Pflegeeltern-Salzburg
Aus dem Magazin

Zuhause bei Fremden

Der Alltag von Salzburger Pflegeeltern.

„Als Johannes* zu uns gekommen ist, war er sieben Jahre alt,” erzählt Gabi und deutet auf eines der Kinderfotos an der Wand. „Wenn wir uns zu Mittag an den Tisch gesetzt haben, ist Johannes immer an der Schwelle zum Esszimmer stehen geblieben. Aus irgendeinem Grund wollte er sich einfach nicht zu uns setzen. So ging das einige Tage lang, bis wir endlich verstanden haben, was los war: In seiner Ursprungsfamilie durfte Johannes nie am Esstisch bei seinen Eltern sitzen, sondern wurde mit seinem Teller in einen anderen Raum geschickt. Dass er bei uns mit am Tisch sitzen darf, hat er einfach nicht verstanden.“

Gabi und ihr Mann sind seit einigen Jahren Pflegeeltern in der Stadt Salzburg. In der sogenannten „Bereitschaftspflege” kümmern sie sich um Kinder, die umgehend Hilfe brauchen, weil sie aus irgendeinem Grund nicht länger in ihrer Familie bleiben können. Da kann es schon vorkommen, dass innerhalb von wenigen Stunden ein Kind vor der Türe steht. „Dann ruf ich den Harry an und sag ‘Schatzi, den Urlaub müssen wir verschieben, wir kriegen ein Kind’“, lacht Gabi. Auf einer Fotowand im Flur ihrer Wohnung sammeln die beiden Mittvierziger Bilder von den Kindern, die in den letzten Jahren bei ihnen „auf Urlaub“ waren. Elf Stück hängen dort bereits.

„Dann ruf ich den Harry an und sag ‘Schatzi, den Urlaub müssen wir verschieben, wir kriegen ein Kind’“, lacht Gabi.

Was mit den Kindern vor ihrem „Urlaub“ passiert ist, wissen die Mitarbeiter*innen des Jugendamtes. Die Sozialarbeiterinnen Sabine Walch und Helga Posch sind zuständig für die Betreuung von Pflegekindern und Pflegeeltern. Wie das Jugendamt auf die Kinder aufmerksam werde? „Meistens bekommen wir Hinweise aus dem Umfeld der Erziehungsberechtigten. Dass ein Elternteil selbst zu uns kommt und sagt, ich schaffe das nicht mehr, passiert selten.“

Dann nimmt das Jugendamt seine Arbeit auf, versucht, die Situation zu verstehen und eine Lösung zum Wohle der Kinder zu finden. In manchen Fällen bedeutet das, die Kinder von ihren Erziehungsberechtigten zu trennen und in die Obsorge von Pflegeeltern zu geben. „Das kann je nach Situation entweder für einen begrenzten Zeitraum sein oder sogar bis zur Volljährigkeit der Kinder dauern“, erzählt Sabine Walch.

„Meine Verwandte hat zum damaligen Zeitpunkt als Prostituierte gearbeitet und war schwer drogenabhängig. Sie hatte mit Hilfe der Drogen schon mehrere ungewollte Schwangerschaften selbst abgetrieben.“

Wer nach den Schicksalen der Pflegekinder fragt, hört von Vernachlässigung, Misshandlung, Missbrauch und Suchterkrankungen. Die Pflegemutter Marietta zum Beispiel, erzieht das Kind ihrer Großnichte. „Meine Verwandte hat zum damaligen Zeitpunkt als Prostituierte gearbeitet und war schwer drogenabhängig. Sie hatte mit Hilfe der Drogen schon mehrere ungewollte Schwangerschaften selbst abgetrieben und das gleiche auch bei meinem heutigen Pflegekind versucht. Aber Lena hat überlebt, sie ist eine Kämpferin“, erzählt Marietta, die eigentlich nie vorhatte, Pflegemutter zu werden.

Seitdem sie auf der Welt ist, kämpft Lena mit Problemen.

Und Marietta kämpft mit. „Die ersten Wochen und Monate waren wir nur im Krankenhaus. Lena hat als Säugling ihren ersten Entzug durchgemacht und hat eine körperliche Beeinträchtigung davongetragen, die sie ihr Leben lang begleiten wird. So viel Gift hinterlässt Schäden.”

Im Gegenteil zur Bereitschaftspflege bleiben Kinder in der sogenannten Dauerpflege für einen längeren Zeitraum in ihrer Pflegefamilie. Oft sogar bis zu ihrer Volljährigkeit. Etwa 20 Dauerpflege-Kinder gibt es derzeit in der Stadt Salzburg. Warum sich Menschen um fremde Kinder kümmern wollen? „Da gibt es unterschiedliche Motive. Zum Beispiel ein dringender Kinderwunsch. Oder altruistischer: Eltern, die vielleicht schon eigene Kinder haben, aber auch anderen Kindern ein gutes Leben ermöglichen wollen“, erzählt Sozialarbeiterin Sabine Walch.

„Wir bereiten die angehenden Pflegeeltern immer auf das schlimmste Szenario vor“, betont Sabine Walch.

Damit die Pflegeeltern die Aufgabe nicht auf die leichte Schulter nehmen, geht ihrem Einsatz eine rund einjährige Vorbereitung und Ausbildung voraus: „Wir bereiten die angehenden Pflegeeltern immer auf das schlimmste Szenario vor“, betont Sabine Walch. „Pflegekinder tragen immer einen Rucksack an Vorerfahrungen mit sich. Und weil man oft nicht weiß, was in der Schwangerschaft passiert ist, können wir auch nicht genau sagen, was die Zukunft bringen wird“, so Walch weiter.

Doch auch die Biographie der Pflegeeltern steht in der Ausbildung am Prüfstand: Bis ins Detail werden die eigenen Geschichten beleuchtet, die Motivation zur Pflegebereitschaft wird hinterfragt und die Biographie genau „durchleuchtet“. Das kann ganz schön weh tun. „Damit stellen wir sicher, dass die angehenden Pflegeeltern wissen, was sie tun“, beschreibt Sabine Walch den Hintergrund der Ausbildung. Wichtig sei vor allem, dass die Pflegeeltern verstehen, dass sie die Kinder nicht adoptieren und dass diese nach vorheriger Überprüfung, meistens durch das Gericht, in die Ursprungsfamilie zurückgebracht werden können.

Unter vielen Salzburger*innen herrscht bis heute ein negatives Bild von Pflegeelternschaft und von der Arbeit des Jugendamtes. Diese Vorurteile kennt auch Gerhard: „Ich höre immer wieder Leute, die sagen: Na geh, schau, der ist ein Pflegekind. Dabei müsste es eigentlich genau umgekehrt sein: Jedes der Kinder, die bei uns Unterschlupf gefunden haben, war als Jugendlicher stolz und glücklich, als Pflegekind aufgewachsen zu sein.”

Auch der Unterschied zwischen Pflegeelternschaft und Adoption ist oft unbekannt. Adoptiert man ein Kind, so ist dieses einem eigenen Kind gleichgestellt. Die Adoptiveltern haben dabei die Sicherheit, dass die leiblichen Eltern ihr Kind nicht wieder zurückfordern können. Das ist bei der Pflegeelternschaft nicht immer so.

Meldet man sich zur Pflegeelternschaft an, kann man bis zu einem gewissen Grad einschränken, welche Kinder man in seine Familie aufnehmen möchte. Krankheiten können ausgeschlossen werden. Auch deswegen, weil nicht jedes Wohnhaus auf Barrierefreiheit ausgerichtet ist. Bei Geschlecht und Heimatland können Präferenzen angegeben werden. Ob das nicht ein bisschen wie „Wünsch dir was!“ sei? „Auf keinen Fall“, sagt Sabine Walch. Es sei essentiell, dass die Kinder in der Familie einen Platz finden, in dem sie auch gewollt sind. Und deswegen heißt es im Vorfeld genau hinhören und für viele Pflegeeltern auch: warten. Oft einige Jahre lang.

Ein wichtiger Teil der Ausbildung für zukünftige Pflegeeltern ist auch der Umgang mit den Ursprungseltern. Dabei kommt von den Vorwürfen, ein Kind sei gestohlen worden bis zum konstruktiven Miteinander alles vor. Ein positives Beispiel ist Verena. Sie hat mit 18 Jahren ein Kind bekommen und war anfangs optimistisch, das Kind selbst großziehen zu können. Als die Beziehung zum Kindesvater in die Brüche gegangen ist, hat sie ihre Meinung geändert. „Ich habe es einfach nicht mehr gepackt. Und ich wollte, dass meine Tochter bei jemandem ist, der gut für sie sorgt.“ Dafür hat sie in ihrer Umgebung sehr viel Hohn geerntet. Als extrem schmerzhaft beschreibt sie diese Zeit. Fast zehn Jahre später steht sie über den Dingen, hat eine gute Beziehung zu ihrer Tochter, die bei Pflegeeltern aufwächst und die sie in regelmäßigen Abständen sieht. „Ich war damals einfach nicht bereit, heute kann ich meiner Tochter anders begegnen”. An ihrer Wohnzimmerwand hängt ein Foto ihrer Tochter. Es ist das selbe, wie jenes im Haus der Pflegeeltern.

* Anm.: Zum Schutz der Privatsphäre der (Pflege-)Eltern und ihrer Kinder wurden alle Namen in diesem Bericht außer jene der Sozialarbeiter*innen anonymisiert.


Zur Info
Dieser Artikel ist in der Printausgabe QWANT (Ausgabe 2/2017) erschienen.


 

Eva Krallinger-Gruber

Eva ist eine richtige Ex-Exil-Salzburgerin. Frankreich, USA, Schweiz - aber nirgends ist es wie zuhause. Journalismus, Marketing (Kosmetik und dann Bier) und eigentlich redet sie auch ganz gern.

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