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Aus dem Magazin

Verwirklichen wir uns zu Tode?

Für immer mehr junge Menschen geht es im Job vor allem um Selbstverwirklichung. Unser Autor hat der neuen Lust am Arbeiten nachgespürt!

Wenn Josef – den sie im Dorf den Wurschtbauer nennen – von seinem Leben erzählt, beginnt er immer bei einer Geschichte aus seiner Jugend: Weil sein Vater im Krieg gefallen war, musste er schon als 14-jähriger den Hof übernehmen. Um die zehn jüngeren Geschwister irgendwie über die Runden zu bekommen, half der junge Bauer nach der Arbeit im Stall auch beim Bau der Straße. Eines Abends in der Stube habe er beim Anblick seiner bis aufs Blut aufgeschundenen Hände zu weinen begonnen: vor lauter Schmerz, Verzweiflung und Erschöpfung. Zumindest erzählt er es so, wenn er mit den anderen Altbauern des Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin, zusammensitzt.

In vielerlei Hinsicht ist Josefs Geschichte eine Parade-Erzählung der Nachkriegszeit: Nicht nur die harte Arbeit in den Jahren nach dem Krieg, sondern auch das, was darauf folgte: Irgendwann kam der Aufschwung. Die Schulden wurden zurückbezahlt, der Hof erweitert, die Kinder konnten sogar das Gymnasium besuchen. Wer dem alten, freundlichen Mann mit der heiseren Stimme zuhört, vernimmt bescheidenen Stolz: darauf, dass er für sich und seine Familie etwas aufgebaut hat. Nur auf eine Frage weiß der Wurschtbauer keine Antwort: ob er mit seinem Leben gerne etwas anderes gemacht hätte. Ganz so, als habe er darüber noch nie nachgedacht.

Als der Beruf zur Berufung wurde

Warum hätte er auch? Das Streben nach Selbstverwirklichung ist in der Berufswelt ein relativ junges Phänomen. Zumindest behauptet das die Historikerin Sabine Donauer in ihrem Buch Faktor Freude. Ihre These: Während Erwerbsarbeit noch vor 100 Jahren in erster Linie das Überleben sichern sollte, spielt heute das positive Gefühl zur eigenen Arbeit eine immer wichtigere Rolle. Oder anders gesagt: Während unsere Großväter in mal mehr, mal weniger ungeliebten Betrieben schufteten, damit es ihre Nachfahren besser haben sollten, suchen ihre Enkelkinder in Agenturen und Co-Woking Lofts vor allem nach einer Beschäftigung, die ihrem Ego gut tut.

Vertreter dieser neuen Lust am Arbeiten findet man längst nicht mehr nur in der Kunst und Kreativbranche: Immer mehr Menschen jobben untertags als Kellner, um nebenbei an ihrer Gesangskarriere zu basteln, oder verdienen sich als Verkäufer in Modegeschäften, um irgendwann mit dem eigenen Instagram-Channel groß rauszukommen. Immobilienmakler führen untertags junge Paare durch Miet-Wohnungen und arbeiten abends an ihrem Start-Up im Internet. Wer nach dem Warum fragt, erhält meist die selbe Antwort: Es gehe darum, etwas zu tun, das Freude bereitet und das Sinn hat. Manche finden diese Berufung in ihren Day-Jobs. Für andere beginnt die Verwirklichung erst nach der Erwerbsarbeit. Doch anders als bei den altbekannten Hobbies unserer Väter und Großväter wünschen auch sie sich, irgendwann von ihrem Traum leben zu können.

„Do what you love!“ kann richtig herum ausgesprochen auch eine Drohung sein.

Beispiele für diese Sinnsuche im Beruf gibt es in jedem Freundeskreis. Da wäre zum Beispiel Eva, die schon als Kind Journalistin werden wollte. Heute ist sie fast dreißig. Als selbständige Texterin füllt sie Flugblätter mit Hundefutter-Reklame. Nebenbei schreibt sie für Zeitschriften und Magazine. Hier eine Reportage, dort ein Feature, sooft neben dem Hundefutter Zeit dafür bleibt. 1.200 Euro nimmt sie so am Ende des Monats mit nach Hause – und das Wissen, ihren Traum zu leben, zumindest ein Stück weit.

Ein anderes Beispiel ist Tom. Er hat das Streben nach Selbstverwirklichung aus dem Dayjob in die Freizeit verlagert: Als Verkäufer jobbt er in einem Geschäft für Musikinstrumente, doch seine Leidenschaft und die erarbeiteten Euro fließen in die Miete für den Proberaum, in teure Gitarrenverstärker und selbstorganisierte Tourneen. Sein Studium hat er nach dem sechsten Semester geschmissen, um sich voll und ganz der Musik zu widmen.

Schöne neue Arbeitswelt?

Auf den ersten Blick ist das zunehmende Bedürfnis nach Emotionen und Sinn in der Arbeit eine positive Entwicklung: Gibt es etwas besseres, als Texter, die für ein bisschen Facebook-Fame hochkarätige Reportagen zum Nulltarif schreiben? Wer freut sich nicht über Angestellte, die vor lauter Spaß an der Arbeit vergessen, ihre Überstunden aufzuschreiben? In den Hauptquartieren von Google und Facebook entstehen kreative Spielplätze für Erwachsene, an denen Arbeit und Freizeit ineinander fließen. wer möchte bei so viel Selbstverwirklichung im Job überhaupt noch nach Hause gehen?

Doch wer genauer hinhört, wenn Eva oder Tom bei einem Bier zusammensitzen, erfährt auch von Selbstausbeutung, Leben am Rande des Existenzminimums und steigender Erschöpfung. „Wenn ich die Kohle, die ich in den letzten Jahren in meine Musik gesteckt habe, gespart hätte, dann hätte ich jetzt eine Wohnung und kein Zimmer in einer WG“, erzählt Tom, wenn man ihn fragt, ob er es heute anders machen würde. Bei Eva hört es sich nicht viel anders an: „Meine Werbe-Texterei war Anfangs ein Mittel zum Zweck, damit ich tun kann, was ich will. Aber jetzt ist es meine Hauptarbeit, weil ich irgendwie an Geld kommen muss. Richtig schreiben tu ich eigentlich gar nicht mehr“, erzählt Eva und verrät ihren geheimen Plan B, den sie sich für ihr Seelenheil zurecht gelegt hat: „Wenn das alles nichts wird, würd ich etwas machen, bei dem ich einfach nicht nachdenken muss. Einfach von 9-16 Uhr in irgendeinem blöden Büro sitzen und dann heimgehen. Wie meine Eltern halt.“

“Wir müssen die Art und Weise verändern, wie wir über Arbeit nachdenken!”

So ist die berufliche Selbstverwirklichung für viele Millenials ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite der Wunsch nach einem Beruf, der mehr ist, als bloßer Broterwerb. Auf der anderen Seite die Risiken, die abverlangt werden und für die letztlich niemand einsteht, als sie selbst: Chronisch unterfinanziert, chronisch überarbeitet und immer in der Gedahr, dass das Pferd auf das sie setzen – ihr Selbst nämlich – am Ende doch nicht die Nase vorne hat. Der Satz „Do what you love!“ kann richtig herum ausgesprochen auch eine Drohung sein.

In diesem schwierigen Spagat liegt eine der großen Herausforderung moderner Arbeitswelten: Für Österreichs Arbeitgeber und die Gesellschaft als Ganzes ist es ein Gewinn, wenn Menschen aus eigenem Antrieb ihre Ressourcen erweitern, sich auf eigene Rechnung in neue Felder vorwagen und in ihre Träume investieren. Was fehlt, sind Mechanismen, die damit verbundene individuelle Risiken abfangen. Eine für viele unangenehme Debatte des bedinungslosen Grundeinkommens zielte etwa in diese Richtung. Damit sie unter den richtigen Vorzeichen stattfindet, müssen wir jedoch erst einmal anerkennen, dass sich die Form wie wir arbeiten und wie wir über unsere eigene Arbeit nachdenken, grundlegend verändert hat.

Matthias Gruber

Matthias Gruber ist ein Ur-Salzburger, der auszog, um Italien und Wien zu erobern. Gern ist er wieder zurückgekommen und macht für das Fräulein Flora wunderschöne Fotos der “Nicht-Nur-Mozartstadt”, die von witzigen Texten begleitet werden.