Film & Theater Kultur

Islam und Satire

Die Datteltäter im Interview.

Am Wochenende ist das Grand Finale des Open Mind Festivals in der ARGEkultur über die Bühne gegangen. Wir waren dabei und haben uns durch das Satire-Kalifat „Datteltäter“ genossen. Die jungen Berliner*innen haben einen eigenen YouTube-Kanal, auf dem sie Vorurteile gegenüber Muslimen kritisch beleuchten, dem ganzen eine Portion Satire hinzufügen und damit ziemlich erfolgreich sind. Wir haben Younes Al-Amayra, einen der Gründungsmitglieder, im Anschluss an den Auftritt zum Interview getroffen.

Wodurch sind die typischen Stereotypen über Muslime deiner Meinung nach entstanden?

Younes Al-Amayra: Stereotypen entstehen ja immer dann, wenn am Anfang ein kleines Stückchen Wahrheit in Vorurteile driftet und dann wiederum in Ausgrenzung und im schlimmsten Fall in Übergriffe übergeht. Meistens werden Vorurteile unreflektiert reproduziert, ohne dass ein Dialog auf Augenhöhe stattgefunden hat. Stereotypen können manchmal stimmen, aber gerade wenn man Schubladendenken hat, sollten diese Schubladen genutzt und mit eigenen Inhalten gefüllt werden. Und genau das machen wir, indem wir bestimmen, was die Inhalte sind, wie wir uns selbst sehen und wie man uns sehen kann.

„Vorurteile entstehen immer dann, wenn man nicht miteinander gesprochen hat und verhärten sich dann.“

Welcher konkrete Anlass hat euch zum Projekt Datteltäter bewogen? Was war der Startschuss?

Younes Al-Amayra: Als Pegida aufkam, wurde plötzlich mit so viel Blödsinn und nicht vorhandenem Wissen über Muslime, wie z.B. mit der Islamisierung des Abendlandes, um sich geschmissen. Diese Bewegung ist überwiegend im Osten Berlins entstanden und konnte dort fruchten. Genau dort, wo wenig Muslime leben, beklagt man sich am meisten über die Islamisierung. Das zeigt, dass das alles nicht mehr sachlich ist. Mit dem Aufkommen von Pegida habe wir begonnen, ein Video zu machen und es kam extrem gut an. Auf YouTube haben sich Muslime bisher nicht satirisch mit diesem Thema beschäftigt. Das war für uns eine Nische, die gebraucht und angenommen wurde und ich finde es sehr wichtig, dass Muslime eine Stimme dazu entwickeln und auch gehört werden.

Datteltaeter

Welche Rolle spielen deiner Meinung nach Medien in diese Sache?

Younes Al-Amayra: Medien haben immer eine große Macht und sie wissen das auch. Wir benutzen ja auch ein Medium und wissen, was es bewirken kann. Die Medienberichterstattung ist zwar seit dem 11. September schon besser geworden, aber wenn man Muslime immer nur in Verbindung mit Terrorismus und Problematik erwähnt, dann bekommen die Leser keine Alternative. Wenn Muslime nur dann interessant sind, wenn ein Anschlag war, weil das eben funktioniert, oft geteilt und darüber geredet wird, dann ist die Gewichtung falsch und erschreckend. Die Medien tragen sicher einen großen Beitrag dazu, wie Menschen letztlich denken oder nicht. Alle konsumieren Medien. Die Onlinewelt ist zum Glück aber nicht die Realität – ich werde ja auf der Straße nicht am laufenden Band beschimpft. Die meisten Erfahrungen, die ich in Deutschland in der „Offline-Welt“ mache, sind zum Glück positiv, aber das Negative verkauft sich besser und das ist definitiv ein Problem.

„Wenn man Muslime immer nur in Verbindung mit Terrorismus und Problematik erwähnt, dann bekommen die Leser keine Alternative.“

Wie seid ihr auf die Idee „YouTube-Channel“ gekommen?

Younes Al-Amayra: Ein Blog kam nicht in Frage, weil wir gesehen werden wollten. In diesem Kontext war es wichtig, Identifikationsfiguren zu schaffen und die Leute sichtbar zu machen. Außerdem hatten wir Bock auf Videos und nicht auf Schreiben. Und ich kann nicht schreiben. (lacht) Facebook war am Anfang stärker, weil wir nicht wussten, wie YouTube und seine Nutzer funktionieren. Irgendwann hat sich bei uns auf YouTube eine Community gebildet, die wöchentlich konsumieren wollte. Außerdem funktioniert Facebook anders, ist schnelllebiger und hat nicht so eine eingeschworene Gemeinschaft, wie YouTube.

Datteltaeter
© Michael Größinger

Wer denkt sich das Drehbuch aus? Wer filmt? Wie organisiert ihr euch?

Younes Al-Amayra: Im ersten halben Jahr haben sich Marcel, Fiete und ich um alles gekümmert. Einer hat Ideen und Vorschläge eingebracht, wir haben gemeinsam an den Skripten gearbeitet und dann kam noch die Regie dazu. Das Problem war, dass wir alle zwei Jobs hatten. Wir sind dann auf die Schwestern Nour und Hibat gestoßen. Ich fand Hibat echt cool – eine Hijabi-Frau, die einfach Style hat und lustig ist. Wir sind nach Österreich geflogen und haben uns mit den beiden getroffen. Es hat sich herausgestellt, dass Nour sehr gut schreiben kann, lustig ist und denkt wie wir. Und seit ca. drei Monaten schreibt nun Nour unsere Skripte. Wir werfen Ideen ein, sie schreibt alles, wir schauen drüber, fügen hinzu und dann geht es in die Regie, wo auch noch einiges verändert wird. Wir haben keine Produktionsfirma und machen alles selbst.

Datteltaeter

Inwiefern sind Satire und Humor ein gute Möglichkeit, mit Klischees aufzuräumen?

Younes Al-Amayra: Bei uns kann man erstmal über alles lachen, muss man aber nicht. Humor ist in erster Linie ein guter Icebreaker. Menschen mögen Humor und möchten zum Lachen gebracht werden. Satire ist manchmal hart an der Grenze, das wissen wir auch, aber Provokation gehört auch ein bisschen dazu. Wir wollen Unterhaltung gefüllt mit Inhalten machen, damit wir die Leute über den Humor erreichen und dann quasi mit Inhalten und unseren Sichtweisen füttern.

„Bei uns kann man erstmal über alles lachen, muss man aber nicht..“

Wo eure Videos sind, kommen auch viele Hasspostings und -kommentare daher …

Younes Al-Amayra: Die kommen relativ schnell. Es ist unglaublich, was da teilweise unterstellt wird und welche Lügen da verbreitet werden. Am Anfang musst du lernen, damit umzugehen, weil du diese Hasswelle nicht erwartest. Wir haben mittlerweile gewissermaßen gelernt, damit umzugehen, aber treffen tut es einen trotzdem. Dir wird etwas vorgeworfen, wofür du nie standest, z.B. dass du ein Islamist bist. In einen Dialog treten macht keinen Sinn. Die sind nicht sachlich und am Ende des Tages sind alle frustriert. Unser Gedanke war, wenn wir sie nicht ernst nehmen können, dann zeigen wir die Kommentare einfach. Das kam ganz gut an.

Datteltaeter
© Michael Größinger

Für viele Muslime, die das dann schauen, ist es eine Möglichkeit, Hass-Kommentare zu verarbeiten und lockerer damit umzugehen. Dieser Hass und die Diskriminierung – wenn du das zum ersten Mal erfährst, ist ein ziemlich schlimm. Wenn es zum Alltag wird, stumpfst du entweder ab oder weißt nicht, wie du damit umgehen sollst. Wir wollen Wege zeigen, was man damit machen kann. Wenn wir diese Postings einfach nur trocken vortragen, dann ist das schon der Witz ansich. Diese Menschen sind zum Glück eine Minderheit – und daran muss man immer wieder erinnert werden.

„Für viele Muslime, die das dann schauen, ist es eine Möglichkeit, Hass-Kommentare zu verarbeiten und lockerer damit umzugehen.“

Wie geht es mit den Datteltätern weiter?

Younes Al-Amayra: Wir wollen erstmal versuchen, Struktur in unsere Arbeit zu bekommen, weil wir derzeit eine 7-Tage-Woche haben. Wir suchen einen Cutter und einen Kameramann, weil das neben dem normalen Job sehr zeitraubend ist. Wir könnten uns dadurch mehr auf die Skripte und auf die Kreativität konzentrieren. Es ist auch ein Bühnenkonzept geplant, bei dem wir touren – das steht aber noch in den Sternen. Auch ein Buch ist geplant, aber das Schreiben geben wir gerne ab. (lacht)


Die Datteltäter im Netz:

 


Miriam Kreiseder

Miriam hat ihre Zelte in Wien, Kufstein und Porto aufgeschlagen, bevor es sie wieder nach Salzburg gezogen hat. Am liebsten schreibt sie über Musik und Alltagsgeschichten.