Foto: Johannes Müller
Aus dem Magazin

Urlaub vom Frieden

Der deutsche Fotograf Johannes Müller reist in seiner Freizeit in Kriegsgebiete, um dort zu fotografieren. Bilder, die verstören – aber auch Grund zur Hoffnung geben.

Text: Sinah Edhofer, Fotos: Johannes Müller

Johannes Müller hat schon viel von der Welt gesehen. Aber er macht nicht die Art von Reisen, die man jetzt vielleicht im Sinn hat. Sämtliche Länder, die er bereist, haben nämlich zwei Dinge gemeinsam: Krieg und Menschen, die darunter leiden. Menschen, denen Johannes ein Gesicht geben will. Trotz all der verstörenden Medienberichte, die uns fast täglich aus dem Irak, Afghanistan und Kurdistan erreichen, haben wir kaum Ahnung von den immer noch dort lebenden Menschen und ihren Leben. In Gebieten, in der Krieg alltäglich ist, ist es beinahe unmöglich, sich vorzustellen, dass es dort jemals so etwas wie einen Alltag gab. Doch es gibt ihn: Zwischen Krieg und Zerstörung findet Johannes rare Momente der Menschlichkeit und dokumentiert sie. Eine gefährliche Freizeitbeschäftigung, bei der man sich unweigerlich die Frage stellt: Wer macht sowas freiwillig?

2011 reiste der deutsche Fotograf erstmals mit der Bundeswehr nach Afghanistan. 2012 dann wieder, dieses Mal mit der US Army. 2013 reiste er erneut nach Afghanistan, gemeinsam mit der deutschen Traumapsychologin Inge Missmahl. Ende Oktober 2017 war er mit der Bundeswehr in Mali. Dort hat er in Bamako, Koulikoro, Kayes und Gao die EUTM Ausbildungs- und Trainingsmission dokumentiert. Seine Reisen finanziert Johannes selbst. Die Fotografie ist seine Berufung, sein Job ist jedoch ein anderer. Finanziell profitiert er von seinen Dokumentationen nicht: „Wenn ich Bilder verkaufe oder zu Vorträgen eingeladen werde, spende ich die Erlöse oder Honorare direkt an kleine NGOs in den Gebieten, in denen ich fotografiert habe.“ Voraussetzung dabei ist immer, dass Johannes die jeweilige Organisation persönlich kennt.

„Ich habe nie Schlimmeres erlebt, als in Mossul. Über 50 Grad, alles zerstört, überall Leichen. Es war grauenhaft.“

Im Juli war er mit irakischen Spezialeinheiten in Mossul, als die Stadt endlich vom IS befreit werden sollte. „Ich habe nie Schlimmeres erlebt, als in Mossul. Über 50 Grad, alles zerstört, überall Leichen. Es war grauenhaft.“ Ihm boten sich Bilder der Zerstörung, die er wohl sein Leben lang nicht mehr vergessen wird: An jeder Straßenkreuzung metertiefe Bombenkrater, zerbombte Autos und Häuser, die wie geisterhafte Reminiszenzen an das einstmals rege Treiben in den Straßen der Stadt erinnerten. Doch am schlimmsten war der Geruch. Dieser klebrig-süße Gestank von Verwesung und Diesel. „Man riecht sie, bevor man sie sieht“, so Johannes. „Unter Betonplatten, unter und in Fahrzeugwracks.“ Es heißt, die meisten von ihnen sind tote IS-Kämpfer, die von der irakischen Armee absichtlich liegengelassen wurden. Nachts werden ihre Überreste von streunenden Hunden gefressen.

Schwer zu glauben, doch auch inmitten all der Zerstörung und des Elends begegnete Johannes Menschen, die Anlass zur Hoffnung gaben. So zum Beispiel jene Irakis, die nicht geflohen sind, weil sie ihren Mitmenschen helfen wollen: „Ich war in einem Feldlazarett der irakischen Armee kurz vor Mossul. Da kamen ständig Kinder aus Gefechtsgebieten rein. Ausgehungert, krank, dehydriert. Unter widrigsten Bedingungen und natürlich ohne jedwede Bezahlung haben die freiwilligen Helfer dem einen oder anderen Kind noch ein Lächeln ins Gesicht zaubern können. Wahre Helden.“ Helden, deren Geschichte Johannes mit Bildern erzählt. Man könnte sagen, in seinen Fotografien geht es gar nicht so sehr um den Krieg selbst, sondern um die Menschen unter den Uniformen, die Menschen hinter den Medienberichten. Menschen, die wie wir alle Hoffnungen und Träume haben. Wie zum Beispiel der kleine Junge, den Johannes in Mali fotografiert hat. Ein Bild, dass er zu seinen Lieblingsfotos zählt: „Er hat bei über 45°C in der prallen Mittagssonne Sport gemacht, trainiert. Als ich ihn fotografieren wollte, hat er mich nur breit angegrinst – mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein, so nach dem Motto „Nothing can bring me down!“

Die vielen Eindrücke der letzten Reisen haben ihre Spuren hinterlassen. Und leider überwiegen die Erinnerungen an die hoffnungsvollen, menschlichen Momente nicht immer. „Ich bin reflektierter geworden und dankbarer. Für mein Leben in Deutschland und meine Möglichkeiten, zu helfen. Das ist sehr erfüllend.“ Trotzdem weiß Johannes nicht, wie lange er noch so weitermachen kann oder sollte. „Ich spüre, dass ich an meine mentalen Grenzen gekommen bin.“ Der Krieg verändert Menschen. Sogar dann, wenn ihn „nur“ dokumentiert.

Mehr Informationen über die Arbeit von Johannes Müller findet ihr hier.