Urbane Utopien
Aus dem Magazin

Urbane Utopien: Wir müssen nur wollen

Wie andere Städte den Verkehr, Touristen und das Klima unter Kontrolle bringen.

Andere Städte machen es vor: Statt zu sudern, ändern sie etwas. Ein Blick auf zukunftsweisende Projekte aus dem Um- und Ausland.

Pontevedra – Die Stadt ohne Autos

Pontevedra

Hand aufs Herz, über das Verkehrsproblem in Salzburg haben wir doch alle schon einmal gejammert: Zu wenige Parkplätze, ständig Stau und viel zu viele Autos auf den Straßen. Auch die Stadt findet das Problem zumindest diskussionswürdig, passiert ist bis jetzt trotzdem nichts. Warum? Autos aus der Stadt zu verbannen würde Menschen aus der Innenstadt vertreiben, die kleinen Geschäfte würden aussterben, große Shoppingcenter in der Peripherie noch mehr Publikum anziehen und höchstwahrscheinlich wäre am Ende sogar die Apokalypse eingeleitet. Das will nun wirklich niemand.

Im spanischen Pontevedra sah man das lange Zeit genauso – bis Bürgermeister Fernández Lores sein Amt antrat. Selbst ein leidenschaftlicher Fußgänger, verwandelte er trotz Protesten die gesamte Stadt kurzerhand in eine autofreie Zone. Jetzt gibt es viele neue Parkplätze an den Durchgangsstraßen, gratis Busse ins Zentrum, Hinweisschilder mit den besten Fußwegen, neue Begrünungen an freien Flächen und ein Leihradsystem. Mit den Autos verschwunden sind auch Ampeln, Verkehrszeichen, Randsteine – und Befürchtungen, dass der Einzelhandel unter der flächendeckenden Fußgängerzone leiden könnte. Dem geht es, den vielen bummelnden Fußgänger*innen sei Dank, nämlich besser als zuvor.

Oslo – Nur mehr Elektro

Oslo

Wo wir schon so schön über Autos sempern – neben der ewigen Parkplatzfrage wäre da auch noch das Problem mit dem Gestank. Und das ständige Motorengeräusch erst! Die Lösung liegt eigentlich auf der Hand: Warum nicht einfach auf Elektroautos umsteigen? Während man in Salzburg, wie auch im Rest von Österreich, geduldig darauf wartet, bis Endkonsument*innen von selbst entscheiden, zu E-Mobilität zu wechseln, ging man in Oslo den umgekehrten Weg. Schon jetzt fahren die meisten Busse und Fähren nur mit Strom, nächstes Jahr werden alle fossilen Brennstoffe verbannt und in den nächsten sechs Jahren soll der öffentliche Verkehr zur Gänze emissionsfrei werden.

Auch Privatpersonen profitieren von der grünen Linie der Regierung: Wer ein E-Auto kauft, zahlt weder Kauf- noch Mehrwertsteuer und spart sich damit im Schnitt 10.000 Euro. Die Nutzung von Fähren und das Parken in der Stadt sind für E-Autos sowieso gratis und selbst die Innenstadtmaut – auch so eine Idee, die man in Salzburg einfach mal umsetzen könnte – fällt weg. Sitzen mindestens zwei Personen im Auto, fährt man mit Elektros sogar auf Bus- und Taxispuren, ohne danach Strafe zahlen zu müssen. Bis 2025 ist geplant, dass Verbrennungsmotoren gar nicht mehr zum Verkauf stehen. Das wäre doch auch in Salzburg nicht so tragisch – Bonzenautos für das jährliche Festspiel-Cruisen gäb’s schließlich auch mit E-Antrieb.

Amsterdam – Raus aus dem Zentrum

Amsterdam

Ja, Salzburg ist schön. Wirklich, wirklich schön. Und ja, den Christkindlmarkt sollte man gesehen haben, die Sound of Music-Dinger von uns aus auch, die Festung sowieso – aber wer schon einmal in der Hauptsaison durch die Paris-Lodron-Straße schlendern wollte, dabei wegen Reisebuspublikum im Schnitt 20 Zentimeter pro Sekunde vorwärtskam und währenddessen fünfmal fast von einem Selfie-Stick erschlagen wurde, findet wahrscheinlich auch, dass das mit #overtourism nicht nur ein gut gewähltes Schlagwort, sondern langsam ein ernstzunehmendes Problem ist. Auch Amsterdam kennt die Massen von Touris – und hat deshalb schon vor ein paar Jahren angefangen, Strategien gegen den Andrang zu entwickeln. Die City Card ist hier ein guter Anhaltspunkt: Sie liefert nicht nur Daten, zu welchen Uhrzeiten Tourist*innen wo hinfahren, sondern beinhält mittlerweile auch Destinationen fernab des Zentrums, um Urlaubende besser in und um die Stadt zu verteilen.

Je nach aktueller Situation werden online unterschiedliche Ziele vorgeschlagen, um in Echtzeit auf die Massen reagieren zu können und ein Livestream vom Eingang des beliebtesten Museums der Stadt regt Besuchende dazu an, Wartezeiten zu vermeiden und vielleicht doch zu einem anderen Zeitpunkt zu kommen. Momentan arbeitet die Stadt probeweise sogar mit künstlich intelligenter Software, die personalisierte Reiserouten vorschlägt und die Touri-Massen gleichzeitig besser auf und um die Stadt verteilt. In Salzburg grundsätzlich auch möglich – genug Ausflugsziele abseits der Innenstadt hätten wir.

Stockholm – Zahlen, bitte!

Stockholm

Sie ist immer mal wieder Thema, aber so richtig wollen tut dann doch niemand: die Citymaut. Was einerseits die Stausituation in der Stadt etwas auflockern würde, kommt andererseits immer wieder in Verruf, entweder den Einzelhandel oder Pendler*innen oder beides gleichzeitig in den finanziellen Ruin zu treiben. Dabei könnte man einfach kurz einen Blick auf Städte werfen, die mit einer Innenstadtmaut genau das Gegenteil erreicht haben: Stockholm zum Beispiel. Dort wurde 2006 nämlich für ein halbes Jahr eine Citymaut eingeführt, und das, obwohl 70 Prozent der Bevölkerung dagegen waren.

Nach dem ersten Testversuch wurde höchstoffiziell in einem Referendum abgestimmt – und die Citymaut überwiegend angenommen. Die Effekte waren doch zu positiv, um die Maßnahme zu ignorieren: Stauzeiten verringerten sich um 20 Prozent, der Verkehr wurde insgesamt flüssiger, der Einzelhandel bemerkte keine großen Einbrüche und wie nebenbei konnte sich die Stadt ein wenig Taschengeld mit den Einnahmen verdienen. Das Geld wird unter anderem in den öffentlichen Verkehr gesteckt – so freuen sich auch diejenigen, für die das Pendeln mit dem Auto sonst zu teuer geworden wäre.

Freiburg im Breisgau – Wie Hausbesetzen, nur anders

Freiburg

In Salzburg ist nicht nur die brau-, äh, goldene Straße vor dem Festspielhaus teures Pflaster: Für Mieten muss man hier ordentlich brennen. Weil das nicht nur lästig, sondern für manche Menschen sogar existenzgefährdend ist, wird seit Jahren nach nachhaltigen Lösungen für die Situation gesucht. Schön und gut – nur, dass sich bis jetzt nicht wirklich was getan hat.

In Freiburg im Breisgau war die Situation lange Zeit sehr ähnlich. Bis zu dem Punkt, an dem eine kleine Gruppe beschloss, nicht länger auf Hilfe von öffentlicher Seite zu warten und die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Um sich gegen teure Mieten und den knallharten Immobilienmarkt zu wehren, wurde dort also das erste Mietshäuser Syndikat Deutschlands gegründet. Das Konzept: der gemeinschaftliche Kauf von Häusern, die nach dem Erwerb selbstorganisiert in Gemeineigentum umgewandelt werden. So sollen langfristig leistbare Wohnung entstehen und die gekauften Häuser außerdem dem bissigen Immobilienmarkt entzogen werden. Was in Freiburg schon seit mehr als 20 Jahren funktioniert, hat sich auf mehrere Städte in Deutschland ausgeweitet – und mit dem Linzer habiTAT gibt es mittlerweile sogar eine erste österreichische Version. Na, geht doch.

Singapur – 36 Grad und es wird noch heißer

Singapore

Wer sich diesen Sommer schon regelmäßig über die Hitze aufregen musste, kann sich auf eine sehr anstrengende Zukunft einstellen: Bis 2050 nämlich sollen die meisten europäischen Städte im Sommer 3,5°C wärmer werden. London würde sich plötzlich wie Barcelona anfühlen. Und Salzburg? Wäre laut aktuellen Berechnungen so warm wie jetzt Städte 1.000 Kilometer weiter südlich.

Was nicht nur in Zukunft, sondern auch schon jetzt Abhilfe schaffen würde: flächendeckende Fassadenbegrünung. In Singapur, eine dicht besiedelte und ständig wachsende Stadt, die noch dazu im warmen Klima beheimatet ist, verfolgt man diesen Ansatz schon seit 2005. Damals nämlich beschloss die Stadt, jeden Neubau nur mit Nachhaltigkeitszertifikat zuzulassen – das dann schließlich auch über Förderungen und Zuschüsse entscheidet. Jeder Quadratmeter, der bebaut wird, muss außerdem als Garten oder Begrünung am Dach oder an der Fassade ersetzt werden. Das Resultat: Keine Stadt der Welt hat so grüne Hauswände wie Singapur. Mittlerweile wachsen schon über 100 Hektar vertikal in die Höhe – Tendenz steigend. Gemeinsam mit optimaler Schattennutzung, strikter Autoregulierung und baulichen Maßnahmen ergibt das eine Klimastrategie, die nicht nur jetzt Abhilfe schafft, sondern auch zukunftstauglich ist. Also, Salzburg: Ein bisschen Grün in der Getreidegasse wäre doch auch nicht so schirch, oder?


Dieser Artikel ist zuerst im QWANT.Magazin 10/2019 erschienen. Hol dir jetzt dein Gratis-Abo!

Alle Fotos: (c) Unsplash

Vanessa Graf

Vanessa ist meistens am Berg, und wenn nicht, dann reist sie um die Welt. Regenwetter ist außerdem ihr Lieblingswetter. Daran erkennt man auch die Salzburgerin in ihr.