Apropos-Titel
Aus dem Magazin

Spaziergang mit einem Apropos-Verkäufer

Salzburg von unten nach oben.

Die Salzburger Straßenzeitung APROPOS wird heuer 20 Jahre alt. Zum Jubiläum bieten Salzburgs Straßenverkäufer spannende Spaziergänge zu Orten an, die sich für Menschen in sozialen Notlagen einsetzen. Wir waren mit Verkäufer Georg unterwegs!

Georg Aigner – unser heutiger Guide –  ist 48 Jahre, verheiratet und verkauft seit knapp 10 Jahren das APROPOS in Salzburg. Gemeinsam mit seiner Frau Evelyne lebt er in einer Sozialwohnung in Lehen – gleich gegenüber der Stadt:Bibliothek und der Panoramabar. Doch das war nicht immer so. Georg war „aus der Spur gekommen“. Zuerst der Alkohol, dann wurde er kriminell. Ein paar Raufereien und Diebstahl. Später dann ein Raubüberfall, für den er sieben Jahre in den Häfen musste.

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2.000 Briefe und ein Saftladen

Seine heutige Frau hat Georg drei Monate vor dem Gefängnis kennengelernt. Sie hat schließlich sieben Jahre auf ihn gewartet. Jeden Tag haben sie sich Briefe geschrieben – 2.000 waren es insgesamt. Und dann schließlich das lang ersehnte Wiedersehen. „Wenn meine Frau nicht gewartet hätte, wäre ich wieder abgestürzt“, erzählt Georg. Sie war es auch, die ihn nach seiner Haftstrafe wieder auf die richtige Bahn gebracht hat, obwohl sie selbst mit vielen Problemen zu kämpfen hatte.

„Ohne Menschen und Einrichtungen, die dich unterstützen, geht es nicht.“

In ihrer Verzweiflung und Einsamkeit hat Evelyne Anschluss gesucht, während Georg im Gefängnis war – und den Saftladen in der Schallmooser Hauptstraße gefunden. Der Saftladen ist eine von vielen Institutionen in Salzburg, die Menschen helfen, wieder Fuß zu fassen. „Denn ohne Menschen und Einrichtungen, die dich unterstützen, geht es nicht“, weiß Georg, der nach dem Gefängnis im Saftladen erste Schritte in Richtung ein geregelteres Leben gemacht hat. Der Saftladen ist auch Treffpunkt und Start unseres Stadtspaziergangs.


APROPOS-Stadtspaziergänge

SPURWECHSEL
Treffpunkt: Saftladen Neustart
Jeden Dienstag, 09:30-11:00 Uhr (Saftladen-Phurdo-Game Over-Schmankerl-Apropos)

ÜBERLEBEN
Treffpunkt: Bahnhofs-Vorplatz, Südtiroler Platz
Jeden Donnerstag, 15:00-16:30 Uhr (Bahnhofssozialdienst-Sozialamt-Soma)

SCHATTENWELT
Treffpunkt: Pferdeschwemme
Letzter Mittwoch im Monat, 18:00-19:30 Uhr (Franziskanerkloster-Caritas-Vinzibus)

Reservierung: stadtspaziergang@apropos.or.at, 0662 / 870 795-23
Erwachsene: 10,00 Euro, Schüler*innen & Studierende: 5,00 Euro


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Saftladen

Der Saftladen ist eine Tageseinrichtung vom Verein NEUSTART. Wer möchte, kann sich hier aufhalten und Essen zu leistbaren Preisen, Kaffee um 0,40 Euro oder eine Dusch-Möglichkeit bekommen. Außerdem gibt es eine Wäschekammer inkl. Trockner und einen Kleiderraum, in dem gebrauchte Kleidung günstig erworben werden kann. Wer einfach nur Anschluss finden und sich zum Quatschen treffen möchte, ist im Saftladen ebenfalls richtig. Georg weiß: „Auch der Gang zu Behörden und Ämtern ist für Menschen, die in Armut leben, schwierig. Im Saftladen kann man mit Sozialarbeiter*innen reden, die einen hier unterstützen.“

Schallmooser Hauptstraße 38

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Phurdo

Unsere Route führt uns auch vorbei am Phurdo, was übersetzt „eine Brücke schlagen“ bedeutet. Der Verein ist Anlaufstelle für Roma und Sinti in Salzburg. Georg weiß, wie schwierig es für diese Bevölkerungsgruppe ist, hier Arbeit zu finden. Deshalb können sie in dieser Einrichtung kleine Tätigkeiten ausüben, werden aber auch bei Behördengängen und bei der Wohnungssuche unterstützt. Georg hat wenig Bezug zu Phurdo, kennt jedoch den Betreiber gut, der auch Streetwork leistet und die Romakultur fördert.

Schallmooser Hauptstraße 31/1

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Game Over

Die nächste Station führt uns ein paar Meter weiter in die Emil-Kofler-Gasse, wo wir das eher unscheinbare Institut „Glücksspiel und Abhängigkeit“ betreten. Georg und seine Frau waren oft hier. Während er im Gefängnis war, lernte sie jemanden kennen, der ihr gezeigt hat, wie Spielautomaten funktionieren. Von da an war Evelyne spielsüchtig und verlor teilweise mehrere tausend Euro pro Abend. Eine starke Bewährungsprobe für die Beziehung, da Spieler*innen dazu neigen, Angehörigen die Schuld an ihrem Handeln zu geben. 10 Jahre lang dauerte der Kampf gegen die Spielsucht, den Evelyne vor kurzem gewonnen hat.

„Wenn ich trinke, sperren’s mich wieder ein. Ich kenne den Preis und den brauche ich nicht.“

„Spielen war früher männlich. Heute ist die Hälfte aller Spielsüchtigen weiblich“, erzählt Roman Neßhold vom Institut Glücksspiel und Abhängigkeit. „Betroffen sind aber auch viele Angehörige, wenn z.B. die Mutter ihren Sohn nicht vom PC wegbringt oder die Oma kochen muss, weil die Mama so traurig über die Sucht ihres Mannes ist.“ Kostenlos und anonym hilft die Einrichtung seit 15 Jahren Betroffenen – letztes Jahr waren es 200 Patient*innen.

Emil-Kofler-Gasse 2

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Georg hat seine Sucht ebenfalls im Griff. Früher hat er teilweise einen Karton Wein gebraucht. Heute bleibt er stark: „Zu Weihnachten habe ich mal versehentlich in ein Mon Chérie reingebissen. Am nächsten Tag haben meine Augenlider gezuckt wie wild. Der Körper greift nach dem Alkohol, aber ich gebe nicht nach. Wenn ich trinke, sperren’s mich wieder ein. Ich kenne den Preis und den brauche ich nicht.“

Schmankerl

Die letzte Station auf unserem Spaziergang ist in der Glockengasse 10. Das gesamte Gebäude bietet Einrichtungen für Menschen in Armut, die ihnen in unterschiedlichen Situationen helfen sollen. Im Erdgeschoß befindet sich das „Schmankerl“, in dem man ein vollwertiges Mittagessen um 5 Euro bekommt. „Inklusive vegetarischer Option“, merkt Georg an, „hier hat man sich schon an die heutigen Bedürfnisse angepasst.“ Das Schmankerl wird außerdem vom AMS gefördert und bietet Langzeitarbeitslosen ein Jahr lang die Möglichkeit, hier zu arbeiten und wieder einen Rhythmus in ihr Leben zu bringen.

Glockengasse 10

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Glockengasse 10

Im 1. Stock des Gebäudes haben die APROPOS-Redaktion und -Vertriebsstelle ihren Sitz. Eine Etage höher bietet die Pension Torwirt Kurzzeitwohnen für Obdachlose an. Sie können vier Wochen dort wohnen und werden bei der Wohnungssuche unterstützt. „Diese Plätze sind immer voll“, erklärt Georg und ergänzt: „Im 3. Stock wird Langzeitwohnen angeboten. Hier sind lauter Männer untergebracht.“ Zum Abschluss erzählt uns Georg, wie er über die Straßenzeitung viele Anker gefunden hat. Seine Frau musste ihn anfangs überzeugen, Zeitungen zu verkaufen. „Mich hat man in jedem Milieu gekannt. Wenn die mich sehen würden, wie ich Zeitungen verkaufe, wissen sie, dass ich am Rande der Gesellschaft stehe.“ Inzwischen verkauft Georg seit über 10 Jahren und hat sich eine Stammkundschaft aufgebaut. Er hat eine feste Aufgabe und bekommt Anerkennung.

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Stadtspaziergänge: Salzburg von unten nach oben

Wie Georg und Evelyne profitieren auch viele andere APROPOS-Verkäufer*innen. 120 sind es aktuell – die einen knüpfen durch den Verkauf der Zeitung Kontakte, andere verbessern ihre Sprachkenntnisse. „Es gibt auch Passanten, die zu uns sagen ‚Geht’s arbeiten!‘ – sie sehen nicht, dass das unsere Arbeit ist.“ Nun können die Geschichten der Straße gehört und gesehen werden. Drei Stadtspaziergänge („Überleben“, „Spurwechsel“ und „Schattenwelt“) sollen Armut sichtbar machen, aber gleichzeitig Hoffnung vermitteln. Georg führt höchstpersönlich durch die Stationen, die sich beispielsweise am Brennpunkt Bahnhof, verborgen hinter Festspielhäusern und Schmuckpassagen oder mitten in Schallmoos befinden, und erzählt detailgetreu aus seinem bewegten Leben.

„Wissts, wir haben nicht viel Geld, aber es reicht für uns. Wir müssen nicht mehr spielen und saufen. Wir sind zufrieden. Wir sind glücklich.“

Zur Info
APROPOS feiert sein 20-jähriges Bestehen. Dieses Ereignis hat das Straßenmagazin zum Anlass genommen, um Geschichten zu zeigen, die sich täglich auf Salzburgs Straßen abspielen. Jene der sozialen Absteiger, der Armen und Obdachlosen. APROPOS-Verkäufer Georg führt dabei durch drei Spaziergänge, erzählt seine Lebensgeschichte und gibt Hoffnung für Betroffene. Wir haben Georg beim Spaziergang „Spurwechsel“ begleitet.

Miriam Kreiseder

Miriam hat ihre Zelte in Wien, Kufstein und Porto aufgeschlagen, bevor es sie wieder nach Salzburg gezogen hat. Am liebsten schreibt sie über Musik und Alltagsgeschichten.