Aus dem Magazin

#NotOkay: Frauen aus der Redaktion erzählen über Belästigung und Übergriffe im Alltag

Trigger Warning – sexuelle Gewalt

Für Frauen ist es oft noch keine Selbstverständlichkeit, sich im öffentlichen Raum sicher zu bewegen. Statistiken zufolge erleben 3 von 4 Frauen sexuelle Belästigung, darunter aggressive Anmachen, unangebrachte Pfiffe oder verbale Aufdringlichkeiten. Und wir ahnen, dass die Dunkelziffern in höhere Sphären ausschlagen könnte.

Meist handelt es sich dabei um Erlebnisse, die immer nur ein unangenehmes Gefühl zwischen Ohnmacht und Wut hinterlassen. Ein dummer Spruch auf der Straße wird selten in einer Polizeiakte aufscheinen oder in einer Anzeige münden, weil zu unscheinbar, zu harmlos, vor allem aber: zu normal. Dass Alltagssexismus auch vor Salzburg keinen Halt macht, zeigt die kleine Umfrage in unserer Redaktion. Eine Chronik des Schreckens wurden letzten Endes diese Erfahrungsberichte darüber, was Frauen auf Salzburgs Straßen, in Lokale und Vereinen, aber auch im privaten Umfeld, widerfährt.


„Als Landkind machte ich meine ersten Fortgeh-Erfahrungen auf Bierzelten und Discofesten, wo man sich zwischen rotem und schwarzem Flügerl entscheiden musste und zu Liquido und Böhse Onkelz getanzt wurde. Bei diesen Veranstaltungen blieb selten jemand nüchtern. Man stelle sich die Kombination aus Bierzeltmusi, einem Haufen betrunkener hormongesteuerter Männer und Mädels in Dirndlkleidern vor.

Sprüche wie „Zoag her deine Tepf“, kombiniert mit ungefragtem Begrapschen im Vorbeigehen und einem grausigen Grinsen von diversen männlichen Zeltbesuchern gehörten für mich und viele andere Frauen oft zum traurigen Alltag auf solchen Festen.

Manchmal ignorierte ich die blöden Sprüche, manchmal half ich mir mit einer Watschn aus – worauf meist noch wüstere Beschimpfungen folgten. An schlechten Tagen traf mich so viel Respektlosigkeit tiefer – ich verfiel in Selbstmitleid und es trieb mir die Tränen in die Augen. Heute würde ich dem Ganzen wahrscheinlich mit mehr Selbstbewusstsein entgegentreten. Die schirchen Erinnerungen an so manchen Bierzeltaufenthalt bleiben aber noch ein bisschen bestehen.“


„Es ist schon einige Zeit her, als ich einen Mann mit vom Haferl nach Hause genommen habe. Wir waren beide ziemlich angetrunken und dementsprechend unkoordiniert hat sich unser Vorspiel entwickelt. Irgendwann stand er hinter mir, küsste meinen Nacken und ich konnte deutlich seine Erektion an meinem Rücken spüren.

Wenige Momente später hat er ohne ein Wort zu sagen mein Kleid hochgerissen und ist anal in mich eingedrungen. Ich bin erstmal zusammengezuckt und habe vor Schmerz geschrien, bis ich ihn von mir wegstoßen konnte. Geblutet hat es auch.

Anderthalb Jahre später bin ich erst wegen andauernder Schmerzen und Blutausstöße in die Apotheke gegangen. Man hat mir Zäpfchen gegen Hämorrhoiden verschrieben, weil ich nicht den Mut hatte, meine Vermutung über den Ursprung der Wunde auszusprechen.“


„Am Mirabellplatz hat mich mal ein fremder Mann einfach so geküsst. Eine Gruppe Typen kam mir entgegen, einer davon löste sich, packte mich und küsste mich. Echt nur kurz und ohne Zunge. Als er mich losgelassen hat, habe ich ihm einen Renner gegeben und „bist deppad“ geschrien, aber da waren er und seine Kumpels schon weg, lachend. Am helllichten Tag. Da bist so baff, da reagierst nicht schnell genug.“


„Nach der Weihnachtsfeier in der Firma beschlossen ein Arbeitskollege und ich, noch in der Stadt weiter zu feiern. Alkohol sei Dank haben wir uns im Soda wiedergefunden und tanzten und tanzten. Ich fühlte mich so selbstbewusst wie schon lange nicht mehr, ließ den Arbeitskollegen allein und begab mich auf die Toilette. Wer das Soda kennt, weiß, dass sich diese im ersten Stock befindet und sich dort meistens keine Leute aufhalten. An diesem Abend war fast nichts los, im ersten Stock war nicht mal das Licht aufgedreht. Ich hatte gerade erst die Tür verriegelt, schon klopfte jemand. Als ich rauskam, schaute mich ein Mann keck an und meinte, er habe schon auf mich gewartet. Ich erinnerte mich, dass er mich auf der Tanzfläche schon nicht aus den Augen gelassen hatte und wurde nervös. Niemand war in Sichtweite. Er kam mir näher und ich merkte, wie sturzbetrunken ich war.

Denn als er mich and en Schultern festhielt, mir mit seinem Gesicht zu nahekam und meinte, ich wolle das doch auch, konnte ich ihn nicht wegdrücken. Ich hatte keine Kraft, konnte kaum noch stehen.

Irgendwann ging er meinen schwachen Versuchen, mich ihm zu widersetzen, nach und ich stolperte die Stiegen hinunter. Ich fühlte mich, als wäre ich gerade einem gravierenden Übergriff entkommen. Ich war völlig hilflos angesichts der Tatsache, dass er alles hätte machen können, Auch nüchtern wäre ich ihm wohl körperlich unterlegen gewesen, in meinem Zustand hätte ich wohl nicht einmal um Hilfe geschrien.“


„Ich habe mich eine Zeit lang in einem Verein engagiert und arbeitete dabei regelmäßig mit einem älteren Herrn zusammen, zu dem ich ein väterlich-freundschaftliches Verhältnis entwickelte. Einmal hat er mich zu sich nach Hause eingeladen, um eine Vorbesprechung zu einem Arbeitseinsatz abzuhalten. So unverfänglich diese Einladung auch klang, schon bei der Begrüßung zog er mich mit einer kräftigen, bestimmenden Bewegung zu sich hin und küsste mich überraschend auf die Wange. Richtig skeptisch wurde ich, als er mir im Laufe des Vormittags vorschlug, ich sollte mich einmal aufhübschen und einen Minirock anziehen. Er wolle ein paar schöne Fotos von mir schießen. Ich habe das zweifelhafte Angebot höflich abgelehnt und hielt den Rest des Tages noch mit ihm durch. Mein naives und empathisches Wesen plädierte stets dafür, dass er das ja nicht so gemeint hätte und er sich womöglich im Tonfall vergriff.

Als er mich am Nachmittag zum Bahnhof fuhr, legte er im Auto seine Hand auf meinen Oberschenkel und gestand mir mit einem anzüglichen Unterton, dass er mich echt gern hätte.

Er wollte wissen, wann wir uns wiedersehen könnten. In diesem Moment war es für mich eindeutig, worauf es dieser Mann abgesehen hatte.
Ich habe meine Tätigkeit bei diesem Verein schließlich beendet, um ihn nie wieder zu sehen und um nicht nochmal in so eine unangenehme Situation zu kommen.“


„Ich war auf dem Weg heimwärts vom Sport, es war Sommer und ich radelte an der Salzach entlang, als ich im Augenwinkel einen Schatten wahrnahm. Damit der Schatten überholen konnte, verlangsamte ich. Bis der Schatten auf meiner Höhe war, zu einem jungen Mann wurde und mir einen hundert Euro Schein entgegenstreckte. Verzeihung, meinte er höflich, ob ich ihm denn meine Unterwäsche für den Hunderter verkaufen würde. Im ersten Moment musste ich ungläubig lachen. Auf meine Frage, ob er sich gerade einer Mutprobe von Kumpels stellte, antwortete er beinahe gekränkt: „Nein, auch wenn das seltsam klingt.“ Er beharrte auf sein Angebot und ich habe nein gesagt. Um die Situation an Akwardness zu übertreffen, fuhr er noch eine Zeit lang schweigend neben mir her, bis ich ihn mit einem energischen „Na dann schönen Tag noch und Auf Wiedersehen“ abwimmeln konnte.“


„Vor ein paar Jahren habe ich in so einer Schnösel- Vinothek gekellnert, wo das Klientel einfach genauso war, wie man sich das vorstellt: Reiche, alte Kerle, die glauben, nur weil sie Kohle haben, können sie sich Frauen gegenüber alles erlauben. Da waren viele grenzwertige Sachen dabei, aber das Ärgste war ein alter Typ, locker über 60, der mir ganz happy von seinem letzten Sexurlaub in Thailand erzählt hat. Als ich darauf eher ruppig und abgestoßen reagiert hab, hat er gemeint:

Ach tu nicht so. Du bist doch sicher eine von diesen unrasierten Linken, die es hart brauchen und nicht dazu stehen! “


„Mit knapp 20 war ich auf einem Bierzelt unterwegs. Dort habe ich einen Bekannten meines Onkels getroffen. Er war von Anfang an recht anhänglich, ich hab es damit erklärt, dass er ziemlich angesoffen war und scheinbar ein scheiß Leben hatte. Mit der Zeit ist es anstrengend geworden, vor allem, weil der Typ um die 20 Jahre älter war und ich sein Verhalten erbärmlich gefunden habe. Also habe ich mich verabschiedet und mich auf den Nachhauseweg gemacht.

Der Mann ist mir bis vor die Haustüre gefolgt und hat die ganze Zeit gebettelt, mit ihm zu schmusen.

Dass ich ihm ständig gesagt habe, dass er sich schleichen soll, hat ihn nicht gestört. Einzig die Drohung, dass ich meinen Vater aufwecke und der dann die Polizei ruft, hat Wirkung gezeigt.“


Ein Auszug aus einer Nachricht, die ich als Redakteurin einmal von einem männlichen Leser erhalten habe, sollte an dieser Stelle auch noch veröffentlicht werden:

„Ich habe keinen Bock, meine Zeit mit irgendwelchen Analphabeten (damit meint er das Team vom Fräulein Flora, Anm. d. Redaktion) zu vergeuden… Wenn sie schon meine Zeit in Anspruch nehmen wollen, dann können sie gerne vorbeikommen und lutschen… Mit dir texte ich nur, weil wir uns kennen und zumindest ich der Meinung bin, dass wir Freunde sind… Wenn ich mich darin irren sollte, kannst du genauso lutschen…“

Veronika Ellecosta

Veronika Ellecosta ist aus Südtirol ausgewandert, des Studiums und des Auswanderns wegen. Ist in Salzburg angekommen. Hat bei Fräulein Flora Unterschlupf gefunden und begonnen, die Stadt schreibend zu erkunden und damit immer wieder aufs Neue anzukommen.