Über Geld spricht man nicht
Aus dem Magazin

Über Geld spricht man nicht

Aber warum eigentlich?

Die meisten Menschen verraten ungern, wie viel sie verdienen. Aber warum ist das so? Und was wäre, wenn wir besser über das Gehalt unserer Kolleg*innen Bescheid wüssten?

Wenn Julia mit ihren Freund*innen über die Arbeit spricht, wird sie sauer. Seit auf der Weihnachtsfeier beim vierten Glühwein über die Gehälter und Boni in der Abteilung geflüstert wurde, weiß sie: Ihr männlicher Bürokollege verdient jedes Monat 300 Euro mehr als sie – bei gleicher Arbeit und Qualifikation. Offen gesprochen wird darüber im Unternehmen nicht. Wenn Julia sich aber zwischen Kopierer und Kaffeemaschine umhört, hat sie den Eindruck, dass sie nicht die einzige Frau ist, die in ihrem Unternehmen für die selbe Arbeit niedriger entlohnt wird, als männliche Mitarbeiter.

Tatsächlich zeigt die Statistik, dass ungleiche Bezahlung bei gleicher Qualifikation besonders oft Frauen betrifft: Der sogenannte Gender-Pay-Gap beträgt in Österreich etwa 19 Prozent. Anders ausgedrückt heißt das, vollzeitbeschäftigte Frauen verdienen im Schnitt um knapp 11.000 Euro weniger pro Jahr, als vollzeitbeschäftigte Männer. Österreich befindet sich damit im EU-Vergleich auf den hinteren Rängen. Dabei ist ungleiche Bezahlung auf Grund des Geschlechts per Gesetz verboten.

Als Mitgrund für diese Ungleichbehandlung wird häufig fehlende Transparenz bei den Gehältern genannt. Das Schweigen über das eigene Gehalt ist ein Phänomen, dessen Auswirkungen allerdings nicht nur Frauen betrifft. Denn auch Männer wissen im Normalfall nicht, was ihre Kolleg*innen verdienen. Selbst unter Freund*innen und Verwandten wird hierzulande nur ungern über das Einkommen gesprochen. Offen mit dem Thema Geld umzugehen, ist in Österreich ein Tabu.

„Das Nicht-Sprechen über Einkommen ist sicherlich zum Teil kulturell bedingt. Zudem gibt es noch immer Unternehmen, die ihren Arbeitnehmer*innen mittels Verschwiegenheitsklauseln in deren Arbeitsverträgen verbieten, sich mit anderen über die Höhe der Entlohnung auszutauschen,”

erklärt Ines Grössenberger, Referentin für Frauenpolitik bei der AK Salzburg.

Viele Arbeitgeber*innen fürchten offenbar, zu viel Transparenz könne zu Neid und Missgunst in der Belegschaft führen. Andere möchten ihren Angestellten schlicht keine Argumente liefern, um sich bei der nächsten Gehaltsverhandlung an besserverdienenden Kolleg*innen zu orientieren. Und dann gibt es noch das grundsätzliche Argument der Vertraulichkeit: Wie viel ein Mensch verdiene, gehe eben niemanden etwas an.

Eine solche Geheimniskrämerei in Geldfragen wäre in Schweden undenkbar. Die Gehälter aller Bürger*innen sind dort beim Finanzamt für jede*n einsehbar: Vom Premierminister bis zum Hausmeister ist öffentlich nachvollziehbar, wie viel versteuerbares Einkommen im Vorjahr gemeldet wurde. Doch auch in Ländern, die es mit der Transparenz nicht ganz so genau nehmen wie die Skandinavier*innen, tut sich etwas. In Deutschland etwa ist seit 2017 das Entgelttransparenzgesetz in Kraft. Damit haben Angestellte in großen Unternehmen ein Recht zu erfahren, wie viel ihre Kolleg*innen verdienen. Der Arbeitgeber muss einen Medianwert verraten, allerdings nur, wenn das Unternehmen über 200 Mitarbeiter*innen hat und mindestens sechs Kolleg*innen mit vergleichbaren Jobs vorhanden sind. Kritiker des Gesetzes sprechen angesichts dieser Voraussetzungen von einer Augenauswischerei. Die Befürworter*innen sehen es als ersten Schritt zu mehr Transparenz.

Über Geld spricht man nicht

In Österreich sieht es in Sachen Offenheit noch schlechter aus. Das bestätigt auch AK-Expertin Grössenberger: „Man kann die Kolleg*innen direkt danach fragen, andere Möglichkeiten gibt es nicht. Zwar gibt es in Österreich seit 2011 die verpflichtenden Einkommensberichte für Unternehmen mit über 150 Mitarbeiter*innen, diese sind allerdings anonymisiert und es besteht eine Verschwiegenheitspflicht. Rückschlüsse auf einzelne Personen und deren Einkommen sind nicht möglich.” Problematisch sei aus Sicht der Expertin auch, dass zu wenige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von den Einkommensberichten wissen.

Dabei gehen viele Expert*innen davon aus, dass eine Kultur der Offenheit der erste Schritt zu fairer Bezahlung sei. Bis es soweit ist, bleibt Arbeitnehmer*innen oft nur der allseits beliebte Flurfunk. Dennoch gibt es zumindest einige Hilfsmittel, die Orientierung ermöglichen: Der Gehaltsrechner www.gehaltsrechner.gv.at hilft bei der Einschätzung, ob das eigene Gehalt dem Normalwert der Branche entspricht. Wenn es einen Betriebsrat gibt, ist er oder sie die erste Ansprechstelle. Als Gewerkschaftsmitglied kann man sich auch an die zuständige Gewerkschaft wenden. Auch eine Beratung bei der Arbeiterkammer kann helfen, ein besseres Gespür für den Marktwert der eigenen Tätigkeit zu erhalten. Oder man wendet sich direkt an die zuständige Gleichbehandlungsanwaltschaft. Denn: Das Arbeitsrecht sagt, dass es einem Arbeitgeber verboten ist, allein aufgrund des Geschlechts anders zu entlohnen.

Tipps & Tricks für die Gehaltsverhandlung

Wie viel ihr verdient, hat auch mit dem eigenen Verhandlungsgeschick zu tun. Wir verraten euch ein paar Tipps für die nächste Gehaltsverhandlung.

Den Ärger vergehen lassen, dann handeln

Wutentbrannt ins Büro der Chefitäten zu starten, ist selten eine gute Idee. Auch wenn man gerade erfahren hat, dass der Kollege das Doppelte verdient. Also: Durchatmen, eine Nacht drüber schlafen, die Gedanken ordnen und die Fakten auf ihre Richtigkeit checken.

Gesprächstermin vereinbaren

Wenn ihr einen Gesprächstermin plant, bei dem es um Geld gehen soll, kommuniziert das im Vorfeld. Nicht nur ihr, sondern auch eure Chef*innen wollen sich auf so ein Gespräch vorbereiten.

Die Vorbereitung auf das Gespräch

Gehaltsgespräche sind immer aufregend. Ihr wollt eure Ziele durchbringen, die Chef*innen halten dagegen. Deswegen ist Vorbereitung alles. Macht euch Notizen, an die ihr euch haltet. Bereitet eine Einleitung vor, die erklärt, warum ihr genau jetzt darüber sprechen wollt. Erklärt, dass ihr erfahren habt, dass eure/euer Kolleg*in mehr verdient und stellt die Frage, wie ihr gemeinsam an einer Verbesserung dieser Situation arbeiten könnt.

Die Kontrolle behalten

Natürlich ist es verführerisch, dem oder der Chef*in richtig die Meinung zu geigen, die Situation ist schließlich eine Schweinerei. In einer beruflichen Beziehung wird euch Wut leider nicht dorthin bringen, wo ihr hinwollt – zu einem höheren Gehalt. Unser Tipp: Stick to your notes! Denn damit umgeht ihr den Fehler, euch um Kopf und Kragen zu reden. Fragt euren/eure Arbeitgeber*in, wie ihr eure Situation gemeinsam ändern könnt. Und gebt ihnen danach den Raum für eine Äußerung.

Die Sicht der Vorgesetzten einnehmen

Argumente wie „Der verdient mehr, also will ich das auch“ führen selten zum Erfolg. Versetzt euch stattdessen in die Lage eures Vorgesetzten. Warum sollt ihr mehr Geld bekommen? Welche Projekte wurden kürzlich erfolgreich umgesetzt? Warum würde es schmerzen, wenn nicht ihr, sondern jemand anderer euren Job macht?

Nachfassen & Follow Up

Auch wenn sie wollten: In den meisten Fällen wird es den Chef*innen nicht möglich sein, auf eure Anfragen direkt zu reagieren. Da müssen erst andere Vorgesetzte gefragt, Budgets gewälzt, der Vorstand an Bord geholt werden. Viele Chef*innen versuchen deshalb erst einmal, den Kopf einzuziehen und hoffen, das Thema löst sich irgendwann von selbst. Damit das Ganze aber nicht passiert, vereinbart einen Termin, bis zu dem eine Lösung gefunden werden soll. So entkommen Dampfplauderer nicht.

Matthias Gruber

Matthias Gruber ist ein Ur-Salzburger, der auszog, um Italien und Wien zu erobern. Gern ist er wieder zurückgekommen und macht für das Fräulein Flora wunderschöne Fotos der “Nicht-Nur-Mozartstadt”, die von witzigen Texten begleitet werden.