Aus dem Magazin

Cultureclash: Dating auf dem Land vs. Dating in der Stadt

Als unsere Autorin vor Jahren zum Studieren aus ihrem 700-Seelen-Provinznest nach Salzburg zog, erlebte sie einen Zusammenprall der Kulturen. Krasse Unterschiede zwischen Land und Stadt sind ihr besonders in einem Bereich aufgefallen: beim Dating.

Der erste Kontakt: So läuft das auf dem Land

Du fandest ihn schon lange irgendwie süß, hast ihn zum ersten Mal in der Blasmusikprobe, in der Kirche oder bei der Jungschar gesehen. Bei der jährlichen Dorfdisko mit Trachtenmotto schmust ihr nach vier „Flying Hirsch“ zum ersten Mal rum. Vielleicht gehts auch gleich zur Sache, schließlich weißt du dank Dorftratsch längst bestens Bescheid, welche Leichen er im Keller hat.

Der erste Kontakt: So läuft das in der Stadt

Du lernst ihn an der Uni oder in der Arbeit kennen und noch bevor du ihn ansprichst, googelst du ihn erstmal. Der gründliche Background-Check in den sozialen Medien verrät dir sofort, ob er gerade in einer Beziehung ist, welchen Hobbies er nachgeht und auf welche Studentenfeste oder in welche Bars er so geht. Irgendwann trefft ihr euch „zufällig“ ( ) beim Fortgehen, unterhaltet euch gut und landet spät nach Mitternacht im Harry Bär. Dort schmust ihr ein bisschen rum, vielleicht wird auch gefummelt, schlafen tut ihr beide aus strategischen Gründen aber im eigenen Bett.

Der erste Sex: So vögelt man auf dem Land

Da der erste Sex betrunken nach der Dorfdisko stattfindet, kannst du dich kaum mehr an seine kraftvollen, von der Arbeit verhornten Hände erinnern. So geil die auch sein mögen, er fasst dir damit unbeholfen zwischen die Beine und erwartet, dass dich das instant scharf macht. Das wars dann auch schon mit dem, was er für Vorspiel hält. Da du davon unmöglich feucht werden kannst und das zu reibungstechnischen Problemen führt, greift er zum Melkfett. Ab dann läuft die Sache aber wie geschmiert. Er rammelt dich stundenlang wie ein Duracell-Häschen – dass du dabei nicht kommst, fällt ihm gar nicht auf. Am nächsten Morgen wachst du alleine in seinem selbstgezimmerten Bett auf, weil er schon seit halb 6 im Stall steht und dort mit dem Melkfett Kuh-Euter massiert.

Der erste Sex: So vögelt man in der Stadt

Nachdem ihr auf sage und schreibe vier (!) Dates wart und du ihn immer wieder höflich vertröstet hast – schließlich bist du nicht leicht zu haben – fährt er schwere Geschütze auf um dich ins Bett zu kriegen: Er lädt dich in seine WG ein um gemeinsam vegan zu kochen. In seiner Wohnung ist alles picobello, sogar die Stelle unter der Toilettenschüssel hat er gewischt. An dem Abend lernst du zwangsweise auch gleich seine Mitbewohnerin kennen, die euch partout nicht alleine lassen will. So musst du dich durch ein drei-Gänge-Menü quälen, bis du dich über ihn hermachen kannst. (Vier Dates ohne Sex sind auch für eine Lady nicht leicht zu ertragen.) Du schnappst dir eine Flasche Wein und schlägst vor, das Dessert in seinem Zimmer zu verzehren. Schwuppdiwupp hat er kein Shirt mehr an und du bist fasziniert von seiner babyzarten Haut, die er vor eurem Date minutenlang eingeölt hat. Der Sex unterscheidet sich eigentlich nicht wesentlich von jenem mit dem Bauern – Rammelhasen gibt es sowohl in Freilandhaltung als auch in urbanen Agglomerationen.

Die Beziehung: So sieht das auf dem Land aus

Weil du weißt, es wird noch lange dauern bis er mit der Stallarbeit fertig ist und zum zweiten Frühstück wieder rein kommt, machst du dich auf den Weg nach Hause. Natürlich fährst du trotz Restalkohol selbst mit dem Auto, schließlich hat sich im Dorf seit Jahren keine Kiwarei mehr blicken lassen. Als du Zuhause vorfährst kommen deine Eltern gerade von der Sonntags-Messe heim. Sie fragen dich mit hoffnungsvollem Blick ob die Gerüchte stimmen, du seist jetzt mit dem drittgrößten Jungbauern im Dorf zusammen. (Mit der Geschwindigkeit wie sich Dorftratsch ausbreitet, kann nicht mal Glasfaserinternet mithalten.) Genervt gehst du ins Bett und holst Schlaf nach, bis du eine SMS von ihm bekommst. Ihr trefft euch am Abend auf ein Bier und seid ab dann fix zusammen.

Die Beziehung: So sieht das in der Stadt aus

Nachdem er dich am nächsten Morgen bei dir Zuhause abgesetzt hat, hörst du erstmal eine Weile nichts von ihm. Du bleibst aber eisern und meldest dich auch nicht, bis er verrückt wird und dir zuerst schreibt. Du behauptest gerade an nichts Fixem interessiert zu sein (Lüge!) und gibst vor total locker eine reine Sexbeziehung führen zu können. (Lüge! Lüge!) Ihr trefft euch ein, zwei Mal pro Woche zum Ficken und betont gegenüber euren Freunden regelmäßig, dass ihr eine lockere Beziehung habt und alles total gechillt ist. (Lüge! Lüge! Lüge!)

Das Ende der Liebe: So ist das auf dem Land

Seine Mutter mag dich nicht, da du am Hof zu wenig mitarbeitest und nicht in Erwägung ziehst, deinen Bürojob in der Stadt an den Nagel zu hängen. Deshalb steht eure Beziehung unter einem schlechten Stern. Und weil Mama in allen Dingen die Oberhoheit hat – schließlich geht es darum einen Hofnachfolger zu zeugen – beugst du dich ihrem Willen. Ihr heiratet, bekommt Kinder und seid beide unglücklich, weil du für die Liebe deinen Job in der Zivilisation aufgegeben hast und er sich dafür schuldig fühlt. Trotzdem erlauben Gott und Mama nicht, dass ihr euch scheiden lässt. Da ihr außerdem bereits den Hof rechtens übernommen habt, bleibt ihr aus fundamentalen Existenzängsten zusammen. Aber nur solange bis die Kinder in einem Alter sind, wo sie keine finanzielle Belastung mehr darstellen und ihr wenigstens eine Sorge weniger habt.

Das Ende der Liebe: So ist das in der Stadt

Ihr werdet ein paar Jahre eine offene Beziehung führen, miteinander die Welt bereisen und eure Karrieren verfolgen. Zusammenziehen werdet ihr nicht, weil ihr fest daran glaubt, dass es da draußen noch jemanden besseren für euch gibt. Ihr vergeudet Jahre damit euren Schlüssel in fremde Schlösser zu stecken bzw. zu prüfen, ob in euer Schloss mehr als nur ein Schlüssel passt. Als ihr dann irgendwann feststellt, dass da womöglich gar nichts Besseres mehr kommt, lasst ihr euch schließlich ernsthaft aufeinander ein. Nur zu dumm, dass kurz darauf die erste Life-Crisis vor der Tür steht und ihr an allem zu zweifeln beginnt. Ihr ersetzt euch gegenseitig durch jüngere Exemplare und fangt den ganzen Spaß nochmal von vorne an. Nur eben faltiger.

Mia Goldhirsch

Mia ist im real life eine Spießerin wie sie im Buche steht. Trinkt nicht, raucht nicht, geht um 22 Uhr schlafen und nur bei grün über die Straße. Zum Glück gibt's da den Äther, wo sie ein nicht ganz so spießiges Leben führen darf.