Soll ich Tagesmutter/Tagesvater werden?

Wissen wir eh alle: Pädagogisches Personal ist Luxusgut und Kleinkindgruppen-Plätze werden händeringend gesucht. An dieser Stelle könnte man jetzt a) über die Politik schimpfen, b) allen Eltern vorwerfen, dass sie so früh wieder arbeiten (müssen), Frechheit aber auch, oder c) das Problem zu einer Tugend machen. Julia Wintersteller ist aus Adnet und hat sich für Option C entschieden. Als sie keinen Betreuungsplatz für ihre Tochter fand, hat sie spontan selbst die Ausbildung zur Tagesmutter absolviert. Und damit nicht nur ihr Betreuungsproblem gelöst, sondern auch das von drei weiteren Eltern.

Bei der Vorbereitung auf die Rückkehr ins Büro nach der Karenzzeit, war bei Julia Wintersteller die Ernüchterung groß: „Ich habe einen Betreuungsplatz für meine Tochter gesucht, aber alle Einrichtungen waren voll. Der Kindergarten bei uns wurde gerade ausgebaut und trotzdem war kein Platz.“ Also hat sie im TEZ angerufen, dem Tageselternzentrum und der Anlaufstelle rund ums Thema „Tageseltern“. Als man ihr auch dort keinen geeigneten Platz anbieten konnte, fragte sie zum Spaß: „Ich muss ja mein Kind irgendwo unterbringen, kann man bei euch eine Ausbildung machen?“ Zur ihrer Überraschung war die Antwort ein klares Ja. Und ein Monat später war alles unter Dach und Fach.

"Im Nachhinein war es das Beste, was mir passieren konnte. Ich hab noch nie so viel über mich selbst herausgefunden. Das hat mir so viel gebracht."

Julia über die Ausbildung zur Tagesmutter

Was lernt man in der Ausbildung zur Tagesmutter, Julia? 

Anfangs hat sie gehadert, gibt Julia zu. An ihre Schulzeit erinnert sie sich nämlich nicht so gern und ist deswegen mit einer Portion Respekt am ersten Tag aufgetaucht. Komplett unbegründet, wie sich im Nachhinein herausstellt. „Man kriegt einen Ordner mit Unterlagen“, erzählt Julia, „und den geht man auch durch.“ Die eigentliche Arbeit war aber mit einem selbst, mit Schwerpunkt auf Selbst-Reflexion. „Wer bin ich eigentlich? Warum reagiere ich auf Situationen, wie ich das tue?“ waren wichtige Fragen, die in einer sicheren Gruppe gemeinsam durchgearbeitet wurden.

Und dann aber auch: Warum machen Kinder Dinge, die sie eben machen? Ein Beispiel: „Ich bin sehr jung und ungeplant Mutter geworden und hab mich früher immer geärgert, wenn meine Tochter den Löffel hundert Mal auf den Boden fallen gelassen hat. Im Rahmen der Ausbildung habe ich gelernt, dass Kinder das einfach machen, um zu verstehen: Ja, auch beim hundertsten Mal fällt der Löffel wieder auf den Boden und fliegt nicht weg. So begreifen Kinder zum Beispiel das Konzept von Schwerkraft.“ 

Eine sichere Gruppe während der Ausbildung und danach

Tagesmutter/Tagesvater wird man nicht allein. Die Ausbildung findet in einer Gruppe statt. „Die Gruppe ist ein sicherer Rahmen, in dem man sich über alles austauschen kann. Das ist wichtig, zum einen, weil man in der Ausbildung viel von sich preisgibt und zum anderen, weil man mit den anderen auch nach Abschluss in Kontakt bleibt“, erzählt Julia. Sie hat richtige Freundinnen in den letzten sechs Monaten gefunden, mit denen sie sich weiterhin trifft. Und Betreuungs-Fälle besprechen kann.

„Man muss sich nämlich schon bewusst sein: Als Tageseltern sind wir nicht in einem Kindergarten und somit auch in kein Team eingebunden, mit dem man Alltägliches diskutieren kann. Man arbeitet allein und da ist es gut zu wissen, dass man Dinge, die einen beschäftigen mit anderen in der gleichen Situation besprechen kann. 

Tagesmutter/Tagesvater werden

Die Ausbildung ist berufsbegleitend, dauert ca. sechs Monate, findet meistens am Wochenende statt und umfasst 235,5 Unterrichtsstunden und 80 Praktikumseinheiten. 

Die Module umfassen zum Beispiel: 

  • Recht, Organisation und Administration
  • Kindersicherheit
  • Familiensystem
  • Entwicklungspsychologie
  • uvm.

Angestellt, aber komplett frei

Tageseltern arbeiten nicht selbstständig, sondern sind beim TEZ angestellt. Das hat viele Vorteile: Man hat Urlaubsanspruch, kann bezahlt in den Krankenstand. Die Büromitarbeiter*innen vom TEZ kümmern sich um das Administrative, die Lohnverrechnung und sind Ansprechpartner*innen für Weiterbildungen, krankheitsbedingte Ausfälle, bei Fragen oder Problemen mit z. B. Eltern. Die Tageseltern haben so den Kopf frei, um sich auf ihre eigentliche Aufgabe zu konzentrieren: die Betreuung der Kinder. 

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Aber, wo ist denn der Haken, Julia? 

„Das hab ich mich auch gefragt“, sagt Julia. Aber für jemanden, der diese Arbeit gerne macht, gibt’s eigentlich keinen. Wenn man einen suchen müsste, könnte man sagen: „Dass man kein fixes Grundgehalt hat.“ Die Bezahlung setzt sich nämlich aus den einzelnen Betreuungsverträgen zusammen. Für jedes Kind wird ein Vertrag unterzeichnet. Ergo: Je höher Betreuungszeit und Anzahl der betreuten Kinder, desto mehr Gehalt. Tageseltern können 4 bis 6 Kinder von Babyalter bis 14 Jahre betreuen, wie oft und wie lange liegt im eigenen Ermessen. Übrigens: Die drei Betreuungsplätze, die Julia in Adnet anbieten konnten, waren innerhalb kürzester Zeit vergeben. 

Julia hat mit ihrem Partner ein altes Bauernhaus renoviert. "Wir haben viel Platz, aber das ist keine Voraussetzung für den Job. Viele aus meinem Kurs wohnen in einer Wohnung oder haben keinen Garten. Das soll niemanden von der Ausbildung abhalten."

Die Vorteile auf einen Blick:

> flexible Arbeitszeiten: Tageseltern definieren ihre Arbeitszeiten selbst. Julia arbeitet beispielsweise montags bis donnerstags bis 14.00 Uhr. Freitag bietet sie als Betreuungstag nicht an. Zu ihrer eigenen Tochter betreut sie weitere drei Kinder, kümmert sich also um vier Kinder. 

> unkomplizierte und praxisnahe Ausbildung: Vor der Ausbildung hätte sich Julia nicht fürchten müssen. Die ist dazu da, um den Interessent*innen ein solides Werkzeug in die Hand zu geben, damit diese gut für ihre Tageskinder da sein können. Und, um einen Freundeskreis aufzubauen, der über den Kurs hinaus Bestand hat. 

> keine Vorgaben für Alltagsgestaltung: In der Ausbildung lernt man verschiedene pädagogische Konzepte kennen. Wie man den Alltag mit den Kindern verbringt, ist aber die eigene Entscheidung. Eine Auseinandersetzung damit bietet die Abschlussarbeit, die zum eigenen pädagogischen Konzept verfasst und vorgestellt wird. 

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Wissen wir eh alle: Pädagogisches Personal ist Luxusgut und Kleinkindgruppen-Plätze werden händeringend gesucht. An dieser Stelle könnte man jetzt a) über die Politik schimpfen, b) allen Eltern vorwerfen, dass sie so früh wieder arbeiten (müssen), Frechheit aber auch, oder c) das Problem zu einer Tugend machen. Julia Wintersteller ist aus Adnet und hat sich für Option C entschieden. Als sie keinen Betreuungsplatz für ihre Tochter fand, hat sie spontan selbst die Ausbildung zur Tagesmutter absolviert. Und damit nicht nur ihr Betreuungsproblem gelöst, sondern auch das von drei weiteren Eltern.

Wie sie das gemacht hat? Lest ihr im Beitrag.

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