Dumpstern-Titel
Aus dem Magazin

Die Müllstierdler

Die Retter der ungeliebten Lebensmittel.

Wenn es dunkel wird, machen sie sich auf den Weg, um Lebensmittel aus den Mülltonnen der Supermärkte zu retten. Wir haben einen Salzburger Müllstierdler begleitet und für euch herausgefunden, welche köstlichen Schätze beim Dumpstern auf euch warten.

Wir treffen unseren Begleiter Lukas eine Stunde nach Ladenschluss vor dem Eingang eines Supermarktes in der Maxglaner Hauptstraße. Ein bisschen nervös sind wir vor unserer ersten Tour schon, aber Lukas beruhigt uns. Der 28-jährige Salzburger geht seit sieben Jahren regelmäßig dumpstern. In Salzburg war er damals unter den ersten. Mittlerweile ist das Dumpstern aber weit verbreitet und jede Nacht gehen schätzungsweise um die 100 Menschen auf Suche nach weggeworfenen Lebensmitteln.

Dumpstern-Salzburg

Brot für eine ganze Woche

Nach einem kurzen Gespräch schreiten wir zur Tat. Lukas öffnet die erste Tonne und hebt vorsichtig den obersten der schwarzen Säcke heraus. Fast alle Säcke haben schon faustgroße Löcher, was darauf schließen lässt, dass heute schon jemand vor uns sein Glück versucht hat.

Trotzdem übertrifft gleich unser erster Fund alle Erwartungen: Der Reihe nach ziehen wir sauber abgepacktes Gebäck aus dem Müllsack. Sogar ein frischer Topfenstrudel ist dabei. „Wie im Schlaraffenland“, denken wir und fühlen uns wie Goldgräber. Und wir vergessen für einen kurzen Moment, dass diese Lebensmittel nur ein Bruchteil dessen sind, was Tag für Tag vernichtet wird.

Dumpstern-Salzburg

Wir haben Brot im Wert von rund 70 Euro gefunden – viel mehr, als wir jemals tragen und essen könnten. Nichts davon ist abgelaufen, das Meiste noch knusprig. Lukas packt etwas Brot in seine Fahrradtaschen und wir legen den Rest fein säuberlich in die Tonne zurück – so will es der Müllstierdler-Kodex. Von unserem nächtlichen Besuch bleibt keine Spur.

Wir beschließen, einen weiteren Supermarkt aufzusuchen – schließlich lebt man nicht von Brot allein. Auf dem Weg dorthin erzählt Lukas von seinen erfolgreichsten Beutezügen: Erst kürzlich habe er in einer Mülltonne einige Flaschen Olivenöl gefunden, mit Ablaufdatum 2017. Eine Weile habe er sich ausschließlich von erdumpsterten Lebensmitteln ernährt. Mittlerweile lebt Lukas aber nicht mehr davon alleine, sondern engagiert sich auch in der Salzburger Food-Coop Bonaudelta. Es gehe ihm beim Dumpstern auch nicht ums Geld, sondern darum, aktiv etwas gegen die immense Verschwendung von Lebensmitteln zu unternehmen.

Mit dem entsorgten Essen der Stadt Salzburg könnte man den ganzen Lungau ernähren.

Ist Dumpstern illegal?

„Rechtlich bewegt sich Dumpstern im Graubereich“, erklärt uns Lukas. Einmal in der Tonne angelangt, ist Müll nämlich nach verbreiteter Meinung herrenlos. In Salzburg ist er jedoch Eigentum der Stadt. Ungeklärt ist die Frage, ob es sich beim Durchstöbern fremder Mülltonnen um Hausfriedensbruch handelt. Viele Supermärkte haben sich jedenfalls mit den nächtlichen Mülltauchern arrangiert und lassen sie gewähren, solange kein Dreck oder Schaden an den Tonnen entsteht.

Dumpstern-Salzburg

Inzwischen erreichen wir unser zweites Ziel, einen Supermarkt in der Innsbrucker Bundesstraße. Aus der Entfernung sehen wir die Stirnlampen von zwei Mülltauchern im Dunklen aufflackern. Als wir uns annähern, verlässt ein älterer Mann fluchtartig den Schauplatz. Eine etwa 20-jährige Studentin ist weniger scheu. Sie grüßt uns freundlich und zeigt uns die Ausbeute des Tages: Einen ganzen Korb voller makellosem Obst, Gemüse und Milchprodukten hat sie schon auf dem Gepäcksträger ihres Fahrrades verstaut. Lukas zückt die Stirnlampe und wir schauen in den Tonnen nach, was die beiden übrig gelassen haben: Wir finden immer noch einen Wocheneinkauf voller Lebensmittel: Zucchini, Bananen und frische Paprika.

Leben und leben lassen?

Dann die Überraschung: Eine Frau kommt angestürmt, fotografiert uns mit ihrem Handy und droht mit der Polizei. Lukas versucht,  sie zu beschwichtigen und versichert, dass wir weder Schaden anrichten, noch etwas mitnehmen, das nicht ohnehin im Müll gelandet ist. Die Frau ist nicht zu beruhigen und schimpft auf uns ein, also ziehen wir ohne Widerrede ab.

Dumpstern-Salzburg

Ein paar Ecken weiter unterhalten wir uns über das Erlebte. „So eine Reaktion habe ich noch nie erlebt“, versichert Lukas. Bei den wenigen Zusammentreffen mit Personal oder Security herrsche normalerweise das Motto „Leben und leben lassen“. Kein Wunder: Viele Supermarkt-Mitarbeiter schütteln selbst den Kopf über die Tonnen an Lebensmitteln, die täglich weggeworfen werden.

Dann verabschieden wir uns von unserem Begleiter. Während wir nach Hause radeln, fühlen wir uns ein bisschen wie Kinder, die man gerade beim Stehlen erwischt hat. Dann aber erinnern wir uns: Es handelt sich um Lebensmittel, die in den Müll wandern, obwohl sie völlig in Ordnung sind. Jeden Tag. Tonnenweise! Das schlechte Gewissen ist weg – und es kommt auch nicht wieder.


Dumpstern für Anfänger

Je früher, desto besser: Am besten du ziehst kurz nach Ladenschluss los. Dann sind deine Chancen am größten.

Ausrüstung bereithalten: Rucksack & Stirnlampe. Gummihandschuhe sind kein Muss, aber praktisch – die meisten Mülltonnen sind erstaunlich sauber, aber naja … es sind trotzdem immer noch Mültonnen.

Seids Freindlich: Nichts kaputtmachen und alles was du nicht mitnimmst, schön wieder zurück in die Tonne und den Müllsack.

Such dir einen Buddy: Zieh beim erste Mal am Besten mit einem erfahrenen Müllstierdler los. Sie kennen die besten Spots in der Umgebung und nehmen dir die Angst vorm Starten.

Fairteiler: Wem das Dumpstern zu abenteuerlich ist, der kann sich auch einfach an den gefundenen Schätzen bedienen, die andere für dich bereithalten! An der NAWI gibt es zum Beispiel einen Kühlschrank voller gefundener Köstlichkeiten.


Dumpstern-Salzburg

Nachtrag einer Leserin und leidenschaftlichen FairTeilerin:

Bei wem der Funke zum Lebensmittelretten übergesprungen ist, der kann auch die FairTeiler von foodsharing Salzburg nutzen. An der NaWi und der GesWi steht jeweils bei den STVen ein öffentlicher Kühlschrank, den jeder befüllen und entleeren darf. Dort wirst du überschüssiges Containergut oder den Inhalt deines Kühlschranks vor dem Urlaub los oder lässt dich selbst von anderen mit Lebensmitteln versorgen.

Filmtipp

Wastecooking: Genussvoll gegen Lebensmittelverschwendung

Dumpstern ist nicht nur in Salzburg in, sondern eine internationale Bewegung. Ein echter Salzburger Export ist allerdings die Initiative Wastecooking, die sich gegen die Verschwendung von Lebensmitteln einsetzt. Initiator ist der Salzburger Filmemacher David Gross. Aktuell ist er mit seinem Projekt durch ganz Europa unterwegs, um sich in verschiedenen Ländern ausschließlich von Müll zu ernähren:

Matthias Gruber

Matthias Gruber ist ein Ur-Salzburger, der auszog, um Italien und Wien zu erobern. Gern ist er wieder zurückgekommen und macht für das Fräulein Flora wunderschöne Fotos der “Nicht-Nur-Mozartstadt”, die von witzigen Texten begleitet werden.