.

So einfach ist das.

#8 Naiv zu sein, macht manchmal Sinn

Seit ich meine eigene Firma habe, weiß ich um den Wert von naiver Blindheit. Nicht immer alles tausend mal durchzudenken, abzuwiegen und Risiko vor Erlebnisse zu stellen, ist gut. Sich trauen, auch mal unvernünftig zu sein, auch wenn wirklich JEDE*R die abrät, muss man mal ausprobieren.

Fällt man auf die Goschn, hat man was gelernt. Fällt man nicht auf die Goschn, kann man noch so lange weitermachen, bis man auf die Goschn fällt.

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#9 Mit 30 ist man nicht erwachsen

Und man wird es auch nie. Ich fühle mich immer noch wie ein junges Mädchen, das gerade aus der Schule raus ist. Ich habe letztens meine Mama gefragt, ob es ihr da anders geht. Turns out: Sie hat es auch vollkommen verpasst, erwachsen zu werden. Offenbar geht es aber auch ohne. 🙂

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#10 Eifersucht und Neid können aufregend sein, bringen dich aber nicht weiter

Elendslange Stalking-Sessions auf dem Facebook-Profil der neuen Freundin vom Exfreund machen Spaß, aber keinen Sinn. Sich mit anderen Menschen zu vergleichen, kann fruchtbar sein, aber tut meistens nur weh. Seine ganze Energie auf die Vernichtung einer anderen Karriere zu legen, kann kreativ machen, lässt aber den eigenen Fokus verlieren. Hier halte ich es mit Buz Lurhmann:

Don’t waste your time on jealousy. Sometimes you are ahead, sometimes you are behind. The race is long and in the end, it’s only with yourself.

Eva Krallinger-Gruber

Eva ist eine richtige Ex-Exil-Salzburgerin. Frankreich, USA, Schweiz - aber nirgends ist es wie zuhause. Journalismus, Marketing (Kosmetik und dann Bier) und eigentlich redet sie auch ganz gern.