Freebleeding Niko Zuparic
Aus dem Magazin

Lasst sie bluten!

Was man nach fünf Tagen Free Bleeding über die Menstruation sagen kann.

Meiner Periode hatte ich noch nie so freudig entgegengefiebert wie diesen Monat. Jedes kleine Ziehen im Unterleib als willkommenen Vorboten gedeutet. Ich wollte wissen, wie das ist, wenn man die drei Routinehandgriffe am WC weglässt: Tampon aus dem Plastik schälen, blaue Schnur aus der gepressten Baumwolle ziehen, Tampon einführen.

Fotos: Niko Zuparic/ zuparino.com

Diesen Monat wollte ich das anders machen, gar nichts machen, genau genommen. Dem Blut seinen freien Lauf lassen, free bleeden nennt man das. Das soll ja der neueste Shit in Sachen Emanzipation sein, sagen einschlägige Facebookseiten und -gruppen.

Bleed freely, bleed on your terms, you are a goddess, heißt es da.

Bleed freely, bleed on your terms, you are a goddess, heißt es da. Auf jegliche Hygieneartikel will man verzichten und damit einen offenen Umgang mit der Periode erreichen. Weil diese gewissen Tage im Monat immer noch mit so viel Scham verbunden sind. Dass der weibliche Zyklus als schmutzig und unrein gilt, lernt man als Frau sehr schmerzhaft spätestens von den männlichen Klassenkameraden im pubertären Alter. Deshalb hat sich die Bewegung des Free Bleedings in den USA aus dem Grundgedanken entwickelt, die eigene Periode nicht mehr als etwas zu betrachten, für das es sich zu schämen gilt.

Sie sagen, dass man den eigenen Körper spüren kann, sobald er blutet und es noch rechtzeitig auf eine Toilette schaffen kann. Eine kleine Erleichterung, fürs Erste. Da will niemand rote verräterische Flecken im Schritt zur Schau stellen. Dann Beklemmung: Jetzt muss ich auch noch meine Menstruation kontrollieren und überwachen. Rein theoretisch sei es natürlich möglich, den Beckenboden zu trainieren und die Kontraktionen bewusst zu steuern, sagt Dr. Andrea Lederer, die ich als Frauen- und Vertrauensärztin zu Rate ziehe.

Natürlich hänge das auch immer von der Stärke der Blutschübe ab. Verhüte eine Frau beispielsweise mit der Hormonspirale, laufe das auf eine leichte bis gar keine Blutung hinaus. In diesem Fall funktioniere Free Bleeding bestimmt gut. Anhängerinnen der Bewegung sind sich auch einig: Wer lange genug trainiere, entwickle genug Körperbewusstsein, um früh genug den Gang zur Toilette antreten zu können. Ich zähle leider noch zu den Untrainierten. Spüre nichts da unten, Selbstversuch eins landet erfolglos im Höschen.

Freebleeding in Salzburg

Weltweite Aufmerksamkeit erfuhr Free Bleeding durch Kiran Gandhi, ehemalige Drummerin von M.I.A, als sie den London Marathon 2015 ohne Hygieneartikel bestritt. Die Bilder der Frau in blutgefleckter Sporthose gingen um die Welt und waren für viele einfach nur „disgusting“. Die Aktion wurde zum Bumerang. Gandhi hat auf die Stigmatisierung des weiblichen Zyklus‘ aufmerksam gemacht, erfahren hat sie dadurch Stigmatisierung und Ekel.

Sie ist die Personifikation eines Tabus: Öffentliches Sprechen und Demonstrieren der Periode ist immer noch ein medienwirksamer Skandal, weit weg vom entspannten Umgang mit Regelblut. Die Empörung über das weibliche Bluten trägt mittlerweile auch einen Namen: Period Shaming. Das ist die abfällige Bemerkung, dass eine Frau „gerade bestimmt ihre Tage hat“, wenn sie schlecht gelaunt oder genervt ist, reicht weiter über ein spöttisches „ein echter Pirat sticht auch ins rote Meer“, bis hin zu „wir haben Blowjobwoche“.

Alles irgendwo in irgendeinem Kontext schon einmal gehört. Alles kleine Aussagen mit großer Wirkung: Dass Frauen aus ihrer Vagina bluten und damit erst Leben ermöglichen, ist, hihi hoho, Tabu. Und auch wenn man sich nicht in Witzen darüber auslässt, schweigt man. Dem Thema Menstruation wird im öffentlichen Raum nicht mit derselben Selbstverständlichkeit begegnet wie beispielsweise Sperma. Anstatt die natürlichsten Vorgänge als solche zu benennen, wählen wir peinliche Verniedlichungen wie „Erdbeerwoche“ oder „Besuch der roten Tante“.

Wundheilsprays und Pflaster verarzten längst blutrote Schrammen, während auf Binden immer noch blaue Flüssigkeit tropft.

Niemand, der dem Kindergartenalter entwachsen ist, spricht im Gegensatz dazu noch von Bienchen und Blümchen. Mit solchen Verniedlichungen versucht es auch die Werbung: Wundheilsprays und Pflaster verarzten längst blutrote Schrammen, während auf Binden immer noch blaue Flüssigkeit tropft. Am liebsten hüllt man sich in Schweigen. Und ich mich während meines Selbstversuches in Oversize-Klamotten und schwarze Hosen, sicher ist sicher. Die Angst vor Flecken bleibt. Ich bin ständig in Alarmbereitschaft und mein Beckenboden steht unter Strom.

So war das nicht gedacht. „Aus meiner Sicht bringt das Free Bleeding gegenüber herkömmlichen Hygieneartikeln wenig Vorteile“, sagt Dr. Lederer. Das Gerücht, dass die Verwendung von Tampons die starken Unterleibsschmerzen bei manchen Frauen auslöst, lasse sich medizinisch nicht bestätigen. Diese seien in den meisten Fällen auf ein hormonelles Ungleichgewicht zurückführen. Und die Gefahr, die manche Frauen in Tampons sehen? Ich erinnere mich an mein dreizehnjähriges Ich, zitternd den ersten kleinen o.b. zwischen den Fingern, wie es beunruhigt den Beipackzettel dreht und wendet.

TSS stand da und eine mögliche Verbindung mit der Verwendung von Tampons. Zehn Jahre später erklärt mir die Frauenärztin: Das toxische Schocksyndrom wird von Bakterien ausgelöst, die physiologisch auf der menschlichen Haut vorkommen und auf alten Tampons Nährboden finden, um sich zu vermehren. Die Wahrscheinlichkeit ist aber schon weit geringer, wenn man einen Applikator benützt, als ein Tampon mit ungewaschenen Händen einzuführen.

Alternativ dazu empfiehlt sie den in die Mode gekommenen Ladycup, das Kautschuktässchen. Sammelt das Blut innerhalb der Scheide und hat den Vorteil, dass es, im Vergleich zu Tampons, kein Vaginalsekret aufsaugt. Ergo: Frauen bleiben feucht. Der Nebeneffekt ist Schonung von Umwelt und Geldbörserl.

Dass die Hälfte der Bevölkerung einmal monatlich unfreiwillig blutet, scheint hierzulande immer noch ein Luxusgut zu sein.

Verschiedene Hochrechnungen über den Verbrauch von Hygieneartikeln kommen auf 2.000 Euro und 16.000 Produkte im Leben einer Frau zwischen Geschlechtsreife und Menopause, dazu zählen Tampons, Binden, Slipeinlagen. Hinzu kommt die Tatsache, dass Tampons und Binden in Österreich mit 20 % Umsatzsteuer belegt sind. Im Vergleich dazu werden Lebensmittel nur mit 10 % besteuert. Dass die Hälfte der Bevölkerung einmal monatlich unfreiwillig blutet, scheint hierzulande immer noch ein Luxusgut zu sein. Ein Luxusgut, das Toxide wie Dioxin enthält, welches beim Bleichen der Baumwolle mit Chlor entsteht und über die Schleimhäute direkt ins Blut aufgenommen wird.

Auch das sei für viele ein Grund, sich für die Menstruationstasse zu entscheiden. „In solchen Fällen muss man sich fragen, wo das anfängt, und wo es aufhört“, weiß Dr. Lederer mir darauf zu antworten. Gebleicht werde Unterwäsche genauso, und auch in Ladycups finden sich Silikone und Weichmacher. Aber der Körper passe sich bis zu einem gewissen Grad an die Umwelteinflüsse an. Da sei Free Bleeding selbstverständlich die schonendste Methode im Umgang mit der Menstruation. Aber Free Bleeding ist auch: Nicht praktikabel für alle, die ihre Tage nicht alleine in den eigenen vier Wänden verbringen wollen. Und außerdem: Ein westliches Luxusthema.

Den Zyklus dauernd überwachen zu müssen, kostet Zeit und Energie. Unnötige Energie, wie ich finde. Ich will meinen Zyklus nicht zum alltagsdominierenden Thema machen. Dr. Lederer nickt. „Die Erfindung von Tampons und Binden hat Frauen das Leben erleichtert und viel Freiheiten gewährt. Die Regel wird zur Nebensache und wir haben den Kopf frei, zu machen, was immer wir wollen.“

Das ist letzten Endes vermutlich unser aller Anliegen: Das Thema Menstruation zu einer selbstverständlichen Nebensache zu machen. Ein Gleichgewicht zu finden zwischen Free und Ashamed Bleeding sozusagen.

Dieser Artikel ist zuerst im QWANT. Magazin (Ausgabe 1/2018) erschienen. 

Veronika Ellecosta

Veronika Ellecosta ist aus Südtirol ausgewandert, des Studiums und des Auswanderns wegen. Ist in Salzburg angekommen. Hat bei Fräulein Flora Unterschlupf gefunden und begonnen, die Stadt schreibend zu erkunden und damit immer wieder aufs Neue anzukommen.