Waschbrettbauch vor dem Badezimmerspiegel. Swipe.
Vermummter Bergsteiger unterm Gipfelkreuz. Swipe.
Surfer. Swipe.
Mann mit Frau. Swipe.
Mann mit Kind. Swipe.
Red-Bull-Trinker. Swipe.
Golf-Prolo. Swipe.

Ich bin ganz schön anspruchsvoll, vielleicht ganz tief in mir drinnen auch ein kleines bisschen rassistisch (auch wenn ich das nie zugeben würde), aber vor allem eines: oberflächlich. Aber wer wäre das nicht, wenn man täglich eine Auswahl an (potentiellen) Singles hat und binnen Sekunden entscheiden muss, ob man in Kontakt treten wollen würde oder nicht. Wäre ich nur aufs Ficken aus, wäre es einfacher, aber da wär ich als Frau sowieso nicht auf Tinder unterwegs. Da ginge ich in eine Bar und sähe mir den Pool an Kandidaten in freier Wildbahn an. Anquatschen, mit nach Hause nehmen. Ich will aber mehr.

„Gott, war das peinlich, den Ex wegzuwischen!“
Außerdem schadet es dem Ruf, Typen in aller Öffentlichkeit abzuschleppen. Da verstehe ich schon, dass man das lieber „geheim“ macht, auf Tinder eben. Doch so geheim ist das ja nicht. Jeder, den ich sehe, sieht mich auch. Gott war das peinlich, meinen Ex wegzuwischen! Aber peinlicher für ihn eigentlich. Er gibt sich als fünf Jahre älter aus, als er ist und hat nicht mal genug Mut, seine Visage voll abzubilden. Swipe. Peinlich ist es auch, Kollegen oder Mitstudenten anzutreffen. Swipe. Und vergessen, dass die mich jetzt wohl für ein läufiges Sexmonster halten. Manchmal sieht man auch Typen, von denen man weiß, dass sie in einer Beziehung sind. Screenshot. Swipe. Und in der Whatsapp-Gruppe posten.

„Einhörner nenne ich Männer, die nicht dem gängigen Ficker-Klischee entsprechen.“
Dabei ist Tinder einfach eine alternative Option für schüchterne Mauerblümchen wie mich, umstandslos jemanden aus sicherer Distanz kennen zu lernen. Nach einigen Malen Hin- und Herschreiben weiß man für gewöhnlich schnell, ob man für den anderen nur aus Vagina und Brüsten besteht. Naja, nicht immer. Auch ich bin schon „gefickt und weitergeschickt“ worden. War wohl zu enthusiastisch und begeistert und völlig überwältigt davon, dass man tatsächlich einen anständigen Typen auf Tinder kennen lernen kann! Doch Einhörner sind hier selten. Einhörner nenne ich Männer, die nicht dem gängigen Ficker-Klischee entsprechen, etwas auf dem Kasten haben, sich für mehr als ihren Bizeps interessieren und in ihrer Selbstbeschreibung unterm Bildchen mehr stehen haben als „Frag doch einfach!“ oder „Lebe deine Träume!“

5 Minuten über der Türschwelle hatten wir uns die Kleider vom Leib gerissen und den ganzen Tag gevögelt.

Der erste Tinder-Mann, mit dem ich mich getroffen habe, war nach verdächtig kurzer Zeit schon Feuer und Flamme und hat mir das Blaue vom Himmel erzählt. Er verliebe sich gerade in mich, obwohl er mich noch nie gesehen hatte. Doch unsere Chemie und vor allem intensives Sexting, haben mich neugierig gemacht. 5 Minuten über der Türschwelle hatten wir uns die Kleider vom Leib gerissen und den ganzen Tag gevögelt. Sex war gut, Typ war kacke. Oder seine wieder in sein Leben getretene Ex, für die er mich drei Tage später abservierte…. Was soll man da glauben?

Schon nach dem ersten Tinder-Sex hatte ich mir geschworen, nie wieder in diesen versifften und fadenscheinigen Teil des Äthers vorzudringen und mir einen anständigen Kerl im real life zu suchen. Nach einem frustrierenden Intermezzo mit zuvor erwähntem Ex-Freund landete ich nach einem Jahr wieder im Äther, wollte diesmal alles anders machen. Nur mehr Typen herzeln, die nicht bedrohend gut aussahen, aber auch nicht hässlich waren, einfach „normal“ halt. Typen mit nettem Lächeln und warmherzigen Augen. Mit vielfältigen Hobbies, interessanten Jobs, einer gesunden Lebenseinstellung, kompatiblen Interessen und dem Willen, die Welt zu verbessern. Einhörner eben.

„Frag doch einfach!“

Und doch schwindelte sich da wieder so ein eitler Sportler rein, der nicht mehr über sich zu sagen hatte, als „Frag doch einfach!“ Da hab ich wohl nur mit meiner Libido geherzelt. Wir hatten in kurzer Zeit viele Dates und obwohl wir beide sehr unterschiedliche Prioritäten im Leben hatten, wollte ich ihn weiterhin treffen, um zu sehen was sich daraus entwickelt. Und Ficken. (Sein Arsch war grandios.) Doch hinterher Ernüchterung: Es habe nicht gefunkt. Weiß ich doch, ich war ja dabei.

Die große Liebe in Salzburg findenMan könnte mir natürlich vorwerfen, wenn ich eine Beziehung haben wollte, hätte ich nicht so früh mit den beiden schlafen sollen. Ich hätte mich rar machen und aufsparen sollen, damit sie dafür arbeiten müssen und es als wertvoll erachten, mit mir schlafen zu dürfen. Aber wir haben doch nicht 1958! Für mich war die Entscheidung, mit ihnen Sex zu haben eine logische Konsequenz.

1.) Man will ja nicht die Katze im Sack kaufen. Wenn man sich erst verliebt und der Sex dann mies ist (z.B. wegen inkompatibler Geschlechtsteile oder Vorlieben), ist es schwieriger einen Rückzieher zu machen als zunächst das Wasser zu testen, bevor man kopfüber reinspringt.

2.) Das ist der einfachste und zuverlässigste Test um zu sehen, ob er es ernst meint. Wenn der Typ nach dem Sex immer noch Interesse hat und mit einem quatschen will, dann stehen die Chancen gut, ein Einhorn gefunden zu haben.

Tinder ist KEIN Ort für romantische Begegnungen.

Die Quintessenz aus diesen Erfahrungen? Auf Tinder findet man NICHT die große Liebe. Tinder ist KEIN Ort für romantische Begegnungen. Du bist NICHT die große Ausnahme von der Regel. Spring über deinen Schatten, versteck’ dich nicht hinter deinem Smartphone-Bildschirm. Bringt nix!

Dieser Artikel erschien zum ersten Mal in der Uni:Press #683