Aus dem Magazin

Ehrenmänner

Ehrenmann war das Jugendwort 2018. Wir haben mit Männern aus sogenannten Ehrenkulturen gesprochen.

„HEROES. Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ heißt ein Projekt des Salzburger Jugendvereins akzente. Jugendliche aus sogenannten Ehrenkulturen werden hier ein Jahr lang zu „Heroes“ ausgebildet. Das Team besteht aus Gruppenleitern sowie einer Projektleiterin. Gemeinsam mit den Heroes zieht man in Schulen und Ausbildungsstätten, um über Gleichberechtigung und Chancengleichheit aufzuklären und an archaischen Weltbildern zu rütteln. Ein Bericht über Emanzipation aus patriarchalen Strukturen.

Um den Schreibtisch im akzente Büro in der Salzburger Glockengasse haben sie sich versammelt: Osman und Emre in schwarzen Heroes-Hoodies auf der einen, ihre Gruppenleiter Jad und Mario auf der anderen Seite. Zwölf Monate haben die vier hier im Kreise anderer Heroes verbracht, sich wöchentlich getroffen und über Rollenbilder, Menschenrechte und Homosexualität diskutiert. Am Ende des Jahres wurden Emre und Osman als Heroes ausgezeichnet. Dass der Weg dahin nicht immer einfach war, darüber sind sie sich einig.

Ein immer wiederkehrendes Wort ist Ehre. „Obwohl ich zertifiziert bin, ist das Thema immer noch eine Herausforderung für mich“, sagt Emre. Darüber haben sie im Ausbildungsjahr viel gesprochen. Auch in den Workshops, die Osman schon zusammen mit den Gruppenleitern in Schulen begleitet hat. „Die Frage, was Ehre ist, konnten die Schüler nicht beantworten. Viele haben dann gesagt, dass man ein Ehrenmann ist, wenn man jemanden in Videospielen killt. Oder wenn ich ein Tor beim Fußball schieße.“ Nach kurzem Nachdenken fügt er hinzu: „Wenn man Weiber klärt, ist man ein Ehrenmann. Sie hören oft viel über Ehre, aber haben nix verstanden.“

Vor seiner Ausbildung zum Hero hat Osman das mit der Ehre ähnlich gesehen. „In meiner Heimat wird das ernst genommen, wenn man jemanden als ehrenlos beleidigt“, erklärt er. Beide Jungs, 17 und 18 Jahre alt, haben türkische Wurzeln. Beschreibt sich das Konzept der Ehre in Besitzverhalten unter Gewaltanwendung gegenüber Frauen, spricht man von Ehrenkulturen. Archaische Traditionen koppeln Ehre stark an die Identität eines Mannes und bestimmen diese. In Mexiko etwa, dem Herkunftsland von Mario, einem der Gruppenleiter, wird Ehre oft als das verstanden, was heute unter dem Namen „toxische Männlichkeit“ in den Medien diskutiert wird.

„Den Missbrauch und die Erhöhung von Ehre kann man pauschal nicht muslimischen Staaten entgegenschleudern.”

Zu sagen, dass sogenannter Machismo, Überlegenheit des Mannes, lediglich ein Phänomen anderer Breitengrade sei, greift allerdings zu kurz. „Ich lese auch in Österreich immer wieder von „unseren Frauen“ und „unseren Mädchen“. Sie werden als Eigentum betrachtet. Österreich hat zwar einen Aufklärungsprozess hinter sich, aber noch ist es nicht fertig“, sagt Jad, ebenfalls Gruppenleiter. Den Missbrauch und die Erhöhung von Ehre kann man pauschal nicht muslimischen Staaten entgegenschleudern. Ein Grund, weshalb Heroes Religion aus der Inhaltsgestaltung bewusst ausklammert.

Mit diesen archaischen Denkmustern haben sich Emre und Osman in den wöchentlichen Heroes- Trainings auseinandergesetzt. Männer, die sich gemeinsam mit Frauen für eine gerechtere Welt einsetzen, so das Ziel. Dabei setzt das Projekt Heroes an, wo Jugendarbeit oft zu spät kommt: Nämlich nicht erst dann, wenn Jungen gewalttätig werden, sondern dort, wo sich Jungen für Gleichberechtigung interessieren und offen dafür sind, diese Botschaft zu vertiefen und an ihr soziales Umfeld weiterzugeben.

“Es ist nicht einfach, mit der Frage nach der Ehre konfrontiert zu werden. Wer möchte sich schon nackt fühlen?”

In ihrer Ausbildung zum Hero erarbeiten die Jungs mit den Gruppenleitern Szenen aus dem Alltag, die dann im Anschluss auch gespielt werden. Der theaterpädagogische Ansatz soll Empathie und Einfühlungsvermögen schulen. Die Jungs stellen alltägliche Situationen nach, in denen jemand aufgrund von Ehrgefühlen unterdrückt wird. Da trifft man als Bruder beispielsweise die Schwester auf der Straße mit einem anderen Jungen. Schließlich tauscht man sich über das Erlebte aus und reflektiert über Rolle, Erwartung und möglichen Handlungsspielraum. Wie mag sich die Schwester fühlen, wie kann man als Bruder Verständnis für sie aufbringen?

Manchmal wird die Debatte hitzig und polemisch. Für Mario ein nachvollziehbarer Vorgang. „Die Themen sind sehr sensibel. Es ist nicht einfach, mit der Frage nach der Ehre konfrontiert zu werden. Wer möchte sich schon nackt fühlen?“ Weil Ehrgefühl eines jener Gefühle ist, die tief berühren und Persönlichstes offenlegen, löst es oft Konflikte aus. Mit dem Peer-to-Peer Prinzip des Projektes gelingt es den Gruppenleitern aber, das Vertrauen der Jungs in sie aufzubauen und solche Gespräche erst zu ermöglichen. In der flachen Hierarchie können Gruppenleiter und Heroes auf Augenhöhe ohne moralischen Zeigefinger miteinander diskutieren. Keine Meinung wird per se als richtig oder falsch gewertet. Vielmehr geht es um den Dialog, und der kann nur dann fließend sein, wenn er nicht aus der normativen Perspektive beurteilt wird. So machen es die Heroes dann auch, wenn sie nach ihrer Ausbildung in Schulen stehen und gemeinsam mit den Gruppenleitern Workshops veranstalten. Damit die Schüler auch entspannt sind, werden die Lehrkräfte des Klassenzimmers verwiesen. Wenn kein*e Lehrer*in das Geschehen überwacht, fühlen sich die Schüler weniger kontrolliert und können authentisch sein. Wie im Umgang mit Gleichaltrigen, erklärt Mario.

Für Emre und Osman hat sich in diesem Jahr voller Rollenspiele und Diskussionen viel getan. Das blieb auch dem Umfeld nicht verborgen. „Meine Freunde haben das gesagt, meine Eltern haben das gesagt. Und es ist mir selbst aufgefallen, dass ich mich stark weiterentwickelt habe“. Osman hat einst über jene Freunde zu Heroes gefunden und ist geblieben. So war das auch bei Emre. „Ich hab mir Heroes angeschaut. Am Anfang ging es um Politik und es hat mich interessiert. Wir haben geredet und ich wollte auch meine Meinung sagen.“ Seine Meinungen, sagt er, haben sich allerdings geändert. Zuallererst seine Haltung gegenüber Homosexuellen. Osman sagt dazu: „Früher war ich gegen Schwule. Ich habe sie nicht akzeptiert, hab die ausgelacht und „Scheiß Schwuchtel“ genannt. Heute respektiere ich sie. Sie haben auch ein Leben und ihre Liebe geht mich nichts an.“ Und Emre: „Sie können auch Männer lieben wie wir Frauen lieben.“ Die beiden schauen sich zufrieden an. Vor allem haben sie sich darin geübt, zu diskutieren und zu argumentieren. Andere Meinungen zu akzeptieren. „Habe ich alles von Mario gelernt“, fügt Emre stolz hinzu. „Mario ist mein großer Bruder und Vorbild. Aber unser Ziel ist es jetzt auch, den Leuten draußen ein Vorbild zu sein.“

Das Projekt „HEROES. Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ ist ein Projekt für Gleichberechtigung im Bundesland Salzburg von akzente Salzburg- im Auftrag des Landes. Wer sich für die Ausbildung zum Hero oder für die Workshops für die Schulklassen und Jugendgruppen interessiert, kann hier weiterlesen:  http://www.akzente.net/fachbereiche/heroes/

Veronika Ellecosta

Veronika Ellecosta ist aus Südtirol ausgewandert, des Studiums und des Auswanderns wegen. Ist in Salzburg angekommen. Hat bei Fräulein Flora Unterschlupf gefunden und begonnen, die Stadt schreibend zu erkunden und damit immer wieder aufs Neue anzukommen.