Hebamme
Frechdachs Schwerpunkt

Von Beruf Hebamme: “Die größte Sorge von allen Erstgebärenden ist, sie könnten zu spät ins Krankenhaus kommen.”

Eine Hebamme erzählt von ihrem erlebnisreichen Arbeitsalltag im Kreißsaal.

Seit sieben Jahren arbeitet Anna Ferner als Hebamme in Salzburg. Wir haben mit ihr über Geburtsmythen, Generationenunterschiede und über Gewalterfahrungen im Kreißsaal gesprochen.

Warum hast du dich entschieden, Hebamme zu werden?

Ich habe mir schon als Kind überlegt, Hebamme zu werden, es dann aber verworfen und stattdessen in Salzburg Politikwissenschaft studiert. Daneben habe ich auch ein paar Jus-Vorlesungen gemacht. Als es dann ans Fertigwerden gegangen ist, habe ich aber immer öfter gezweifelt, dass ich damit auch wirklich glücklich werde. Und so bin ich dann auf meinen ursprünglichen Wunsch zurückgekommen. Allerdings habe ich mir das schon sehr gut überlegt, weil ich zu diesem Zeitpunkt ja schon am Fertigwerden war. Ich habe dann mehrere Nachbetreuungshebammen bei ihrer Arbeit begleitet und hatte das große Glück, auch im Krankenhaus hospitieren zu dürfen. Als ich dann bei meiner ersten Geburt dabei war, war klar: Das will ich machen. Ich habe mich dann in ganz Österreich für das Hebammenstudium beworben und letztlich ist es Linz geworden.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich aus?

Ich mache sehr viele Nachtdienste, weil ich selbst ein kleines Kind zuhause habe. Also schaut der Tag meistens so aus, dass ich mein Kind in den Kindergarten bringe und dann ein bisschen Me-Time mache – Laufen oder Yoga oder was mir gerade Spaß macht. Dann esse ich etwas und lege mich ein bisschen hin. Danach holen mein Mann oder ich unser Kind ab und ich verbringe noch ein bisschen Zeit mit ihm. Um 19 Uhr gehe ich in den Dienst und schaue, was in den nächsten zwölf Stunden auf mich zukommt.

Wie planbar ist der Alltag im Kreißsaal?

Es kommt, wie es kommt. Natürlich haben wir eine Übergabe, bei der die Kreißsäle besprochen werden und wir uns im Team aufteilen. Aber wie viele Geburten an einem Tag wirklich stattfinden, lässt sich natürlich nie genau sagen.

Wie viele sind es im Durchschnitt?

Insgesamt haben wir im Haus knapp 2.800 Geburten im Jahr, also im Schnitt sieben bis acht pro Tag. Das verteilt sich über Tag und Nacht recht gleichmäßig, wobei man tagsüber auch die geplanten Kaiserschnitte hat. Also sind es tagsüber vielleicht doch ein bisschen mehr als in der Nacht.

Seid ihr als Hebammen bei Kaiserschnitten auch im Einsatz?

Ja, absolut. Wir haben in Österreich eine Beiziehungspflicht. Das bedeutet, bei jeder Geburt muss eine Hebamme anwesend sein. Das gilt auch beim Kaiserschnitt. Wir machen die Vorbereitung, wir begleiten die Frauen in den OP, wir nehmen das Kind an, wenn es aus dem Bauch kommt und versorgen es. Danach bringen wir das Kind wieder in den Aufwachraum zum Stillen.

Und welche Tipps hast du für werdende Mütter?

Bei der ersten Schwangerschaft ist ein Geburtsvorbereitungskurs echt von Vorteil, weil man da ganz kompakt von einer Fachperson die wichtigsten Informationen bekommt. Ich würde allen dazu raten, zu einer Hebamme in den Vorbereitungskurs zu gehen, weil Hebammen das Fachwissen haben, aber auch die emotionale Komponente mitbringen. Ein weiterer Tipp ist, sich rechtzeitig eine Hebamme für die Nachbetreuung zuhause zu organisieren. Gerade beim ersten Kind ist das kein Luxus, ganz im Gegenteil. Man hat in diesen ersten Wochen viele Fragen, man braucht jemanden, der sich auskennt. Jede Frau hat in Österreich den Anspruch auf diese Leistung und ich rate allen, diesen auch in Anspruch zu nehmen.

Ein weiterer Tipp ist, sich rechtzeitig eine Hebamme für die Nachbetreuung zuhause zu organisieren.

Man hört aber immer wieder, dass es sehr schwer ist, freie Hebammen für die Nachsorge zu finden.

Das ist definitiv ausbaufähig. Vor allem, wenn man eine Hebamme mit Kassenvertrag sucht, ist das Angebot von vornherein geringer. Viele freiberufliche Hebammen arbeiten wie ein Privatarzt, das heißt, man bekommt eine Rechnung, reicht diese dann ein und bekommt 80 Prozent vom Kassentarif retour. Achtung: Nicht vom Rechnungsbetrag, sondern vom Kassentarif. Leider scheint in der Statistik nicht auf, wie viele Frauen das Angebot gerne annehmen würden, aber daran scheitern, weil sie keine Hebamme finden, vielleicht fünf Hebammen angerufen haben und dann bei der sechsten aufgeben. Deshalb mein Tipp an alle Erstgebärenden: Bitte früh genug mit der Suche anfangen!

Bedeutet das, wir haben einen Hebammenmangel in Österreich?

Ich bin jedenfalls der Meinung, wir müssten die Studienplätze ausbauen, das steht für mich fest. Vor allem auch, weil ich sehe, dass in den nächsten zehn Jahren ein Drittel der Salzburger Hebammen in Pension gehen wird. Da brauchen wir einfach viele Junge nach. In anderen Bundesländern wird auch schon reagiert, beispielsweise in Wien: In drei Jahren bilden die 180 Hebammen aus. Zum Vergleich: In diesem Zeitraum sind es in Salzburg 24.

In Wien bildet man in drei Jahren 180 Hebammen aus. Zum Vergleich: In diesem Zeitraum sind es in Salzburg 24.

Es steht also auch bei den Hebammen ein Generationenwechsel an. Wie sehr hat sich das Gebären im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert?

Ich denke, ein Respekt vor diesem Prozess, vor diesem Menschen, der ist nicht neu erfunden worden. Ein Stück weit hilft es vielleicht, dass viele Frauen sich heute mehr als früher trauen, für sich einzustehen und auch mal eine zweite Meinung einzuholen. Und den Gott in Weiß von früher, den gibt es heute auch nicht mehr in der Form.

Leider liest und hört man aber immer noch von Gewalt bei der Geburt. Frauen berichten von traumatisierenden Erfahrungen im Kreißsaal. Wie geht es dir, wenn du diese Dinge hörst?

Ich kenne diese Berichte und sie erschüttern mich zutiefst. Als Mensch, als Frau und als Hebamme. Es ist extrem traurig, wenn jemand im Verlauf der Geburt nicht respektiert wird oder sich nicht wahrgenommen fühlt.

Wie begegnet ihr als Hebammen diesem Problem?

Die Antwort darauf fällt jetzt ein wenig länger aus, weil man hier einige Dinge auseinanderhalten muss. Zuerst einmal muss man wissen, dass die Geburt ein Prozess ist, in dem jede Frau ein Stück weit die Kontrolle über ihren Körper aufgibt. Ich kann im Laufe dieses Prozesses viel selbst gestalten, aber ein Stück weit habe ich die Dinge nicht in der Hand. Ich kann nicht kontrollieren, ob die Geburt schnell oder langsam geht, ich kann nicht kontrollieren, wie die Schmerzen sich individuell für mich anfühlen. Und dann kommt die persönliche Vorgeschichte dazu. Man muss zum Beispiel bedenken, dass es Frauen gibt, die einen Missbrauch erlebt haben, der nie aufgearbeitet wurde. All diese Dinge muss man als Hebamme im Hinterkopf haben, wenn man eine Frau betreut. Da wäre natürlich eine Eins-zu-eins-Betreuung wünschenswert, bei der jede Hebamme nur eine Frau betreut und vielleicht sogar die Vorgeschichte kennt. Und dann gibt es natürlich auch Notfallsituation in der Geburtshilfe, in denen nicht viel Zeit ist etwas zu erklären. In diesen Fällen ist die Kommunikation im Nachgang umso wichtiger.

Wie werden diese Probleme in Fachkreisen behandelt? Ist das überhaupt Thema?

Das ist absolut ein Thema. Es gibt beispielsweise die Initiative Roses Revolution, die sich für Frauen einsetzt, denen Gewalt in der Geburtshilfe widerfahren ist. Und natürlich ist das für uns Hebammen Teil unserer Ausbildung und Weiterbildung. Ich wünsche mir, dass viele dieser Dinge, mit denen Frauen ein ganzes Leben lang zu kämpfen haben, heute im Kreißsaal nicht mehr vorkommen.

Wie gehst du mit Notfallsituationen im Kreißsaal um?

Das wichtigste sind klare Hierarchien im Team und klare Worte, damit alle im Raum wissen, was Sache ist. Und dann geht es darum, den Frauen Vertrauen zu vermitteln, dass wir das können. Dann muss einfach jeder Handgriff sitzen. Ich erlebe mich in solchen Situationen als sehr geradlinig, da rattert es dann richtig im Hirn. Habe ich das erledigt? Was brauche ich noch? Erst später spürt man dann das Adrenalin.

Dennoch wird es irgendwann zu Situationen kommen, wo etwas schiefgeht. Wie geht man als Hebamme damit um?

Natürlich gibt es auch in der Geburtshilfe Situationen, die einem wahnsinnig nahegehen. Ich finde am wichtigsten sind da die Kolleg*innen, mit denen man es nachbesprechen kann. Natürlich gibt es auch Supervision, aber man braucht eigentlich unmittelbar jemanden, der die Situation versteht, dem ich nichts erklären muss. Dem ich einfach sagen kann, was passiert ist. Das sind einfach die Kolleginnen und Kollegen, Hebammen und Ärzt*innen.

Fast alle Hebammen sind Frauen. Können Männer diesen Beruf grundsätzlich genauso gut ausüben?

Ich denke, der Hebammenberuf ist so entstanden, dass Frauen, die bereits ein Kind geboren haben, anderen Frauen dabei geholfen haben. Also war es historisch sicher etwas Weibliches. Andererseits gibt es ganz hervorragende Gynäkologen, warum sollte es nicht auch hervorragende männliche Hebammen geben? Wobei es in Österreich nicht einmal ein richtiges Wort dafür gibt, Entbindungspfleger stimmt ja nicht. Man ist so viel mehr. Aber ja: Ich kann mir absolut vorstellen, dass auch ein Mann den Job machen kann. Allerdings spricht der Job einfach viel mehr Frauen an, das zeigen schon die Bewerbungen für die Studienplätze.

Was ist der häufigste Irrtum von Erstgebärenden im Hinblick auf die Geburt?

Die größte Sorge von allen Erstgebärenden ist, sie könnten zu spät in Krankenhaus kommen. Aber darüber braucht man sich wirklich keine Sorgen machen. Das ist ein Mythos. Wenn es wirklich losgeht, dann weiß man es.

Nach der Geburt ist vor dem Stillen. Was sagst du Frauen, bei denen es mit dem Stillen nicht klappt.

Ich finde ich es schade, wenn Frauen, die gerne stillen möchten, „unnötig“ abstillen, weil man ihnen nicht gezeigt hat, wie man das Baby richtig anlegt oder weil sie nicht wissen, wie sie mit Startschwierigkeiten umgehen sollen. Da sind der Geburtsvorbereitungskurs und die Hebammennachsorge sehr wichtig. Ich bin aber nicht dogmatisch. Wenn eine Frau abstillen möchte, dann kann sie das selbstverständlich selbst entscheiden, sie braucht dafür keine Absolution, auch nicht von der Hebamme oder Stillberaterin. Entscheidend ist in jedem Fall, dass das Füttern mit viel Zuwendung gemacht wird.

Kennt ihr schon unseren Artikel zum Thema Stillen? Wir haben ihn euch hier verlinkt.

Welche Rolle spielt der oder die Partner*in im Kreißsaal?

Mittlerweile ist es fast selbstverständlich, dass die Partner*innen dabei sind. Wichtig ist, dass ihnen bewusst ist: sie sind zur Unterstützung da! Dass es nicht um sie und ihr Erlebnis geht, sondern darum, dass die Frau unterstützt wird. Dass sie da dabei sein dürfen, weil ihre Frau sie dazu einlädt. Diese Wertschätzung halte ich für ganz wichtig. Ganz entscheidend ist auch, dass der/die Partner*in Vertrauen in die Gebärende hat und ihr das auch zeigt. Ganz schlimm finde ich, wenn Partner*innen sagen: „Meine Frau kann das nicht, meine Frau schafft das nicht.“ Wenn eine Frau das die ganze Zeit von ihrer Vertrauensperson hört, dann hilft das nicht gerade.

Kurioses Thema: Es soll Menschen geben, die auf der Plazenta nach der Geburt einen Baum pflanzen wollen oder sie sogar essen. Hast du so etwas schon erlebt?

Also, dass jemand eine ganze Plazenta mitgenommen hat, aus welchem Grund auch immer, das habe ich noch nicht erlebt. Manche wollen Globuli machen. Die haben dann ihr fix fertiges Kitt mit und schneiden dann ein Stück ab. Aber direkt im Kreißsaal gegessen hätte sie jetzt noch keiner. (lacht)

Ist der Perfektionsanspruch von werdenden Eltern an sich selbst und an das Kind größer geworden in den letzten Jahren?

Ja, definitiv. Das fängt schon bei der Pränataldiagnostik an, also dass ich nur ein Kind bekomme, das zu hundert Prozent gesund ist. Ab dann gibt es überall Idealbilder: die ideale Mama, den idealen Papa. Ich möchte Mütter und Familien ermutigen, zu hinterfragen: Passt das für mich? Passt das für uns? Wie wollen wir es haben? Und, dass man einfach akzeptiert, dass es eben nie perfekt läuft, weil du deinem eigenen Ideal nie gerecht wirst. Du bist auch mal eine grantige Mama, du bist auch mal eine müde Mama. Also ich bin weder für die totale Aufopferung und ich finde es umgekehrt auch schade, wenn Kinder nur mehr als Belastung dargestellt werden, als Karrierekiller und Schlafvernichter. Ich finde es wichtig, dass man seinen eigenen Weg findet, egal, was die Außenwelt vielleicht verlangt. Weil: Ideale gibt es so viele.

Und die meisten kann man ohnehin nicht erfüllen …

Weil sie sich gegenseitig auch ausschließen. Also wie du es machst, machst du es bestimmt für irgendjemanden in deinem Bekannten-, Freundes- und Familienkreis falsch. Ich wünsche mir da mehr Solidarität, auch unter den Frauen. Weil da heißt es ja auch oft: Was, du bleibst daheim? Was, du gehst schon wieder arbeiten? Da brauchen frisch gebackene Eltern viel Selbstvertrauen.

Matthias Gruber

Hat studiert, als man in der Uni noch rauchen durfte und macht seitdem immer irgendwas mit Medien. Bei Fräulein Flora hat er endlich einen Arbeitsplatz gefunden, an dem er sich nicht täglich heulend im Klo einsperren möchte. Und bleibt deshalb noch ein bisschen.

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