Samstag Abend verwandelt sich der tagsüber so unscheinbare Rudolfskai in einen magischen Ort. In den Augen partywilliger Burschen und Mädels scheint hier alles möglich zu sein. Wie aber sieht Salzburgs Partymeile an einem Sonntag früh vor Sonnenaufgang aus?

Vier etwa 17-jährige Jungs in Hosen mit viel zu großem Schritt (wem macht ihr hier was vor?), einfachen weißen Shirts, aus denen lässig ihre dünnen Ärmchen rausgucken, und einem Hoodie um die Hüften gebunden. Im Schlepptau haben sie ein junges Mädel mit langen, braunen Haaren, verkehrt aufgesetztem Käppi, an den Knien aufgerissenen Jeans und weißen Nikes. Sie sagen Dinge wie „Gemma Mäci“ und „I bin nu krass fett, oida“ und schlendern uns möglichst geschmeidig in der Griesgasse entgegen. Es ist Sonntag früh, kurz vor Sonnenaufgang. Die Gruppe umgibt eine Duftwolke aus Alkohol, Schweiß und kaltem Rauch. Es handelt sich um die letzten, hartnäckigen Gäste, die auch zu Sperrstunde noch in irgendeinem Rudolfskai-Beisl standen und um vier Uhr früh vom Türsteher liebevoll hinaus eskortiert wurden. Vom Sega bis zur Staatsbrücke sind es immerhin 160 Meter, die sie restfett in gefühlten zwei Minuten hinter sich gebracht haben. In Wahrheit aber sind sie die Salzburger Partymeile Serpentinen-mäßig und mit vielen Zwischenstopps (Pinkel-, Kotz-, Insta-Selfies- und Rummach-Pausen) doch nur in einer Zeit von zwei Stunden entlang getorkelt.

Am Gehsteig und teilweise noch auf der Fahrbahn eröffnet sich uns ein Spießrutenlauf an zerbrochenen Glasflaschen, Kotze- und Pisse-Seen, Tschik-Stummeln und verschmähten Rosenköpfen.

Wir versuchen sie nicht zu offensichtlich anzustarren, fühlen uns aber doch wie sensationsgierige Touristen auf einer Wildtier-Safari. Wir können unsere Blicke von der Gruppe endlich losreißen und gehen weiter gespannt Richtung Rudolfskai. Als wir vorm Indigo stehen sind wir sogleich froh, festes Schuhwerk zu tragen: Am Gehsteig und teilweise noch auf der Fahrbahn eröffnet sich uns ein Spießrutenlauf an zerbrochenen Glasflaschen, Kotze- und Pisse-Seen, Tschik-Stummeln und verschmähten Rosenköpfen. Am Rande dieses Gemetzels sitzen am Bordstein weitere „Veteranen“ von letzter Nacht. Einer von den beiden hebt den Kopf, als er uns in den Augenwinkeln vorbeigehen sieht, grüßt überraschend freundlich und nimmt in aller Ruhe noch einen Schluck von seinem Frühstücksbier.

Inzwischen beginnen die Helden in Orange hinter uns mit der Straßenreinigung. Da immer wieder ein paar präpotente Vollhonks (und unwissende Hotelgäste) am Rudolfskai parken, kann hier frühmorgens die Kehrmaschine noch nicht fahren und Gehsteig und Einbahn müssen von Hand gereinigt werden. Während wir die Straßenkehrer um nichts beneiden und überlegen, ihnen ein Trinkgeld mitzugeben, gehen diese völlig unbeeindruckt ihrer Arbeit nach. Jedes Wochenende eh das gleiche Spiel.

Er bringt die Weibchen zum verlegenen Kichern und keckem „Folg mir doch ins Sega und lad mich auf bunte Cocktails ein“-Blick.

Wir schlendern an den Autos vorbei und ich wundere mich, warum man hier, wo man brotdummen Jünglingen mit scharfkantigen Schlüsseln und seichten Mädels mit schwachem Magen ausgesetzt ist, wohl freiwillig parken würde. Mein Begleiter erklärt mir das samstagabendliche Ritual am Rudolfskai: Ein Typ mit fetter Karre und möchtegern dicker Hose fährt vor den Lokalen vor, lässt den Motor drei Mal aufheulen, setzt sich die Sonnenbrille auf und steigt in Zeitlupe aus dem Auto aus. Er geht langsam um sein Gefährt herum und lehnt sich lässig mit verschränkten Armen und eiskaltem Gesichtsausdruck à la „Fast and Furious“ an die Motorhaube. Nun wartet das Männchen, bis paarungsbereite Weibchen von seinem glanzpolierten Auto mit den glitzernden Felgen und seinem stilvollen Goldkettchen angelockt werden. Er verharrt in seiner Position, bis die Weibchen ganz Nahe sind und nimmt die Brille erst ab, nachdem er ihre Fahrgestelle abgecheckt und für gut befunden hat. Mit seinem jahrelang ausgetüftelten Anmachspruch: „Willst du das Teil mal anfassen?“ bringt er die Weibchen zum verlegenen Kichern und keckem „Folg mir doch ins Sega und lad mich auf bunte Cocktails ein“-Blick. Frühling liegt in der Luft.

Nicht verstehen wollend, wie man seinem Auto dem Risiko des Zerkratzt- und Vollgekotzt-Werdens aussetzen kann, habe ich gar nicht bemerkt, dass wir bereits das Ende der Partymeile erreicht haben, ohne in einen feuchten Fleck am Boden getreten zu sein. Wir drehen uns noch einmal für einen nostalgischen Blick um, während hinter uns die Sonne über den Gaisberg kriecht. So friedlich liegt er da, der Rudolfskai. Wie ein Schlachtfeld nach dem Kampf. Nur mit überraschend wenig Blut und mehr Kotze.