Wohnorte
Schwerpunkt

[Kommentar] Warum uns ein Wohnort alleine nicht cool macht

Ein Plädoyer für mehr Tiefe.

Warum es um mehr geht, als nur um den Wohnort

Mit 18 oder 19 ging es (bei mir zumindest) nur darum, wohin wer „geht“. Das „gehen“ galt es besonders zu betonen. Ein Beispielsatz: „Und, was tust du nach der Matura?“ „Aso, ich GEHE nach Berlin, ich GEHE nach Paris, ich GEHE nach Wien.“ Trotz besonderer Betonung musste das „gehen“ ganz beiläufig erwähnt werden, so, als wäre es keine große Sache. Ganz arm waren die, die nirgends hinGEGANGEN sind. Die in Salzburg geblieben sind und hier sogar, bewahre, im ersten Unijahr bei den Eltern wohnten.

Auch ich bin wohin gegangen, kannst ja nicht daheim bleiben, willst ja kein Loser sein. Ich bin dann zuerst nach Klagenfurt (fragt nicht) gezogen, dann nach Frankreich und in die USA und dann noch als Draufgabe in die Schweiz. Das letzte wollte ich eigentlich gar nicht mehr, da ging’s nur mehr ums Rechthaben. Ein letztes Aufbäumen vorm Aufgeben. In Genf wurde mir bewusst, dass ich eigentlich viel lieber in Salzburg wäre, bei meinem Freund. Mit meiner Familie und Guglhupf alle paar Wochen. Genf war saublöd: Ich kannte niemanden, habe in einer grindigen Garconnière für 2.000 Franken gehaust und war so grantig auf mich selbst für diesen hirnrissigen Move, dass ich – anstatt auszugehen – permanent DVDs geschaut habe. Das einzige, was ich noch mehr gehasst habe, als Genf, war der Gedanke daran, es dort nicht „geschafft“ zu haben.

Erzählt man sich beim Klassentreffen noch, wie cool es ist, in der neuen Heimat, wie inspirierend und wie urban, enden die Gespräche mit den Rückkehrer*innen oft im gegenteiligen Gefühl: Frustration.

Meine Geschichte ist nicht die einzige, die so endet. Viele von denen, die wohin gegangen sind, haben den Weg zurück nach Salzburg gefunden. Und das, obwohl wir so sehr auf die „Daheimbleiber*innen“ herabgeschaut haben. Weil das Weggehen den Horizont erweitert und überhaupt. Erzählt man sich beim Klassentreffen noch, wie cool es ist, in der neuen Heimat, wie inspirierend und wie urban, enden die Gespräche mit den Rückkehrer*innen oft im gegenteiligen Gefühl: Frustration. Wer nach Salzburg, in das Kaff, in die Kleinstadt, zurückkommt, fühlt sich als echte*r Verlierer*in. „Ich habe es nicht geschafft“ ist ein Gedanke, der mir ganz oft durch den Kopf gegeistert ist. Aber was eigentlich?

Lange Jahre war es für mich das Nonplusultra, in einer fremden Stadt zu leben. Dafür habe ich (fast) alles getan: Im Disneyland in Paris als Cowgirl verkleidet an der Rezeption arbeiten, zum Beispiel. Oder in der Nähe von Lille Volksschüler*innen Deutsch beibringen (Spoiler: Hat nicht funktioniert). Ich habe mein Auslandssemester in Dijon verbracht, in einem erbärmlichen Studiheim, in dem wir Gangklos und kein Internet hatten. War mir alles wuascht, wichtig war das Wo und nicht das Wie.

Das Warten aufs Ankommen kann sehr einsam sein

In all meinen Abenteuern, die ich – bitte nicht falsch verstehen – nicht missen möchte, habe ich folgendes gelernt. Sich ein Leben in einer fremden Stadt, in einem fremden Land aufzubauen, ist nichts, was man nebenbei tut. Vor allem, wenn man die Sprache (noch) nicht spricht und niemanden kennt. Da ist lange Zeit keiner, mit dem man im Pyjama Netflix schaut oder den man schnell mal zum Essen gehen trifft. Ein zweites Daheim aufzubauen, das erfordert viel Geduld und ganz, ganz viel Glück. Das Warten kann sehr einsam sein.

Und dann habe ich noch folgendes gelernt: In einer anderen Stadt wohnen, ist per se keine Leistung. Lange Zeit habe ich es nicht gewusst, aber: Jede*r privilegierte Mitteleuropäer*in mit dem richtigen Reisepass und genug Geld kann theoretisch fast überall hinziehen, wo er oder sie will. Eine Adresse in einem anderen Land allein macht aber nicht glücklich. Dazu braucht es mehr. Einen Freundeskreis zum Beispiel. Oder eine Beschäftigung, die einen erfüllt – und die man nicht mit dem Gedanken abtut, dass man eh in acht Stunden fertig ist. Eltern und Familie. Ja, meine Familie ohne Flug sehen zu können, macht mich glücklich. Und dann kommen ein paar Dinge dazu wie: Sich in einer Stadt bewegen zu können, zu wissen, wo sich was befindet. Ein kulturelles Verständnis für die Mitbürger*innen zu entwickeln. Zu wissen, wie man sich das ein oder das andere zu Nutze macht. Ihr wisst, was ich meine.

Das Glück woanders finden

Das alles kann in einer fremden Stadt passieren. Auch diese Geschichten kenne ich. Meine beste Freundin ist nach der Schule nach Berlin gezogen – und ist da immer noch. Mein Bruder wohnt in Norwegen mit seiner Familie und einer meiner alten Freunde lebt als mittlerweile US-amerikanischer Staatsbürger overseas. Sie alle sind glücklich. Aber nicht nur, weil sie woanders leben, weil sie wohin gegangen sind. Sondern, weil sie dort ein Leben gefunden haben, das sie gereizt hat. Und: Weil sie hart an sich und an ihrer Situation gearbeitet haben.

Warum der Kommentar? Weil ich mich die Tage an dieses Gefühl erinnert habe, das vor meinen Umzügen hatte. Diese innere Unruhe und diese Aufbruchsstimmung, die Zelte abbrechen und alles stehen und liegen lassen. Und dann habe ich mich gefreut, dass ich hier, in Salzburg, ein echtes Zuhause für mich und meine Lieben gefunden habe.


Titelbild: Photo by 2Photo Pots on Unsplash

Eva Krallinger-Gruber

Eva ist eine richtige Ex-Exil-Salzburgerin. Frankreich, USA, Schweiz - aber nirgends ist es wie zuhause. Journalismus, Marketing (Kosmetik und dann Bier) und eigentlich redet sie auch ganz gern.