VICE UND NOISEY
Aus dem Magazin

Meinung: Warum wir die Vice und Noisey-Entscheidung verstehen können

Passt's uns auf den unabhängigen Journalismus auf

Gestern hat es uns fast aus den Schlapfen gehauen, als wir die News gelesen haben: Da schrieben Chefredakteur und Vizechefredakteurin von VICE Austria, dass sie und die Crew von Noisey Österreich ihre Arbeitsplätze verlassen werden.

Positiv emotional liest sich das Statement, mit dem Markus Lust und Hanna Herbst ihre Entscheidung erklären. Die Redaktionen von VICE Austria und Noisey seien nicht bereit, ihre redaktionelle Autonomie nach einer Umstrukturierung aufzugeben. Und das können wir gut nachvollziehen.

Aus Erfahrung wissen wir, dass Online-Medien oftmals der Ruf anhängt, qualitativ schlechter zu arbeiten, als die Kolleg*innen in Print. Aus Erfahrung wissen wir auch, dass das kompletter Blödsinn ist. Warum sollte der Online-STANDARD schlechter sein, als die Printausgabe der ÖSTERREICH? Deshalb muss man sich um die Kolleg*innen von VICE auch keine Sorgen machen. Journalist*innen von ihrem Kaliber werden in anderen Medien unterkommen, schneller als sie “Arbeitslos” buchstabieren können.

Gibt es ein richtiges Leben im Falschen?

Dennoch: Der Abschied der VICE-Redaktion wirft auch für uns als unabhängiges, privat finanziertes Medium Fragen auf. Klar ist, dass die Redaktion damit auf Umstellungen im internationalen Verlagsnetzwerk reagiert. Warum solche Umstellungen in der Medienbranche passieren? Im Normalfall, weil es ums Geld geht. Inhalte sollen immer billiger produziert werden und immer weiter verteilt werden. Bei diesem Geschäftsmodell bietet der husch-pfusch auf Deutsch übersetzte Erfahrungsbericht des amerikanischen Redakteurs zum Thema “Als ich mir aus Muschisaft Joghurt zubereitete” natürlich ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis, als eine aufwändige Reportage über Wiener Burschenschaften, die dann vergleichsweise wenige Menschen im kleinen Österreich erreicht. Die Beispiele sind frei erfunden, aber ihr wisst, was wir meinen.

Und dann ist da in jedem Unternehmen noch die Sache mit der Marketingabteilung, die auch ganz gerne mitreden würde: Wer aufmerksam Medien liest, dem wird auffallen, wie unklar Werbeanzeigen oft gekennzeichnet sind und teilweise sogar in rechtlichen Graubereichen versteckt werden. Seit wir das QWANT. Magazin in Print herausgeben, sind wir immer wieder verwundert, wie oft Inseratenpartner*innen anfragen, ob es eh möglich sei, eine Seite zu kaufen und eine zweite redaktionell geschenkt zu bekommen. Die Selbstverständlichkeit, mit der gefragt wird, lässt darauf schließen, dass diese Taktik in anderen Medien Gang und Gebe ist. Das setzt Redaktionen zunehmend unter Druck. Und je geringer die Etats werden, desto größer wird die Macht der Anzeigenverkäufer im Unternehmen.

Wie überall gibt es aber auch hier die andere Seite der Medaille. Denn: Warum muss überhaupt so viel Werbung verkauft werden? Weil es sich sonst finanziell einfach nicht ausgeht. Nur die wenigsten Leser*innen sind bereit, für Journalismus zu bezahlen, während einige wenige Boulevardzeitungen sich den großen Inseratenkuchen plus Presseförderung aufteilen. Deswegen sind Redaktionen permanent unterbesetzt, haben keine Zeit zum Recherchieren und ballern APA-Meldungen raus, um einfach irgendwas zu publizieren.

Das alles sind keine News, diese Probleme gibt es schon lange. Und jetzt sind sie wohl auch in der VICE-Redaktion angekommen. Unabhängiger Journalismus heißt nicht umsonst unabhängig: Autonomie, in welcher Form auch immer, ist das wichtigste Gut in der Berichterstattung. Ist diese nicht mehr vorhanden, wird man zum Werbetexter im redaktionellen Mantel. Und davon gibt es schon viel zu viele.

Für kreative Freiräume kämpfen!

“Wir wünschen diesem Land mehr Medien, die jungen Menschen die kreativen Freiräume zur Verfügung stellen, um gesellschaftlich relevanten Journalismus zu ermöglichen, den Österreich – gerade dieser Tage – so dringend braucht.”

schreibt Hanna Herbst in ihrem Posting. Wir halten diese Aussage für richtig und wichtig. Wir hoffen, mit dem QWANT. Magazin im kleinen Salzburg einen kleinen Beitrag zu leisten. Und wir werden damit weitermachen, solange ihr uns lest!

Photo by Jan Tinneberg on Unsplash

Eva Krallinger-Gruber

Eva ist eine richtige Ex-Exil-Salzburgerin. Frankreich, USA, Schweiz - aber nirgends ist es wie zuhause. Journalismus, Marketing (Kosmetik und dann Bier) und eigentlich redet sie auch ganz gern.