Aus dem Magazin

Ultra-Runs und Räucherstäbchen

Auf den Spuren von Sri Chinmoy und seinen Salzburger Anhängern.

Vieles haben sie sich schon anhören müssen, die Anhänger Sri Chinmoys: Sekte, spirituelle Gruppe und neohinduistische Bewegung. Festlegen will und kann sich niemand so wirklich. Denn der Kult um die Sri Chinmoy Gemeinschaft scheint so undurchschaubar wie der Name unaussprechbar. Wir haben diese Welt der Erleuchtung zu durchleuchten versucht.

Das Heart of Joy ist der erste Anlaufpunkt. Hier nimmt man die spirituelle Erleuchtung gleich über den Salat mit Ziegenfrischkäse auf. Im SEWA duften aufdringliche Räucherstäbchen entgegen und im Meditationszentrum in Salzburg wird man über das liebende Herz und Yoga belehrt. Spuren von Sri Chinmoys Anhängerschaft finden sich in Salzburg überall, verstehen kann man die Gruppierung als Außenstehende trotzdem nicht.

Seine Anhänger nennen ihren Guru Sri Chinmoy „erleuchtet“. Einer, der ausgezogen ist, um der Welt mehr Frieden zu bringen. In Indien geboren, mit elf Jahren weise geworden, verbrachte Sri Chinmoy einige Jahre in einem Ashram in Indien, einem spirituellen Zentrum, um sich schließlich in New York als Sekretär bei der indischen Botschaft zu betätigen. Wenn man Wikipedia liest, möchte man meinen, er sei eine Mischung aus neuzeitlichem Da Vinci und Popeye. Er war im Ultramarathon ganz vorne dabei, hat Pferde und Boote gestemmt, abertausende Lieder komponiert, Kunstwerke und Bücher geschaffen. Meditation war sein Spinat, sozusagen.

In den Siebzigerjahren hat er sich einen internationalen Namen gemacht, weil er Meditationskurse für Mitarbeiter der UNO veranstaltete und den sogenannten „Peace Run“ ins Leben rief. Bis zu seinem herzinfarktbedingten Abtritt aus der materiellen Welt 2007 scharte er weltweit begeisterte Schüler*innen, Disciples, um sich. Diese gibt es heute noch und sie tragen das Erbe Sri Chinomys in die Welt hinaus. Die Disciples sind nach dem Tod Sri Chinmoys weiterhin emsig unterwegs. Ein Gremium an älteren Schülern waltet und entscheidet. Nur ein Wort hören sie gar nicht gerne: Sekte. Häufig beruft man sich dabei auf ein deutsches Urteil aus dem Jahr 1995. Das Gericht entschied damals, dass die Bewegung nicht in eine Broschüre über Jugendsekten aufzunehmen sei.

Weltweit gibt es Schätzungen zufolge um die 10.000 Anhänger der Lehren von Sri Chinmoy. Gemeinsam wird meditiert, gemeinsam trifft man sich zum Joggen, man organisiert humanitäres Engagement und hält Vorträge in Schulen. Das finanzielle Rückgrat der Gemeinschaft machen in Österreich die SEWA Trendshops der Madal Bal AG mit Sitz in Wien aus. Hier arbeiten Mitglieder genauso wie Normalsterbliche, auch in Salzburg. Und auch im Heart of Joy Café sinniert einem der Guru aus jeder Ecke entgegen.

Es sei ein Warnsignal, wenn jemand verkündet, die allgemeingültige Wahrheit gefunden zu haben, sagt Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen. Zwar seien religiöse und spirituelle Gemeinschaften heutzutage durch die Religionsfreiheit geschützt, dennoch gebe es Charakteristika, die es zu beobachten gelte. Etwa, ob simple Antworten auf komplexe Fragen gegeben werden und in diesem Fall Meditation als absolute Problemlösung anerkannt wird. Eine spirituelle Gruppe funktioniere dann, so Schiesser, wenn sie die Sehnsucht von Menschen erreicht und diese bereit sind, sich zu unterwerfen.

Ein wesentlichess Element der Lehren von Guru Sri Chinmoy ist die sexuelle Enthaltsamkeit. Anhänger sollen keine intimen Beziehungen eingehen, Dating und Sex sind tabu. Bei derartigen Aussagen gelte es zu fragen, so Schiesser, inwieweit eine spirituelle Gemeinschaft in das Privatleben der Mitglieder eingreife und dieses kontrolliere. Dass Sri Chinmoy angeblich mit seinen Schülerinnen sexuelle Verhältnisse gepflegt haben soll, hört man unter den Anhängern des Gurus dagegen nicht gerne.

In Erfahrungsberichten im Internet schreiben Aussteiger*innen auch über finanzielle Ausbeutung, Erschöpfung durch stundenlange Meditation und Drohungen. Wer sich die Bearbeitungsverläufe des englischsprachigen Wikipediaartikels ansieht, merkt jedoch: Die Kritik-Kapitel der Beiträge verschwinden meist genauso schnell wieder, wie sie erstellt wurden. Und natürlich gilt auch für den verstorbenen Chinmoy die Unschuldsvermutung. Bis auf Behauptungen von Aussteigern gibt es nichts Handfestes, schon gar keine Verurteilungen. So bleibt der Kult um Sri Chinmoy so wenig greifbar, wie die Rauchschwaden eines Räucherstäbchens.

Anmerkung

Während der Entstehung dieses Artikels haben wir ein Interview mit einem aktiven Mitglied der Sri Chinmoy Bewegung in Salzburg geführt. Im Rahmen des Interviews wollten wir auch mögliche Kritikpunkte an dem Guru und der Bewegung klären. Leider wurden uns vom Gesprächspartner nach dem Interview jede Veröffentlichung und Verwendung des Materials untersagt, weshalb hier bedauerlicherweise keine Stimmen aus der Bewegung zu Wort kommen. Über Gesprächsbereitschaft würden wir uns im Sinne der journalistischen Sorgfalt und Vielstimmigkeit sehr freuen.

Foto: petr sidorov / Unsplash