Aus dem Magazin

Man ist selbst irgendwie mit krank

Wenn der Bruder unter Schizophrenie leidet.

Es ist spät nachts, als Sarahs* Bruder in ihr Zimmer stürmt. „Ich werde von zwei Männern verfolgt. Hilf mir!“ Er zittert am ganzen Körper, verschließt die Tür und stürmt zum Fenster. Er hält Ausschau nach den Verfolgern, die es nur in seinem Kopf gibt. Was zu diesem Zeitpunkt keiner weiß: Simon* hat paranoide Schizophrenie.

„Einen konkreten Tag, an dem das wirklich angefangen hat, hat es eigentlich nicht gegeben. Ich befürchte, dass das schon viel früher angefangen hat, bevor wir es wahrgenommen haben“, erinnert sich Sarah. In Erinnerung geblieben ist ihr aber jene Nacht, in der ihr Bruder in ihr Zimmer gerannt kommt und am ganzen Körper zittert: „Ich werde von zwei Männern verfolgt, sie wollen mir etwas Schlimmes antun. Hilf mir!“ Sarah ist völlig perplex. Sie hat Angst und macht sich große Sorgen um ihren Bruder, bleibt die ganze Nacht mit ihm wach, immer das Fenster im Auge behaltend. Denn Simon behauptet, die Verfolger seien immer noch irgendwo in der Nähe des Hauses.

„Ich war natürlich völlig aus dem Häuschen und habe ihm alles geglaubt. Aber dann hat er angefangen, dass er meine Elektrogeräte auseinanderbaut, weil er geglaubt hat, dass da irgendwelche Wanzen versteckt sind, die ihn abhören.“ Dann schaltet Simon den Fernseher ein und behauptet, die Nachrichten drehten sich um ihn.

Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Stimmen im Kopf gehören zu den häufigsten Symptomen der paranoischen Schizophrenie. Sarah ahnt von dieser Diagnose natürlich noch nichts. „Mir kam das alles sehr komisch vor, aber er war halt mein großer, g‘scheider Bruder, also habe ich mir nichts dabei gedacht, bin die ganze Nacht mit ihm vor dem Fenster gesessen und habe gewartet. Aber es ist nichts passiert.“

Diagnose: paranoide Schizophrenie

Der nächste Tag ist nicht minder aufregend. Ein Anruf aus dem Krankenhaus erreicht die Mutter. Simon, der davon überzeugt ist, ein vergiftetes Toastbrot gegessen zu haben, geht ins Krankenhaus und lässt sich untersuchen. Wenig später rufen die Ärzte an. Die Mutter fällt aus allen Wolken, als ihr die Diagnose von den Ärzten mit den Worten „Wissen Sie eigentlich, dass ihr Sohn schwerst psychisch krank ist?“ mitgeteilt wird.

„Wissen Sie eigentlich, dass ihr Sohn schwerst psychisch krank ist?“

Nun weiß die Familie zumindest, was mit Simon los ist. Die Situation verbessert das nicht. Simon darf schnell wieder nach Hause, ihm werden Tabletten empfohlen, die er nicht nimmt. Nach der Diagnose versucht Sarah, einen Zugang zu ihrem Bruder zu finden. Aber er verschanzt sich in seinem Zimmer und distanziert sich immer mehr von der Familie. „Es wurde von Monat zu Monat schlimmer. Er ist irgendwann gar nicht mehr aus dem Zimmer gekommen, hat sich nur eingesperrt. Tag und Nacht war es finster bei ihm, er hat das Licht nicht mehr eingeschaltet, die Vorhänge waren zu“, erzählt Sarah.

Die Situation verschlimmert sich. So sehr, dass Sarah das Zusammenleben mit ihm nicht mehr aushalten konnte. Er schreibt ihr Drohbriefe, kündigt an, dass er sie umbringen würde. „Ich hab gewusst, er würde das nie tun, aber ich hatte Angst vor ihm. Wirklich Angst“, erklärt Sarah die damalige Situation, „obwohl ich gewusst habe, dass er krank ist und dass er die Dinge, die er zu mir gesagt hat, nicht ernst meint – er hat mich oft grundlos als Nutte oder Schlampe beschimpft. Ich wusste, dass das nicht er ist, aber wenn man mit so einem Menschen zusammenlebt, fühlt man sich trotzdem völlig belastet davon.“ Die Familie weiß lange nicht, an wen sie sich wenden soll. Noch dazu verschwindet Simon immer wieder für mehrere Tage. Erst wenn er auffällig wird und ihn die Polizei auflesen muss, weiß die Familie, wo er ist.

„Wir haben alle nicht gewusst, was wir tun sollen. Immerhin war er ja schon 22, man hat nicht mehr so wirklich Hilfe gekriegt“, erzählt Sarah. Simon will sich seine Krankheit nicht eingestehen, was zu diesem Zeitpunkt das Hauptproblem der Familie ist. Er nimmt seine verschriebenen Medikamente nicht oder setzt sie einfach nach ein paar Tagen ab, in Therapie zu gehen kommt für ihn auch nicht in Frage. Immer wieder wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Wenn seine Verfassung besonders schlimm war, werden ihn Spritzen verabreicht, wodurch er mehrere Tage regungslos im Bett liegt. Danach kommt er für mehrere Tage in die offene Anstalt und danach geht es für ihn wieder nach Hause. Sarah erinnert sich daran, wie sie weinend die Ärztin anfleht, dass sie ihn noch bei sich behalten sollen. Die Ärztin entlässt ihn jedoch und sagt, sie müsse sich eben ans Gesetz halten. Eine freiwillige Therapie will Simon ja nicht machen.

Wenn die Angehörigen mit leiden

Simons Krankheit hat große Auswirkungen auf die gesamte Familie. Sie führt zu Stress, Streitereien und Verzweiflung. Alle sind mit dieser Krankheit, über die sie kaum etwas wissen, einfach überfordert. Vor allem, weil sie nicht verstehen, wie es dazu kam, dass gerade ihr Sohn zu dem einen Prozent an Menschen in Europa gehört, dass an Schizophrenie leidet. Was die genaue Ursache der Schizophrenie ist, ist immer noch nicht bekannt. Fest steht jedoch, dass mehrere Faktoren zusammenwirken, wie Vererbung, Veränderungen im Stoffwechsel oder Risikofaktoren bei Schwangerschaft und Geburt. Bei jeder*m Patient*in sind es andere Faktoren, die zusammenspielen und auch die Ausprägung und der Verlauf der Krankheit ist selten gleich. Da jeder Krankheitsverlauf individuell ist, sind auch die Behandlungsansätze von Patient*in zu Patient*in verschieden.

Auch bei Simon dauert es, bis er die richtigen Therapieansätze bekommt. Denn erst als er sich bewusst dazu entscheidet, Hilfe anzunehmen, wird alles besser. Mittlerweile – 10 Jahre nach der Diagnose, hat sich die Situation deutlich verändert. Simon wohnt in einer Einrichtung für betreutes Wohnen und besucht seine Familie alle zwei Wochen zuhause. Er kann nun auch mit seiner Schwester über die Krankheit sprechen und über das, was in der Vergangenheit geschehen ist. So erklärt er ihr bei einem Treffen, wie er sich damals wirklich fühlte, als ihm das Medikament Zyprexa verschrieben wurde. Simon war mal wieder aus einer Klinik abgehauen. Doch es dauerte nicht lange, bis man ihn wieder einlieferte. Daraufhin wurde ihm das Medikament verschrieben, welches er gar nicht vertrug. „Das war so ein starker innerlicher Schmerz, das kann man sich gar nicht vorstellen“, versucht er seiner Schwester zu erklären, „ich wollte lieber Sterben als die Tabletten zu nehmen.“

Jede*r weiß von der Krankheit, doch sie tun so, als würde es sie nicht geben. Als würde es Simon gar nicht geben.

Ein Thema gibt es jedoch, über das Sarah mit ihrem Bruder lieber nicht sprechen möchte. Nämlich über das Verhalten der Verwandten, deren geringes Verständnis und die nicht vorhandenen Hilfsbereitschaft. Sarah erinnert sich daran, wie sie ihren Onkel das eine Mal um Hilfe gebeten hatte. Simon war auf einer Polizeistation abzuholen, sie und ihre Mutter hatten zu diesem Zeitpunkt keinen Führerschein, der Vater war nicht zuhause. Der Onkel jedoch, versuchte sich mit irgendwelchen Ausreden davor zu drücken. Sie merkten ihm deutlich an, wie unangenehm es ihm war. „Auf der einen Seite redeten sie groß, dass sie uns helfen, wenn irgendetwas ist. Aber wenn es dann darauf ankam, war keiner dar. Er war jedem peinlich. Keiner wollte sich mit ihm zeigen.“, resümiert Sarah. Die Krankheit wurde einfach unter den Tisch gekehrt. Bis heute hat sich nichts an dieser Situation geändert, erzählt Sarah. Jede*r weiß von der Krankheit, doch sie tun so, als würde es sie nicht geben. Als würde es Simon gar nicht geben. „Es fragt nie wer nach meinem Bruder. Vielleicht die Tante mal, aber auch nur, wenn sie nicht wirklich aus kann.“

Sarah ist froh, dass sich Simons Verfassung so stark gebessert hat – und dadurch auch ihre eigene Situation und derer der Eltern. Denn auch für Angehörige ist die Krankheit ein Hürdenlauf. „Man ist ja selbst irgendwie mitkrank“, sagt Sarah. Was sie Personen rät, die sich selbst in dieser Situation befinden? „Sich selbst Hilfe suchen, vielleicht. Außerdem muss man sich immer vor Augen halten, dass es die Krankheit ist, die aus dem Menschen spricht. Simon weiß jetzt gewisse Sachen, die er gesagt oder getan hat und das belastet ihn auch sehr. Ihm tut es leid. Die Menschen meinen das nicht wirklich so, was sie in dieser Zeit sagen. Es ist eine Krankheit.“

Was ist Schizophrenie?

Die Schizophrenie ist eine Psychose, eine schwerwiegende seelische Störung, die alle Bereiche menschlichen Erlebens und Verhaltens krankhaft verändern kann. Für Angehörige (und auch für Betroffene) bietet AhA! Angehörige helfen Angehörigen eine Anlaufstelle, um sich mit anderen auszutauschen und kostenlose Entlastungsgespräche mit Profis zu führen. Das gesamte Angebot kann unter www.aha-salzburg.at eingesehen werden.

AhA! Angehörige helfen Angehörigen
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Titelfoto: Toimetaja tõlkebüroo, Unsplash

Sasa Sretenovic

Halbtags-Salzburger, Möchtegern-Germanist und Beyoncé-Liebhaber. Sasa verehrt nicht nur Salzburg bei Nacht, Thomas Bernhard und die Göttin des R&B, sondern schreibt auch gerne darüber. Und bei Fräulein Flora darf er das. Mode und Menschenrechte dürfen dabei auch nicht zu kurz kommen.