Aus dem Magazin

Eigentlich ist es ein Schamgefühl

Eine kleine Geschichte über Schlampen.

Carlos* war großgewachsen, hatte dunkle Locken und puertoricanische Wurzeln. Wir haben uns auf einer Party kennengelernt. Er war eine dieser Begegnungen, bei denen man sich zuerst vielsagende Blicke durch den Raum zuwirft, um schließlich mit einer prickelnden Selbstverständlichkeit aufeinander zu zugehen. Den Rest der Party verbrachten wir knutschend an der Bar, den Abschluss der Party wollten wir bei ihm zuhause feiern. Mit derselben prickelnden Selbstverständlichkeit. Aus dem One-Night-Stand wurden viele Dates, irgendwann wurden wir Freunde und Liebende und die Geschichte nahm ihren Lauf. Bis Carlos eines Morgens meinte, dass er sich mit einer Frau, die beim ersten Aufeinandertreffen mit ihm schlafe, schwer was Ernsthaftes vorstellen könnte.

Markus* ist ein guter Freund von mir, bei Gelegenheit gehen wir zusammen auf ein Bier und aus einem Bier werden oft vier und dann fangen wir an, über Männer und Frauen zu diskutieren. Mit paternalistischem Ton hat Markus einmal zu mir gesagt, dass das eine Sache von Angebot und Nachfrage wäre. Wenn man als Frau ein immenses Angebot hätte, müsste man ja nur die Beine breitmachen. Bei Männern hingegen wäre das etwas anderes. Da müsste man sich den Sex schon verdienen. Deshalb verliere man als Frau automatisch an Wert, wenn man mit vielen Männern schliefe. So einfach wäre das.

Ich erinnere mich an mein Teenager-Ich, wohlbehütet in der weiblichen Peergroup. Sogar einen eigenen Kleidercode hatten wir, Skinnyjeans, verspielte Blazer, weil das femininer war und nicht so nuttig. Unsere Miene, wenn wir Mädchen in hochhackigen Schuhen und V-Ausschnitt- Shirts beobachteten: Leicht angeekelt mit hochgezogenen Augenbrauen. Dabei erwische ich mich auch heute noch. Nur noch selten, ehrlich. Die hat es wohl nötig, denke ich dann.

Eigentlich ist es ein Schamgefühl. Und Ohnmacht. Als würde man wieder in seine Schranken verwiesen werden, innerhalb der akzeptierten weiblichen Sexualität. Oberhalb der Grenze der Frigidität und Mauerblümchen-Prüderie, versteht sich. Und diese Schranken sind natürlich auch an Zeit und Kultur gebunden: War die akzeptierte weibliche Sexualität vor fünfzig Jahren noch jene der liebenden Ehefrau, darf sie heute meistens ohne Augenbrauenhochziehen in romantischen monogamen Beziehungen ausgelebt werden. Schwierig wird es, wenn sie es tut, weil sie Lust darauf hat. Auf jemanden einmal und dann nie wieder. Oder auf jemanden, den sie nicht lieben will. Sie kann eh tun und lassen, was sie will, werden viele dann achselzuckend sagen. Die meisten haben den Doppelstandard Frau billig/ Mann Hengst durchschaut.

Dann müssen wir aber konsequent sein und das Wort Schlampe aus unserem Schimpfwortregister streichen. Davon gibt es ohnehin zu viel, der Großteil sexuell konnotierter Schimpfwörter richtet sich gegen Frauen. Einen sorgsamen Umgang mit Sprache sollten wir pflegen, um es mit den Worten des Bundespräsidenten zu sagen. Eine Frau als Schlampe abzustempeln heißt, sie sexuell zu degradieren, Schamgefühle und Ohnmacht zu säen. Und wir Frauen machen uns zu Komplizinnen. Wir werden unsere eigene Scham aber nicht los, indem wir darüber spotten, wie sie sich anzieht, wie sie sich aufreizt, wenn sie ihre Sexualität selbst einfordert und nicht nur die Gejagte sein will. Wir sollten nicht mehr über Sluts reden, sondern über Slutshaming.

Manchmal spricht man dann von einladender Kleidung und von provokantem Verhalten. Manchmal will man von Vergewaltigungsopfer wissen, was sie anhatten. Und manche sagen dann, sie wollte es doch auch. Oder werden ärgerlich, wenn sie den Flirt abbricht oder nein sagt. Manchmal schäme ich mich, wenn ich einen kurzen Rock trage und mir jemand deshalb unschöne Sachen hinterherruft. Und manchmal sehe ich Frauen in kurzem Rock und dann denke ich, die hat es wohl nötig. Frauen zu Schlampen zu degradieren heißt ebenfalls, ihre Integrität zu zerschlagen. Dann müssen wir auch über Rape Culture reden.

Ich hätte mir von Carlos gewünscht, sich dem beidseitigen Begehren hinzugeben, es unser beider Willen aufzusparen, oder ohne moralischem Hammer zu genießen. Nicht aber, den Schritt in seine Wohnung wie eine Tauglichkeitsprüfung als Beziehungsmaterial einzurichten. Und von Markus, dass er Frauen irgendwann als gleichwertige Menschen sieht, deren Körperöffnungen es nicht zu erkämpfen gilt, um sie dann angeekelt zu entsorgen. Und von mir wünsche ich mir, das Schamgefühl niemand anderer aufzuhalsen, sondern ihm die Stirn zu bieten.

*Alle Namen von der Redaktion geändert.