Die autonome Wohnfabrik in Salzburg
Aus dem Magazin

Die autonome Wohnfabrik Salzburg

Wohnen ist in Salzburg ein Reizthema. Eine Gruppe junger Salzburger*innen sucht nach alternativen Antworten.

Jetzt ist es fix! Salzburg bekommt als zweite österreichische Stadt ein Hausprojekt: die Autonome Wohnfabrik. Schon bald soll das Haus in Bahnhofsnähe bezogen werden und von dann an auch als leicht zugänglicher Begegnungs- und Veranstaltungsraum für alle zur Verfügung stehen.

Wer in Salzburg schon einmal auf Wohnungssuche war, weiß, dass günstiger Wohnraum hier nur schwer zu finden ist. Einen kleinen eigenen Beitrag zur Verbesserung dieser Situation wollen die Menschen rund um die Autonome Wohnfabrik nun leisten. Um das ganz umsetzen zu können, braucht es allerdings noch ein wenig finanzielle Unterstützung, die zugleich für alle Unterstüzer_innen eine attraktive und sozial sinnvolle Geldanlage sein kann. Im Juli soll der Kauf des Hauses, in dem leistbarer Wohnraum sowie Begegnungs- und Veranstaltungsräume geschaffen werden, über die Bühne gehen. Insgesamt benötigt die Wohnfabrik dafür noch 280.000 Euro. Wie bei ähnlichen Hausprojekten in Österreich und Deutschland wird neben einem Bankkredit der Großteil des Geldes über so genannte Direktkredite gesammelt, nach dem Motto: „Lieber 1000 Freund_innen im Rücken als eine Bank im Nacken!“ Aber der Reihe nach.

Was ist denn eigentlich ein Hausprojekt?

Sogenannte Wohn- oder Hausprojekte gibt es seit den 1980er Jahren und sie definieren sich vor allem über den solidarischen Grundgedanken der Selbstverwaltung. Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem man sich zumindest ein Stück weit der Fremdbestimmung, die unseren Alltag und zu einem nicht unwesentlichen Teil unser Wohnen prägt, zu entziehen. Die Idee, als privat zusammengefundenes Kollektiv ein Haus zu kaufen und dann zugleich Mieter_innen und Vermieter_innen zu sein, ist also nicht neu.

In Österreich gibt es mehrere Kollektive, die sich solche gemeinschaftliche Wohnprojekte zum Ziel gesetzt haben; real existierendes Haus gibt es bisher allerdings erst eines in ganz Österreich. Bisher. Denn schon ab Juli soll sich das eben ändern, und mit der Autonomen Wohnfabrik wird in Salzburg nach dem Willy*Fred in Linz das zweite österreichische Hausprojekt in die Praxis umgesetzt.

Wie das Willy*Fred läuft auch die Salzburger Wohnfabrik unter dem habiTAT-Syndikat, dem Dachverband aller österreichischen Hausprojekte, der sämtliche Projekte von der Haussuche über Vertragserstellung, Finanzierungsprozess und darüber hinaus unterstützt. Das habiTAT orientiert sich an dem deutschen Mietshäuser Syndikat, das bereits über 100 erfolgreiche Hausprojekte zählt. Mit dem habiTAT steht also eine Menge Erfahrung hinter dem Projekt der Salzburger Wohnfabrik.

Das Haus

Ein zum Verkauf stehendes Haus zu finden, das von der Raumaufteilung her für getrennte Wohnbereiche bei gleichzeitig genug Platz für Gemeinschaftsräume und sogar ein Beisl geeignet ist, gestaltet sich in Salzburg schon schwierig genug. Diese Hürde ließ sich aber – für alle Beteiligten eher überraschend – relativ schnell überwinden. Das Gebäude befindet sich in Schallmoos, nicht weit vom Bahnhof. Die Wohnfabrik soll neben leistbarem Wohnraum voraussichtlich auch ein Vereinslokal, niederschwellig zugängliche Veranstaltungsräume, eine Werkstatt und einen Kost-Nix-Laden beherbergen. Die Türen zur Wohnfabrik werden allen offenstehen; einen Garten für gemeinsames Sonnetanken gibt es auch.

Noch ist das Haus aber eben nicht ganz gesichert. Nach ein wenig Hin und Her wurde Anfang März ein Angebot unterschrieben; das heißt, bis Anfang Juli muss die Finanzierung stehen, dann kann der Kauf finalisiert werden und die ersten Wohnfabrikant_innen können einziehen. Die Räume können ab dann auch für Workshops, Konzerte und mehr genutzt werden.

Den Großteil des Kaufbetrags stellt die Deutsche Bank für Gemeinwohl zu günstigen Konditionen. Ein Teil muss allerdings aus Eigenkapital finanziert werden. Wie bei anderen Hausprojekten in Deutschland und auch beim Willy*Fred in Linz soll dieses Eigenkapital so schnell wie möglich über Direktkredite aufgestellt werden. Und hier kommt ihr ins Spiel, wenn ihr wollt (- und eure Tanten, Onkeln, Omas, Opas…).

Money, Money, Money, oder: Direktkredite – die ethische Alternative für Geldanlagen
Das wachsende Misstrauen gegenüber den großen Banken hat seinen Teil dazu getan, dass Direktkredite von Privatpersonen seit der Finanzkrise an Beliebtheit gewonnen haben. Während die Kreditnehmer_innen den Vorteil haben, dass sie mit relativ wenig bürokratischem Aufwand und dadurch auch mit so gut wie keinen Wartezeiten zu dem benötigten Geld kommen, ist es für die Geldgeber_innen eine transparent Geldanlage – meist mit Zinsen, die höher sind, als die derzeitigen Sparbuchzinsen (nicht, dass das schwierig wäre – aber immerhin!). Laufzeitdauer sowie Zinsenhöhe können innerhalb eines definierten Rahmens von den Kreditgeber_innen selbst gewählt werden.

Dazu kommt die Gewissheit, dass das angelegte Geld nicht für irgendeine Bank, sondern für ein konkretes soziales Projekt arbeitet, an dessen kulturellem und gesellschaftlichen Angebot die Geldgeber_innen, wenn sie wollen, auch selbst teilnehmen können. Im Falle der Vergabe von Direktkrediten an Hausprojekte, wie eben z.B. die Autonome Wohnfabrik, kommt noch dazu, dass es eine sehr sichere Form der Geldanlage ist: Zwar werden private Kreditgeber_innen im Falle einer (eher unwahrscheinlichen) Insolvenz nachrangig bedient, aber mit dem Haus als solches existiert eine Sicherheit, die als realer Wert den Schulden gegenübersteht und im Ernstfall die Kredite deckt. Die Erfahrungswerte aus über 100 deutschen vergleichbaren Projekten und dem Linzer Willy*Fred zeigen, dass sich die finanzielle Start- und Weiterhilfe für Hausprojekte nicht nur aus ethischer, sondern auch aus finanzieller Sicht lohnt.

Bei der Autonomen Wohnfabrik läuft das konkret so: Wenn ihr euch dazu entscheidet, dem Projekt finanziell unter die Arme zu greifen, könnt ihr einen Kredit von 500 Euro aufwärts (unter 500 Euro lohnt sich der Verwaltungsaufwand leider nicht) gewähren, mit 0 bis 2% Zinsen. Für die bessere Planbarkeit solltet ihr auch die ungefähre Laufzeit – also wie lange ihr das Geld der Wohnfabrik zur Verfügung stellen könnt/wollt – angeben. Allerdings könnt ihr euch das Geld unter Einhaltung einer drei- bis sechsmonatigen Frist jederzeit wieder auszahlen lassen.

Wir freuen uns schon wahnsinnig, wenn die Wohnfabrik ihre Türen öffnet und es wieder einen neuen Raum für spannende Projekte oder einfach nur gemütlich gemeinsam Kaffeetrinken gibt!

Eva Maria Kubin

Wahlsalzburgerin, über schöne nahe und ferne Umwege immer wieder hier gelandet. Bleibt einstweilen. Sprachbegeistert und vor allem anglophil. Mit Hang(out) zum Radio.