Aus dem Magazin

Vor 8 Tagen habe ich gelernt, meinen Körper ok zu finden

Ein Durchbruch nach 15 Jahren

Eigentlich habe ich das “Ich bin so fett”-Thema hinter mir gelassen. Bis vor acht Tagen. Da hatte ich ein Gespräch mit einem Freund. Freund, wie männlich, also Mann.

Ich hab ihm von der letzten Episode meines Lieblingspodcasts erzählt. Darin hat eine Radio-Journalistin über eine Zeit in ihrem Leben gesprochen, in der sie aufgrund von Medikamenten stark zugenommen hat. Und dafür von Medien, Menschen und überhaupt jedem öffentlich so richtig fertiggemacht wurde – und das, obwohl sie in ihrem Job so gut war, wie noch nie.

Mein Freund hat die Aufregung nicht verstanden. “Hat sie halt ein paar Kilo zugenommen, das ist doch jedem wurscht.” Über diesen Satz, mit einer Gleichgültigkeit ausgesprochen, war ich überrascht. Seit meinem 15. Lebensjahr denke ich jeden (!) Tag über mein Gewicht und meinen Körper nach. Ich habe in den letzten 15 Jahren in Summe sicher 100 Kilo zu- und abgenommen. Habe im Gymnasium kein Glas Wasser am Nachmittag trinken wollen, weil es ein paar Gramm mehr auf der Waage brachte, auf die ich mich 3-4 mal täglich gestellt habe.

Da sagt der echt “Das ist doch wuascht”!

Diese hunderten Stunden, die ich meinen Körper gehasst und mich dafür geschämt habe. Die Abende, an denen ich mit Magenknurren im Bett gelegen habe, mit einem zufriedenen Lächeln und in dem Wissen, dass ich heute nicht zugenommen habe. Die tausenden Blicke in den Spiegel mit Fokus auf alle Stellen, die ich für immer verstecken wollte. Der Neid auf schlanke Frauen und der Glaube, mit dem richtigen Körper wird mein Leben besser. All das hat mein Freund mit einem einfach Satz weggewischt, weil es “eh wuascht” ist.

Da habe ich gemerkt: Unsere Leben sind anders verlaufen. Also sein Leben als Mann und mein Leben als Frau. Mit 30 bin ich das erste Mal so weit, meinen Körper halbwegs zu akzeptieren. Mein Freund dagegen hat sich nie damit auseinandergesetzt. In den sozialen Medien sprechen wir täglich über das Wörtchen “Bodypositivity” und wie wir alle unseren Körper lieben sollten. Sollten. Weil, samma uns ehrlich, wirklich lieben tut keiner seinen Körper. Nicht die ganz Superdünnen, nicht die wirklich Dicken und die in der Mitte auch nicht.

Auch komisch: Sich fürs Abnehmen gratulieren

Es ist eigentlich nicht angebracht, dass man jemandem gratuliert, dass er oder sie so dünn ist, und so gut ausschaut, weil abgenommen. Niemand, sagt mein Freund, gratuliert sich in seinem Freundeskreis zu körperlicher Veränderung. Das hat er noch nie erlebt. Er hat dicke und dünne Freunde und solche, die vom einen ins andere gewechselt sind. Ich habe gerade vor einigen Tagen meiner Freundin gesagt, wie gut sie aussieht, weil sie ein paar Kilo verloren hat. Was soll das eigentlich für ein Kompliment sein?

Blablabla, dick und dünn und blablabla

Vor acht Tagen habe ich also eine Entscheidung getroffen. Ich habe keine Lust mehr drauf. Es ist so ein banales Thema, so primitiv. So fad! Deswegen ist das ist die letzte Meldung, die ich dazu abgebe. Weil ich nach 15 Jahren mein Hirn wieder für etwas anderes verwenden möchte. Wozu nämlich wirklich die Aufregung über ein paar Kilo Fett?

Photo by averie woodard on Unsplash

Eva Krallinger-Gruber

Eva ist eine richtige Ex-Exil-Salzburgerin. Frankreich, USA, Schweiz - aber nirgends ist es wie zuhause. Journalismus, Marketing (Kosmetik und dann Bier) und eigentlich redet sie auch ganz gern.