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Schwerpunkt

Aus der Wohnhaft tanzen

Ein Bauwagen als Domizil

Aha: Tobi wohnte zehn Jahre in einem Bauwagen

Beinahe zehn Jahre hat Tobi einen Bauwagen bewohnt und ist mit ihm zwischen Österreich, Kroatien und Tschechien hin und hergezogen. Kürzlich sind Tobi und sein Bauwagen sesshaft geworden. Weggeben möchte er ihn trotzdem nicht, denn der Bauwagen ist sein verlängertes Wohnzimmer.

Tobis Bauwagen parkt neuerdings auf den Wiesen vor dem oberösterreichischen Kremsmünster. An diesem warmen Sommertag misst das Thermometer im Wageninneren 36 Grad. Auf der Terrasse aus hölzernen Europaletten tanken die Sonnenpanels Licht, um Bier und Holundersirup in der Kühlbox frisch zu bewahren. Wind streift durch die Apfelbäume und ein Windspiel aus Bambus klimpert träumerisch dazu. Im hohen Gras zirpende Grillen. Vor dem Bauwagen hat Tobi einen Lagerfeuerplatz in die Wiese gegraben, davon umgeben sind Hügel und Wälder und Felder, in der Ferne zeichnet der Traunstein seinen felsigen Umriss in den blauen Himmel. Unter den Apfelbäumen sitzt Tobi mit dem strohblonden Haar in einem Holzsessel. Tobi, stolzer Bauwagenbesitzer, barfüßig, blinzelt in die Ferne Richtung Traunstein. „Das ideale Platzerl für den Bauwagen“, findet er.

Ein Sommernachtstraum

Die Sommernächte verbringt Tobi nach wie vor im Bauwagen, am liebsten auch draußen, unter dem weiten Sternenhimmel und den Apfelbäumen. Beinahe zehn Jahre hat Tobi als Student durchgehend im Bauwagen verbracht, die kalten Winter und die heißen Sommer. Dieses Jahr ist der Bauwagen zum Wohnzimmer des Bauernhofes geworden, wo Tobi mit seiner Partnerin und deren Eltern wohnt. Der Hof hat Duschen, sanitäre Anlagen, einen Elektroherd: Er ist dem Bauwagen um einiges an Komfort voraus. Außerdem gibt es hier blökende Schafe, die kleine Pudelmischung Rudi von der Leinen und Felder, die bestellt werden wollen. In Kremsmünster gibt es auch einen regulären Job für Tobi. Aber im Sommer, wenn die Nächte warm sind, bevorzugt er eben nach wie vor den Bauwagen. Wenn man ihn fragt, wo er am liebsten schläft, muss er nicht lange überlegen. Im Bauwagen, weil er hier besonders leiwand träumt, sagt Tobi dann.

Das Bett ist von zwei Fenstern umgeben: Eines am Fußende umrahmt den Traunstein. Das zweite befindet sich an der Seite, es ist ein Rundfenster und erinnert an ein Bullauge. Tobi hat es irgendwo in Sachsen erworben. Damals ist er bis nach Sachsen hin getrampt und mit Bullauge auch den ganzen Weg wieder zurück. Das erfolgreiche Autostoppen hat Tobi im Laufe der Jahre optimiert. Er sagt, dass ihn das Autostoppen immer überallhin gebracht hat. Man muss nur die richtigen Leute an der Tankstelle anquatschen, der Straßenrand ist die zweite Wahl. Also ist er mit dem Bullaugenfenster von Sachsen bis nach Wien getrampt.

Ein Bauwagen als Freiheitsversprechen

„Ich bin zum Bauwagen gekommen wie die Jungfrau zum Kind“, beginnt Tobi seine Geschichte. Geschichten erzählen kann er und er tut es gerne und ausführlich. Die Geschichte mit ihm und dem Bauwagen ist lang- sie lässt sich bis in seine Kindheit zurückerzählen. Er war ja schon immer entwurzelt, sagt Tobi: Früh zum Scheidungskind geworden, hatte seine Mutter ihn und seinen Bruder irgendwann eingepackt und ist aufs bayerische Land gezogen. Später ist Tobi zum Studieren nach Wien, das war 2011, die Zeit der Studentenproteste. Der Bauwagen war eine überschaubare Investition und das Versprechen der großen Freiheit. „Ich wusste ja noch nicht, wo es mich hinverschlagen würde.“

Im August und September dreht sich bei uns alles um das Thema Wohnen. Auf welche Artikel ihr euch noch freuen könnt, findet ihr in unserem Übersichtsartikel.

Für einen Tausender hat er einen Bauwagen inklusive Fahrgestell an der tschechischen Grenze ausfindig gemacht und nicht lange gezögert. Mit der sicheren Währung, ein Kasten Bier und ein Fuffy, hat er sich einen Traktor geliehen und ist auf zur tschechischen Grenze. Und wieder zurück, mit dem Bauwagen, aber dafür ohne Zulassung und ohne den richtigen Führerschein. Im Nachhinein ist ihm natürlich bewusst, wie crazy das war. Aber er hat sich auch nicht groß informieren wollen, was mit ihm bei einer Polizeikontrolle passiert wäre.

Der Umbau wird zum Gemeinschaftsprojekt

Der Bauwagen war dann erstmal in Blech geweiht. Beinahe ein Jahr hat Tobi in Wien mit dem Wiederaufbau zugebracht. Mit dabei waren auch viele Freund*innen, am Ende auch sein Papa. Für eine gute Idee hielten seine Eltern das Projekt Bauwagen nämlich anfangs nicht. „Ich war aber schon immer ein Dickschädel“, sagt er dazu. Irgendwann hat er seinen Papa überzeugen können. Der hat ihm dann ein Buch geschenkt, Tanz aus der Wohnhaft. Leben im Bauwagen, heißt es. Es steht im Regal oberhalb vom sächsischen Bullauge und die Feuchtigkeit hat es an den Rändern schon ein bisschen aufgebogen. Gelesen hat es Tobi nie. Sein Konzept vom Bauwagen hat er sich, wie den Bauwagen, selbst zusammengeschustert.

Natürlich gibt es da Ideen in der Bauwagenszene, die alle teilen. Das gute Leben für alle zum Beispiel. Außerdem ist das Konzept Bauwagen für Tobi eine gesellschaftliche Möglichkeit, um Zersiedelung und Landverbrauch zu stoppen. Viele glauben, sich nicht aussuchen zu können, wo und wie sie wohnen, weil Erbe, Arbeit und Familie das Wohnschicksal bestimmen. Aber mit dem Bauwagen geht das, findet Tobi. Er beschreibt es bei sich aber als Drang, die Zeit intensiv auszukosten. Auch deshalb hat er seinen Bauwagen liebevoll auf den Namen Schlomo getauft. Slow Motion, das gute Leben in Langsam, sagt er.

Frei und ungebunden

Die beste Zeit in seinem Bauwagen hat Tobi in Gerasdorf verbracht, daran erinnert er sich gerne. Da stand er mit Schlomo auf einem heckenumwachsenen Gartengrundstück am Wiener Stadtrand, zusammen mit einem zweiten Bauwagen und Bewohnerin Theresa. Seinen Bauwagen hat er in nobles Lärchenholz gekleidet. Mit dem Ofen war es auch immer warm in der Nacht. Das hat den Freundinnen gefallen, sagt er. Es gab ein Kompostklo und eine Gartendusche, aber Tobi war nicht anspruchsvoll, und ist es vermutlich bis heute nicht.

Tobis Bauwagen in den Gerasdorfer Tagen. (C) Tobias Thielke

Den Tipp für das Platzerl hatte Tobi von Freund*innen bekommen. Auf einschlägigen Seiten hat sich die Szene in Wien über Stellplätze beraten, auch Stellplatzbörsen findet man im Internet. Vieles ist damals aber auch einfach mündlich weitergegeben worden. „Es gab eine sehr aktive linke Szene, die wussten, wo man öffentlich Strom abzapfen kann, beispielsweise von Laternen“, erzählt er. Auch ansonsten gilt für das Leben im Bauwagen: Man muss sich informieren, auch was das Rechtliche betrifft. Meistens ist Wildcampen etwa nur über Nacht und zum Zwecke der Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit erlaubt. Allgemein wird auch das Argument genutzt, dass die Reifen des Bauwagens keine fixe Verbindung zum Boden darstellen. Im Endeffekt, sagt Tobi, geht es um die Handhabung: Wenn man beim Wildcampen seinen Müll mitnimmt und keine Schwierigkeiten macht, drücken manche Beamten ein Auge zu. Über die Hürden mit seinem Bauwagen mag er nicht gerne reden. Es gab Zeiten, da hat er den Bauwagen als Belastung und als Stressfaktor empfunden. „Manche haben einen Rucksack voll Glumpat dabei, ich gleich drei Tonnen.“

Mit Sack und Pack in den Süden

Irgendwann hat Theresa samt Bauwagen das heckenumwachsene Gartengrundstück in Gerasdorf verlassen und ist in eine Kommune ins Waldviertel gezogen. Tobi hat sein Studium nach Zagreb verlegt und seine drei Tonnen mitgenommen. Damit er mit dem Bauwagen die Strecke zurücklegen konnte, hat er den Bauwagen vorab einer Entschlackungskur unterziehen müssen: Der Fischgrätenparkettboden musste raus, auf ihn war Tobi besonders stolz. Auch die Lärchenverkleidung ist Sperrholz und Styropor gewichen. Das Fahrgestellt musste von Traktor auf Jeep umgebaut werden. Damit hat Tobi den Bauwagen dann mit durchschnittlich 50 Stundenkilometer über Landstraßen bis nach Zagreb gezogen. Kontrolliert worden ist er dabei nicht, in Ungarn hat man seinen Wagen kurz nach Drogen durchsucht.

“Ich bin zum Bauwagen gekommen, wie die Jungfrau zum Kind”

In Zagreb steht er mit dem Bauwagen am Stadtrand, weil man ihm von Campusgelände vertrieben hat. Tobi reibt sich draußen mit Schnee ein und kocht Duschwasser am Gasherd. Er findet die Temperaturextreme auf der Haut wildromantisch, bis heute. „Eine warme Dusche kommt mir nicht ins Haus“, lacht er. Aber in Zagreb ist es auch oft einsam, die Studienkolleg*innen interessieren sich für den Bauwagen am Stadtrand wenig. Dann wird bei Tobi eingebrochen, das Semester endet, er baut seine Zelte ab und dreht Kroatien den Rücken zu.

Zagreb: Auslandshaufenthalt im Bauwagen. (c) Tobias Thielke

Die nächsten Monate verbringt Tobi in Böhmen und im Allgäu. In dieser Zeit wird der Bauwagen zur Belastung: Einen Stellplatz finden beschreibt er als stressig und die mobile Immobilie, wie er sie zu nennen pflegt, wird zum Klotz am Bein. Er parkt schließlich den Bauwagen im Waldviertel bei der Kommunenfreundin Theresa, schließt sein Studium ab, findet Arbeit in Kremsmünster und verliebt sich hier. Schlomo zieht mit auf den Hof, wo der Traunstein am Horizont in den Himmel wächst und aus dem Stall die Schafe blöken. Irgendwo dazwischen ist Tobi sesshaft geworden.

Vision: Treffpunkt Schlomo

Der Bauwagen gehört jetzt zum Landschaftsbild, Tobi möchte hier einen Treffpunkt schaffen, ein linkes Zentrum am Land. „Welche Gemeinde gibt ihr Wirtshaus schon für Kommunisten her?“, sagt er. Die Menschen aus dem Umland sollen sich hier treffen können, gemeinsam am Lagerfeuer sitzen, musizieren und diskutieren. Weggeben will Tobi seinen Schlomo nicht. Er hat sich mit ihm ein Stück Heimat geschaffen. Außerdem hat er in Nicaragua das Konzept der Luftwurzeln entdeckt, sie sind zu seinem Leitbild geworden.

Veronika Ellecosta

Veronika Ellecosta wohnt, studiert und arbeitet mittlerweile in München, ist aber nach wie vor in Salzburg und einen Salzburger verliebt. Gerne ist sie auch zuhause jenseits des Brenners. So fährt sie halt viel Zug und hat bemerkt, dass man dabei eigentlich auch ganz gut schreiben kann.