Aus dem Magazin

Diese Gestalten habe ich beim Electric Love 2017 getroffen

Eine Typologie.

Das Electric Love war für uns bisher immer dieses eine Festival, das wir nur aus Schilderungen von Freundesfreund*innen kannten. Unsere eigenen Berührungspunkte mit Salzburgs größtem Electroevent bewegten sich im Nullbereich, mit EDM und Q-Dance haben wir wenig bis gar nichts am Hut. In unserem Büro hört man die 80ies 90ies Liste auf und ab, wenn unsere Chefitäten über elektronische Musik sprechen, erinnern sie sich leicht wehmütig an die guten Raves von damals. Weil wir aber durchaus bereit sind, unseren Horizont zu erweitern und unsere alten Playlists aufzupimpen, haben wir eine unserer jüngeren Redakteurinnen mit Kamera, Notizheft und Stift bewaffnet, um uns ein Bild von der tobenden Festivalgesellschaft am Salzburg Ring zu machen. Alle Angaben sind übrigens ohne Gewähr und Anspruch auf Richtigkeit und auf Vollständigkeit.

Das ist die Typologie der Electric Love Besucher*innen 2017: *

*und noch einmal: Alle Angaben sind ohne Gewähr und Anspruch auf Richtigkeit und Vollständigkeit.

#1 Das Schulmädchen

Meine erste Begegnung mit dem Schulmädchen mache ich im Shuttlebus auf dem Weg zum Salzburg Ring, wo ich mir in Kürze die volle Dröhnung Electro geben werde.

Der Abend ist noch jung und die halbstündige Fahrt lang genug, wenn man sie eingequetscht zwischen Pubertätsschweiß aussondernden frisch Maturierten verbringen darf.

Zum ersten Mal in meinem jungen Leben fühle ich mich in dieser Schulbusatmosphäre alt. Umringt von Schuldmädchen in unerhört kurzen Hotpants und weiß bis bunten Bauchfreishirts bleibt mir nichts anderen übrig, als mich dem ein oder anderen Gesprächsfetzen hinzugeben. Es geht um Snapchat, um Mama als Heimbringdienst und um die Tickets, die das Schulmädchen unglücklicherweise daheim vergessen hat. Auch hier darf dann Mama wieder einspringen und die Tickets abfotografiert via Email nachschicken. Die Geschichte geht gut aus, das Mädchen wischt sich ein bisschen Glitzer vom Gesicht, lacht erleichtert und unter dem roten Lippenstift blitzt eine Zahnspange hervor.

#2 Die Tanktop Hipster

Der Tanktop Hipster hat dem Beginn der Festivität mit steigender Nervosität entgegengefiebert. Schon an Weihnachten hat er den Fitnessplan in Richtung Brust- Schultern- Bizeps aufgestockt und seine Freizeit in das Fitnessstudio nebenan verlegt. Dadurch musste er leider Abbüßungen in der Bräune verbuchen. Das Ergebnis ist ein ansehnliches Cornetto im Tanktop, aus dem die Arme weiß und kräftig herausragen. Weitere Attribute des Tanktophipsters sind das Cap und die verspiegelte Sonnenbrille.

Weil er wegen seiner Lowcarb Highprotein- Diät der letzten Monate gänzlich auf Gerstensaft verzichtet hat, gibt er sich beim Electric Love die volle Gönnung.
Reden mag er nicht, lieber tanzt er mehr oder weniger ausgelassen – je nach Alkoholpegel-  im Kreise seiner Kameraden. Zu langer Blickkontakt provoziert bei ihm Annäherungsversuche, wobei er sich nie zu weit von seiner Base wegbewegt, denn er jagt im Rudel. Weil der Tanktop- Hipster außerdem durch den Lifestyle der letzten Monate hormonell etwas unausgeglichen ist, macht man besser einen Bogen um ihn. Er ist der Erste, der pöbelt und Frauen gern mal auf den Arsch haut.

#3 Die Oben Ohne

Die Oben Ohne sind, obwohl weit exhibitionistischer veranlagt, um einiges harmloser als der Tanktophipster. Sein T-Shirt hat der männliche Oben Ohne lasziv in die Seite seiner Hose gesteckt, damit er es, wenn es darauf ankommt, sich vor der Q-Dance Bühne aus der Hose reißen und wie einen Propeller über dem Kopf drehen kann. Das weibliche Pendant hat sich mit Triangel- Bikini oder mit BH eines schwedischen Textilriesen verhüllt. Auch die Oben Ohne haben viel Vorbereitungen in das Electric Love gesteckt und treten meistens in Rudeln auf. Im Unterschied zum Tanktophipster bleiben sie da aber auch.

Ihre Nacktheit scheint sie trotz diverser Berauschungen zu beschämen, im Publikum bewegen sie sich eher im hinteren Teil, wo sie zwar durchaus zu überraschenden Tanzauswüchsen fähig sind, sich aber ungern Konfrontationen mit dem anderen oder gleichen Geschlecht aussetzen.
Wer denen Oben Ohne begegnet sei unbesorgt, denn sie sind durchaus angenehme Zeitgenoss*innen. Sie tanzen und sie schauen gut aus.

#4 Die mit den Fahnen

Obwohl Electro mit wenig deepen Lyrics zu überzeugen versucht und das Electric Love Festival als unpolitisch lockt, trollen sich unter die Gäste patriotische Gemüter in Fahnen gehüllt. Die Tanzchoreografie mit Fahne erinnert an einen flugunfähigen Vogel, der trotzdem hartnäckig seine Flügel in Hoffnung auf Aufwind ausbreitet. Es sind übrigens dieselben Gemüter, die an der Kassa gegenüber der dunkelhäutigen Dame meinen, dass „die Niggerin eh nichts versteht“.

Flagge zu zeigen ist dabei nicht nur ein rot-weiß-rotes Bestreben, wie bei einer Fußballweltmeisterschaft scheint das Bedürfnis, seine Nationalität wie eine Guccihandtasche vor sich hertragen zu müssen, groß. Das Gute an diesem Trend: Den meisten Besucher*innen geht er am Popo vorbei.

#5 Die Kostümierten

Von der Sorte der Kostümierten gibt es zwei: Gesichtsvermummte mit Gummieinhorn oder -hahnenschädel und Ganzkörperflauschanzüge. Da ist dann von Winnie Pooh bis zum Glamrockanzug alles dabei. Ziel der Kostümierten war es von Anfang an, das Electric Love Festival betrunken zu begehen und dann –  weil zu betrunken – zu vergessen. Alkoholpegeltechnisch bewegen sie sich im sehr hohen Bereich und das lassen sie auch ihr Umfeld wissen. Weil sie sich hinter ihrer Maskierung für unverwüstlich halten, gehen sich auch mit derselben Selbstverständlichkeit auf ihre nichtsahnenden Mitmenschen los.

Und wer schon einmal von einem muffelnden Huhn mit Bierfahne gedrückt wurde, weiß, wovon hier die Rede ist.
Kostümierte Menschen auf einem Festival scheinen permanent unter einem Aufmerksamkeitsdefizit zu leiden, drängen sich auf jedes Foto und in jede Tanzkreismitte. Manchmal fallen sie um und reißen die Umstehenden genauso gerne mit auf den plastikbecherüberschwemmten Boden wie sie auf den Rücken ihrer Freund*innen springen.

#6 Die mit den Statement- Schildern

Während auf gängigen Festivals einfache Pappkartons hochgehalten werden, bediente man sich am Electric Love völlig neuer Technologien: Einrollbare Schilder. Die Statements darauf waren entgegen aller Erwartungen weniger innovativ.

„Free Hugs“ für die Schüchternen, die lieber die Schrift sprechen lassen, kommentarlos „Sex“ für die Gewagteren und „Hallo i bims, 1 Helga“, eine Mischung aus traditionsbewusstem Ösi-Humor und Jugendslang.


Die mit den Statement-Schildern zeichnen sich durch auffallende Kontaktfreudigkeit auf, werden ihren Facebookaccount nach drei Tagen Festival um 100 Kontakte reicher wissen und haben die Menge bereits vor Konzertbeginn systematisch nach potentiellen Paarungspartner*innen analysiert, kategorisiert und hierarchisiert. Die vermeintlich witzigen Schilder sind nur Kalkül, sind sie das Werkzeug, um spätnachts in Begleitung zurück zum Campgelände torkeln, zufrieden ihr Statementschild einzurollen und in der Hosentasche verschwinden zu lassen, weil es dann nicht mehr gebraucht wird. Ist dieser Punkt lange nach Mitternacht gekommen, verwandeln sie sich blitzschnell in Schulmädchen oder Tanktop-Hipster.

#7 Die mit den grandiosen Anmachsprüchen

„Hast du ein Nippelpiercing und zeigst es uns?“

Veronika Ellecosta

Veronika Ellecosta ist aus Südtirol ausgewandert, des Studiums und des Auswanderns wegen. Ist in Salzburg angekommen. Hat bei Fräulein Flora Unterschlupf gefunden und begonnen, die Stadt schreibend zu erkunden und damit immer wieder aufs Neue anzukommen.