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Aus dem Magazin

Selbstversuch: Wir haben die Straßenzeitung Apropos verkauft

Wir haben für einen Tag die Plätze mit den apropos-Verkäufern getauscht.

In Salzburg kennt man sie: die Straßenzeitung apropos und ihre Verkäufer. Wir haben für einen Tag die Plätze mit den Verkäufern getauscht und ausprobiert, was es heißt, Straßenzeitungen in Salzburg zu verkaufen. Ein Erfahrungsbericht.

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Georg.

„Abstürzen kann jeder. wenn das apropos nur einem einzigen hilft, auf die beine zu kommen, hat es sich schon ausgezahlt.“

„Wie bist du zur apropos gekommen?“ Diese Frage, sagt Georg, bekommt man als Straßenverkäufer oft zu hören. Seit acht Jahren ist Georg bei apropos, anfangs als Verkäufer. Jetzt betreibt er zusätzlich viel Aufklärungsarbeit in Schulen und Kindergärten. Er sei aber kein G’studierter, sondern erzähle einfach seine Geschichte. Die geht in etwa so: viel getrunken, lange Zeit auf der Straße gelebt. Dann einen Raubüberfall verübt. Sieben Jahre Haft im Hochsicherheitstrakt. Freigekommen, seine jetzige Frau wiedergesehen, die ihn schließlich zur apropos gebracht hat. Neu angefangen.

Unsere Geschichte beginnt genau jetzt.

Georg schult uns ein. Sagt, dass man als apropos-Verkäufer niemals bettelt. Dass man Ausweise bekommt mit großen Ziffern drauf. Das sind die Verkäufernummern. Es sei auch schon einmal vorgekommen, dass ein apropos-Verkäufer seinen Ausweis wieder verloren habe, weil er „einen Scheiß“ gedreht hat. Da sei der Vertriebsleiter streng. Schließlich geht es um den Ruf aller.

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Die Zeitung wird von den Verkäufern um 1,25 Euro eingekauft und um 2,50 Euro verkauft. Weil man Busfahrten oder Benzin miteinrechnen muss, gibt es für die Verkäufer zehn Prozent Rabatt auf den Zeitungseinkauf – kauft man zehn Zeitungen, ist eine davon gratis. Hinter der apropos steckt ein schlaues System.

Unser Revier ist die Linzergasse.

Wir dürfen die Linzergasse auf und ab gehen, aber nicht im Umkreis von 200 Metern bei einem anderen Verkäufer stehenbleiben. Bei apropos gibt es keine festgelegten Plätze, was gut ist. So wird niemand automatisch auf einen schlechten Platz verbannt und verdient weniger, als der andere. Georg hat viele Stammkäufer, die bei ihm die Zeitung beziehen. Wir werden bald verstehen, warum Stammkäufer wichtig sind.

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So ist es uns ergangen.

Sie.

Man wird ein bisschen kleinlaut. Das Promo-Mädchen-Grinsen, das man sich beim Flyerverteilen in der Unizeit antrainiert hat, versiegt zum ersten Mal, als ich einen Ex-Arbeitskollegen vorbeigehen sehe, mit dem ich keinen Kontakt mehr habe. Sofort erkennt er mich, Blicke sagen mehr als tausend Worte, er wendet seinen schnell wieder ab. Ich merke, wie mir das Blut in den Kopf schießt.

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Von da an frage ich die Passanten leiser, ob sie die Novemberausgabe vom apropos schon haben. Viele sagen Danke. Ich sage Bitte. Manche grunzen regelrecht. Nicht schon wieder so ein Bettler. Einer bleibt stehen und gibt mir einen Euro, als Spende. Ich bedanke mich.

Er.

Bekannte von mir gehen vorbei, sie kommen nicht einmal zu mir, sondern schreien aus der Ferne, was ich da mache. Ich brülle zurück. Die Bekannten gehen weiter und wünschen viel Spaß beim „Abenteuer“. Dann bin ich wieder Luft für alle. Irgendwann kommt Georg vorbei und motiviert mich. Mit der Zeit bekomme man ein Stammklientel, ab dann werde es leichter.

Sie.

“Was duat so ein junges Mädel auf der Straße?”

Hinter mir öffnet sich die Tür eines Wohnhauses, ein älterer Mann tritt mit einem Besen heraus und beginnt genau da, wo ich stehe, Laub wegzukehren. Ich gehe einige Schritte zur Seite. Er fragt mich, was ich da mache. Und wie so ein junges Mädel dazukommt, auf der Straße Zeitungen zu verkaufen. Er bietet mir gleich einen Job an, in seiner Fleischerei. Die sei zwar in Oberösterreich, aber das wäre kein Problem, oder?
Damit habe ich nicht gerechnet.

Er.

Auf mich kommt ein Verkäufer einer anderen Straßenzeitung zu. Und fragt, ob ich meinem Chef ausrichten kann, dass er seinen Ausweis bitte wieder haben möchte. Offenbar einer von denen, die einen Scheiß gedreht haben. Ich versuche mir, seinen Namen zu merken. Versprechen kann ich nichts.

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Sie.

Georg hat gesagt, dass die Salzburger ur-sozial sind. Ich glaube ihm. Als Mädel hat man es auf jeden Fall leichter, glaube ich halt. Im Gegensatz zu meinem Kollegen haben mir ein paar Männer, die mich wahrscheinlich ganz bemitleidenswert lieb gefunden haben, einige wenige Zeitungen abgekauft.

Er.

Mir ist das alles ein bisschen unangenehm. Ich meine, ich bin generell ein bisschen schüchtern. Man kriegt bestimmt eine dicke Haut, wenn man länger auf der Straße steht. Auf der anderen Seite ist es auch unspektakulär. Niemand schreit, niemand motzt. Alle bleiben freundlich. Ein paar Blicke habe ich zugeworfen bekommen, aber nix gravierendes. Vielleicht hat Georg recht, wenn er sagt, dass die Salzburger eigentlich gern helfen. Ein junger Mann kauft mir eine Zeitung ab, ich bin ihm unglaublich dankbar. Zeigen kann ich es nicht.

Sie.

Gelernt habe ich, dass es widersinnig ist, wenn man einem apropos-Verkäufer Spenden gibt, aber keine Zeitung abkauft. Man bestiehlt ihn damit um seine Arbeit. Weil das ist, was er tut: verkaufen. Deswegen steht auf der Zeitung ein Preis. apropos-Verkäufer sind keine Bettler.

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Nachdem wir ausverkauft sind, laden wir Georg auf einen Kaffee ein. Quatschen mit ihm über das, was wir gerade erlebt haben. Und er erzählt Geschichten. Vieles davon so privat, dass wir hier keinen Platz dafür finden. Wir sind beeindruckt ob seiner Ehrlichkeit und seinem tiefen Wunsch, sein Schicksal zu teilen. Mit Kindergartenkindern und Taferlklasslern, die bald merken, dass der Straßenverkauf kein Honigschlecken ist.

Was Georg ärgert? Weihnachtsdeko im Oktober.

Georg wirkt glücklich. Mit seiner Frau lebt er in einer Wohnung in Salzburg. Das Wohnen an sich hat er nach den vielen Jahren auf der Straße wieder lernen müssen. Er ist aber dankbar, dass sie ihn vor acht Jahren zur apropos gebracht hat. Er habe aus seinen Fehlern gelernt, denkt viel darüber nach, was geschehen ist. Ihn ärgert nichts mehr so leicht – außer Weihnachtsdekoration im Oktober. Aber damit kann er leben. Wir bedanken uns aus vollem Herzen dafür, dass wir einen Blick auf sein Leben werfen durften. Und er hat zwei Stammkäufer mehr.

Post Skriptum.
Die apropos-Verkäufer schreiben viele der erscheinenden Artikel selbst. Sie werden dabei von einem Paar talentierter Journalistinnen unterstützt. Mit soviel Power entstehen dann auch wunderschöne Werke, wie Kochbücher oder längere Geschichten in Form von Straßenbüchern. 

Eva Krallinger-Gruber

Eva ist eine richtige Ex-Exil-Salzburgerin. Frankreich, USA, Schweiz – aber nirgends ist es wie zuhause. Journalismus, Marketing (Kosmetik und dann Bier) und eigentlich redet sie auch ganz gern.