Aus dem Magazin

KOMMENTAR: 42 ist nicht die Antwort (auf alle Fragen im Universum)

Der Zahlen-Horror in der Umkleidekabine

Ich gehe schon länger nicht mehr „normal“ Kleidung kaufen, trage größtenteils Second Hand. Und zwar seit Jahren, aus vielen Gründen. Aber die sollen nicht das Thema sein. Das Thema ist: die Ausnahme, der Horror der Umkleidekabinen. Der Selbsthass, die Verzweiflung beim Anblick der Schenkel im flackernden Neonlicht.

Es gibt sie doch: Die Situationen, wo ich rein muss, in Filialen dieser Modegroßkonzerne, dieser Ketten. Weil anlassbezogenes Shopping, in diesem Falle: Sport-BH. Etwas von den wenigen Dingen, die ich neu haben will, wo ich Ausnahmen mache, mit einer Mischung aus schlechtem Gewissen und Genuss. Manchmal ist Neues schon schön.

Und dann, beim H&M, auf dem Weg in die Kabine, am Haken neben mir die perfekte Hose. Eine Lara Croft Hose, eine Camouflage Armyhose, wie ich sie als Teenagerin geliebt habe, wie ich sie seit Wochen gerne wieder hätte, zum in den Wald gehen, wie ich sie mir erst in der Nacht davor auf den Leib geträumt habe, wirklich. Schicksal, denke ich, muss sein, und greif nach der Hose, schiebe die „Aber geh, die brauchst du ja nicht!“, Gedanken auf die Seite, nehme sogar eine Nummer größer als üblich.

Ich stehe da, in der planmäßig zu großen Hose, doch dann ist da Schluss, so ein paar Zentimeter über dem Knie. Da geht nichts.

Im Wald musst du nicht sexy sein, zumindest nicht nur, bequem musst du es haben, sage ich mir. Und plötzlich stehe ich da. In diesem Wasserleichenlicht, in dem ich mich sowieso nie anschauen mag, weil es jede Pore zeigt und jede Ader und jeden Riss und jedes dermatologische Unding, das sich so ansammelt, auf einem Körper in den Jahren. Ich stehe da, in der planmäßig zu großen Hose, doch dann ist da Schluss, so ein paar Zentimeter über dem Knie. Da geht nichts.

Unmöglich. Ein: „Geh leck, oida.“ rutscht mir raus, in der Nebenkabine kichern Teenagerinnen. Ich hüpfe nicht, ich quäle mich nicht. Ich denke: okay. Ich gehe raus, hol sie mir eine Nummer größer. In 38. Ähnliches Moment. Fühlt sich noch kleiner an, ehrlichgesagt. Ich hüpfe immer noch nicht, aber ich schmeiß sie schon am Boden, diese Hose. Diese 38er-Hose, wo ich noch nie eine 38er-Hose gebraucht habe.

Ich fetze wieder raus aus der Kabine, grantig schon. Die Mitarbeiterin schaut schon. Und überhaupt habe ich das Gefühl, der ganze H&M schaut schon, weil ich offensichtlich nicht weiß, welche Größe ich habe. Ich hole mir die Hose in 40 und 42, größer geht dann nicht mehr. Ich muss mich winden. Ich zieh zu fest an, irgendetwas knackst. Aber die 40er, die geht dann endlich zu.

Zuerst habe ich gedacht, okay, wirst halt echt älter. Aber dass ein Körper sich so verändert. Machst halt wirklich zu wenig Sport. Musst schon mehr Sport machen, echt jetzt hey, das geht ja so nicht. Keine Kinder, trotzdem überall so viel Haut. Bei den anderen Frauen ist nie so viel Haut. Schon komisch, diese Oberschenkel. 40 ist schon groß, für meine Größe, für mein Gewicht, puh. Sie sitzt eng. Mein Hintern ist knackig. Ich mache ein Selfie und schick es meinem Freund, damit er mir sagt, wie knackig ich bin, damit ich mich nicht mehr so komisch fühle. Dann erst probiere ich, mich zu bücken und merke, dass das nicht geht. Ich stelle mir vor, wie ich im Wald stehe, mit meiner tollen Tomb Raider Hose, wie ich mich bücke und mir die Naht am Hintern platzt und ich so heimgehen muss, eine Jacke um die Hüfte gebunden, damit andere Spaziergeher*innen meine Unterhose nicht sehen.

Ich gehe ohne diese Hose heim, das weiß ich jetzt schon. Es ist mir egal, dass die Nummer 42 passen würde. 42 ist nicht nur die Antwort auf alle Fragen im Universum, sondern auch standardmäßig die Obergrenze der lagernden Größen. Ich bin 167 groß und habe 54 Kilo. Im Subtext heißt das, alle Frauen* die größer und schwerer sind als ich, haben laut Geschäftspolitik Übergröße.

Als Teenagerin hätte ich als Reaktion auf diese Gedanken wahrscheinlich ein paar Wochen aufs Frühstück verzichtet, mindestens. Heute stehe ich nur da und schau mich skeptisch an. Und in den paar Minuten, wo ich da stehe und mir auf die Oberschenkel, die mir eh ein bissl zu viel schwabbeln, schau, denk ich an alles.

Daran, dass ich nicht mehr weiß, wann mir das letzte Mal jemand gesagt hat, ich hätte geile Beine, oder wann ich das selbst zuletzt gedacht habe. Daran, dass ich nicht weiß, wie viel Veränderung an so einem Körper normal ist, wenn der auf einmal 32 ist und keine 20 mehr. Ich stehe in der Umkleidekabine und frage mich, ob ich sudern darf. Weil ich eh dünn genug bin, nach gesellschaftlicher Definition. Ich frage mich, ob andere Frauen auch so viel Haut in der Hand haben, wenn sie an ihren Oberschenkeln anziehen. Ich frage mich, ob ich meine Freundinnen das fragen kann und ich frage mich auch, ob ich das heut Abend aushalten könnte, wenn der Mann meine Schenkel angreifen wollen würde. Ich stehe da und fühle mich grauslich und ich mag mich nicht.

Und am Boden liegt die Hose, mit der ich gekommen bin und endlich. Endlich checke ich, dass nicht meine Haut das Problem ist, nicht meine Schenkel, sondern mein Hirn.

Ich fühle mich nicht nur schirch, ich fühle mich auch wie eine miserable Feministin, weil ich über sowas nachdenke. Und am Boden liegt die Hose, mit der ich gekommen bin und endlich. Endlich checke ich, dass nicht meine Haut das Problem ist, nicht meine Schenkel, sondern mein Hirn. Mein liebes Hirn, das aus der Info „Du bist mit einer Hose in 34 gekommen und jetzt brauchst du eine 42“ nicht etwa rausarbeitet, dass mit diesem Größensystem etwas falsch ist, nein. Mein liebes Hirn, das mich erst später in der Straßenbahn googeln lässt, ob H&M die Größen geändert hat in den letzten Jahren (Spoiler: Ja!) oder meine Mutter fragen, ob sie das Problem kennt (Spoiler: Ja!) Statt logisch, evidenzbasiert oder mit Hausverstand zu agieren, suggeriere ich mir lieber, dass mit mir etwas falsch ist. Und mir ist auch etwas falsch. Ich nehme eine Zahl die jemand auf ein Kleidungstück gedruckt hat ernster als meine Selbsteinschätzung.

Und dann werde ich wütend.

Wütend auf dieses System, diesen Irrsinn, dieses Marketing, diese Ideale. Diese idiotischen Ideale, diesen Schönheitsfaschismus, der uns von Werbungen, von Influencern, den Heidi Klums dieser Welt propagiert wird und gegen den ich mich seit 20 Jahren, als ich begonnen habe Mädchen und Bravo! Girl zu lesen, mehr oder weniger erfolgreich wehre. Diese Objektivierung des Körpers, der zu schnell als zu fett bezeichnet wird, ganz irrational. Dieses demütige Annehmen von Definitionen, was denn schön ist, und was nicht.

Dass mit Selbstzweifeln noch der Kapitalismus befeuert wird, da möchte ich speiben.

Dieser Kult der ewigen Jugend, dass ich mir selbst, meinem Körper ja auch keine Alterungsprozesse, keine Veränderung zugestehen und erlauben möchte. Dass ich noch knackig sein möchte, wie als Teenagerin, aber wehe, ein Mann sagt das zu mir. Dass die einzigen Frauen, die ich regelmäßig nackt sehe, Pornodarstellerinnen, zehn Jahr jünger und top trainiert, oder gefotoshoppte Models sind, und dass ich mich trotzdem mit ihnen vergleiche. Mich macht wütend, dass ich darüber nachgedacht habe, welchen Sport ich jetzt machen müsste und wieviel, damit ich mich wieder gut fühle und sexy. Ob es da ein Produkt dafür gäbe. Dass jemand Profit machen könnte, durch meine Unsicherheit, widert mich an. Dass mit Selbstzweifeln noch der Kapitalismus befeuert wird, da möchte ich speiben. Da will ich kein Teil davon sein.

Ich poste eine sehr wütende Statusmeldung auf Facebook, weil ich wütend auf mich selbst bin und ich nicht nur ein Ventil will, sondern nach virtueller Solidarität giere. Ich ziehe mich an, und beschließe, dass es das jetzt wieder gewesen ist mit klassischem Shopping. Eh besser, weil Co2-Emissionen der Textilindustrie, weil Arbeitsbedingungen, weil Müll, weil Transportwege, weil Kinderarbeit, weil unnötiger Luxus. Weil Neoimperialismus, weil Postfeminismus. Weil dauernd irgendwas kaufen, sowieso a Schas.

Aber auch, weil der Selbsthass und das Grausen vor mir, da gibt es noch Nachwehen. Weil mich ärgert, dass mich das so ärgert. Weil ich mich wohlfühlen will, in meiner Haut, egal das Licht, egal die Größe der Hose, die sie umhüllt. Ich schau mich in den Spiegel und flüstere mir zu, dass ich okay bin, dass es gut ist, wie es ist. Ich sage mir, dass ich mich lieb habe und verspreche mir selber, dass ich nicht mehr so hart bin zu mir, so kritisch. Vorher aber muss ich noch meinen Sport-BH bezahlen gehen.

Lisa-Viktoria Niederberger

Die Quoten-Oberösterreichin im Team hat die Salzburger und das Schreiben in und über Salzburg lieben gelernt. Ob literarisch oder journalistisch ist zweitrangig, in einer Stadt, wo man die Inspiration quasi vor der Haustüre findet.