Aus dem Magazin

Graphic Novels: Die unterschätzte Kunst

Wie aus Comic eine Kunst wurde

Titelbild: Ausschnitt aus einem Comic von Ari Ban

Warum Graphic Novels in Österreich immer noch zu wenig Beachtung finden und welche Bücher von heimischen Autor*innen dringend in eure Strandtasche gehören.

„Magst nicht ein echtes Buch lesen?” Vielleicht habt ihr diesen Satz schon einmal gehört, als ihr es euch mit einem Comic am Sofa gemütlich gemacht habt. So engstirnig diese Aussage ist, zeigt sie eines deutlich: Vor allem im Kopf vieler älterer Semester ist der Gra­phie Novel als eigenständige Kunstform noch immer nicht angekommen. Stattdessen haftet ihm hierzulande der Ruf einer niederen Kunstform an: Im besten Fall ist er seichte Unterhaltung für Kinder, im schlechtesten Fall schmuddeliger Trash.

Dieser Kampf um Anerkennung steckt auch hinter dem Begriff Graphic Novel. Er stammt aus den USA und wurde in den 1980er-Jahren geläufig, als man auf der Suche nach einem Namen für jene Comics war, die sich in erster Linie an ein erwachsenes Publikum rich­teten. In Frankreich und Belgien dagegen ist der Begriff nicht in Verwendung. Dort ist der Bande Dessinée seit jeher als vollwertige künstlerische Arbeit anerkannt.

Spät aber doch wandelt sich auch in Österreich das Bild vom Comic. Nicht nur die Autor*innen und Zeichner*innen sind vielfältiger geworden, auch die Verlage haben den Trend zum Graphic Novel gewittert und ihre Programme entsprechend angepasst. Darüber hinaus gibt es mittlerweile mit dem nextComics ein hochkarätiges Festival in Linz, das sich ganz der Kunst­form verschrieben hat. Normalerweise findet es im März statt. Eine Woche lang geben sich dabei etablierte und junge Autor*innen die Klinke in die Hand und zeigen die Vielfalt des Genres.

Hier kommen ein paar unserer Empfehlungen

 

My Father Never Cut His Hair

VON PETER PHOBIA / Luftschacht Verlag

Alles, was Peter von seinem Vater Rudy weiß, passt in einen Schuhkarton. Seine Zigaretten, seine Liebe zu Pflanzen und seine Mixtapes ergeben ein Bild voller Leerstellen. Bis sich an einem regnerischen Freitag alles ändert. Ein wunderschöner Graphic Novel über Freiheit, Sehnsucht und das Er­wachsenwerden vom in Wien lebenden Autor Peter Phobia.

Mauthausen

VON JORDI PEIDRO / bahoe books 

Darf man den Holocaust als Comic darstellen? Diese Frage haben viele Rezensor*innen gestellt, als sie zum ersten Mal das Buch Mauthausen in Händen hielten. Die Antwort muss lauten: Nicht mehr oder weniger, als alle anderen Kunstformen. Jordi Peidros Versuch der Annäherung erzählt die wahre Ge­schichte von Paco Aura, einem von siebentausend republikanischen Spanier*innen, die nach dem Bürgerkrieg in das Österreichische Konzentrationslager ver­schleppt wurden.

Persmanhof

VON EVELYN STEINTHALER UND VERENA LOISEL / bahoe books

Auch das Werk Persmanhof widmet sich einem dunklen Kapitel der Österreichischen Geschichte: Nur wenige Tage vor der Befreiung durch die Alliierten kam es im kärntner-slowenischen Zelezna Kapla (Eisenkappel) zu einem Gefecht zwischen Partisanen und der SS. Dabei wurde die im Dorf lebende Familie Persman ermordet, 13 Menschen sterben, darunter 7 Kinder. Das Buch erzählt nicht nur vom Verbrechen selbst, sondern auch vom schwierigen Weiterleben nach dem Krieg.

Paul Zwei

VON FRANZ SUESS / Luftschacht Verlag

Aus seinem burgenländischen Kaff kommt Paul in die Großstadt Wien. Es beginnt ein Leben zwischen Selbstzweifel, sexueller Begierde und dem Wunsch nach der eigenen Identität, die schließlich in einer Geschlechtsumwandlung gipfelt. Aus Paul wird Paul Zwei. Ein wunderschönes und melancholisches Buch des Wiener Autoren Franz Suess.

Die Ursache

VON LUKAS KUMMER / Residenz Verlag

Romanadaptionen erfreuen sich in der Comic-Welt seit jeher größter Beliebtheit. Und auch so manch heimischer Klassiker hat einen Medienwech­sel hinter sich. Ein gutes Beispiel ist Thomas Bernhards Die Ursache, das vom lnnsbrucker Lukas Kummer mit viel Fingerspitzengefühl ins Bild gesetzt wurde. Dabei ist nicht etwa eine verknappte Version des Romans entstanden, sondern ein neues Kunstwerk mit einer ganz eigenen Ästhetik.

Matthias Gruber

Matthias Gruber ist ein Ur-Salzburger, der auszog, um Italien und Wien zu erobern. Gern ist er wieder zurückgekommen und macht für das Fräulein Flora wunderschöne Fotos der “Nicht-Nur-Mozartstadt”, die von witzigen Texten begleitet werden.