Schiaches Salzburg über: Kau‘ dich glücklich – Nostalgiemaschine Kaugummiautomat

Alle, die ähnlich alt sind wie die Schreiberin hier, sehnen sich mittlerweile vermutlich nach ein bisschen analoger Einfachheit. Das kann man auf Medien und die Art ihres Konsums beziehen. Darauf, wie man einkauft und Geschäfte macht. Und eigentlich auch darauf, wie man sich kleine Alltagssünden für zwischendurch beschafft.

Ich erinnere mich noch gut an die Volksschulzeit, in meinem Fall Anfang bis Mitte der 90er. Verstohlene Besuche beim Bäcker, der praktischerweise fast direkt neben der Schule lag. Nach der letzten Stunde noch schnell, sich haarscharf nicht mit der Mittagspause vom Bäcker überschneidend, mit 5 – oder besser 10 – Schilling ein braunes Papierstanitzel voll mit Kariesbomben des Herstellers, der Erwachsene ebenso froh macht, erstehen. Colaflascherl; neongrüne weißbauchige Gummifrösche; zuckerpanierte saure Schnüre. Ausgegeben aus durchsichtigen Plastiktonnen von Bäckereifachverkäuferinnen mit gütigen Omagesichtern in akkurat-bügelgestärkten Arbeitsdressen.

Dieses enge, zehnminütige Zeitfenster zwischen „Schule aus!!“-Freude und „Der Hofmann Bäcker macht gleich zu!!“-Panik ist darüber hinaus stark verknüpft mit den paar wenigen aktiven Kindheitserinnerungen, die ich ans Laufen habe… 

Aber ich schweife ab, eigentlich geht es ja um Kaugummis. Die Beschaffung derer war, durch den Umstand, dass die Warenausgabe nicht durch Menschen erfolgen musste, natürlich um einiges entspannter und für bewegungsvermeidende, untersetzte Volksschulkinder wie mich die bessere Möglichkeit, ihren Horizont und ihre Figur zu erweitern.

Also ab zu einem Kaugummiautomaten, raus mit der harten Währung und saure Kugeln (vermutlich irgendwas mit „grüner Apfel“) oder Minidragees mit einer Geschmacksdauer von drei Sekunden (looking at you, Foxbox), aus dem Automaten drehen.

Überhaupt: Man musste an Rädern drehen, Knöpfe drücken, Luken hochklappen. Metallisches Klimpern, dann verstohlen nachstierdln. Manchmal war das alles eine Feiglerei, aber man hatte zumindest direkt merkbaren Erfolg oder Misserfolg. Alles hat ein Geräusch gemacht, hatte eine Haptik. Das klingt heute vielleicht banal, oder sogar verklärend-rückwärtsgewandt, sind im Kleinen aber schöne Erinnerungen. Ein Zeitanker, der verlässlich irgendwo im zähen Grund des Präteritum festsitzt.

Pizzaback-
automaten. CBD-Automaten. Grillfleisch-automaten. Ganze Geschäftsflächen für Automatenkiosks.

Heute gibt es Automaten für fast alles.

Mit Touchscreens, digitalen Produktanzeigen und cashless payment. Alles klinisch, schwarz, kubisch. Sleek und streamlined. Modern. Hygienisch. Ohne den Mief der Straße. Ohne die 30 Jahre alte Patina von Automaten aus den 90ern. Null Fehlerquote bei der Ausgabe. Effizient. Kurzum: In der Wahrnehmung für die Mehrheit der Menschen vermutlich optisch schöner und beim Konsum der Automatenware weniger Gedanken schürend, ob Tetanus vielleicht mal wieder aufgefrischt gehört. Und das ist auch alles nachvollziehbar.

Aber irgendwie kann kein moderner Automat durch Effizienz und glatte Bedienoberflächen diese schelmische daran Freude ersetzen, wenn früher statt einem, zwei Kaugummikugeln aus dem Ausgabeschlund gekullert sind.

Oder man das Glück hatte, genau den ramschigen Plastik-Ring mit Glitzerstein ausgeworfen zu bekommen, den man durch das trübe Sichtfenster zwischen den 300 anderen für sich erspäht und in seinen Besitz erwünscht hatte. Solche kleinen netten Zufälle, die den durchgeplanten, gestreamlineten Alltag ein bisschen würzen, sind selten geworden.

Naiv bin ich letztens also losgezogen und wollte mir kugelweise ein bisschen Nostalgie und Kindheitszauber zurückzuholen, in etwas Reales und Greifbares einzutauschen gegen einen Warenwert von 1€.

Oder versuche es zumindest, denn wenn man es wirklich darauf anlegt, im Salzburg des Jahres 2025 noch einen Kaugummispender zu finden, kann man sicher sein, dass einem keiner unterkommt. Die Straßen sind wie leergefegt von Kaugummiautomaten. Umso größer ist die Freude, wenn man dann einen entdeckt. Fast kommt dabei ein seltsamer Funke kindlicher Freude auf. Fast. It’s the little things. Und wenn die so little sind, dass man sie sich sogar leisten kann, ist das eigentlich ja ganz gut. Ich werfe also die Münze ein, drehe, bekomme die Ware und kaue los. Und was ist passiert?

Nichts. Keine childhood flashbacks, keine wohlige Nostalgiewelle, die über mich drüberschwappt. Die eigentlich erwartbare Enttäuschung einer enttäuschungsgenährten Erwartung.

Auf der Suche nach Gründen für das Scheitern, kommt am ewigen Endgegner, dem eigenen Gehirn, nicht vorbei.

Früher hieß es mal, Kaugummikauen macht schlau. Und hilft bei so Sachen wie Mathematikschularbeiten. Wissenschaftlich belegen kann ich es zwar nicht, aber die jahrzehntelange Erfahrung als Kaugummikauerin lässt zumindest vermuten, dass das ist eine freche Lüge von big gum ist. Bei der bereits ab frühem Kindesalter vernichteten Menge an zäher Kaumasse, hätte aus Ihrer Schreiberin eine der Schulmathematik mühelos mächtige Astrophysikerin oder Biochemikerin werden müssen. Oder kurz vor Midlifecrisis und Perimenopause zumindest über ein bisschen mehr verfügen, als eine recht horizontal positionierte Karriereleiter. Aber es hilft halt nix und deshalb sind wir jetzt hier und kaufen und kauen irgendwie weiter. It’s the little things.

Beim weiteren Versuch, die „Kau dich schlau“-Theorie zu falsifizieren, stoße ich auf eine neue Facette in der Diskussion um die physiologischen Auswirkungen des fröhlich-mechanischen Malmens. „Mikroplastik“ ist das gruselige Keyword, bei dem mir das zuvor fieberhaft im Straßendschungel gesuchte Bröckerl mit künstlichem, nicht näher definierbarem Fruchtgeschmack fast im Halse stecken bleibt.

Mikroplastik im Gehirn fördere die Demenz, ist bei halbwegs verlässlichen, wissenschaftlichen Quellen im Internet zu lesen. Und das wirkt gar nicht mal so wirklich wissenschaftlich, sondern wie etwas, von dem man intuitiv weiß, dass es stimmen wird. Wie etwas, das die Tante Erni beim Dr. Meryn im Fernsehen gesehen und bei der Sonntagskaffeejause als einen unerschütterlichen Fakt der Forschung verkündet.

Ist es also ein Zeichen geistigen Verfalls, wenn man sich in vermeintlich einfachere, vermeintlich glücklichere Zeiten zurückkauen möchte? Es könnte sein. Mikroplastik im Kaugummi hin oder her.

Schiaches Salzburg” ist unser Außenposten fürs Unangenehme und bringt laufend neue Krach- und Sachgeschichten aus SBG.

Gefunden haben wir diesen Account auf Instagram, wo er als @schiaches.salzburg die halbschattigen Seiten der Stadt herzeigt. Was es dort gibt? Found objects, Kurioses aus dem öffentlichen Raum und andere schiache Sachen aus der schönsten Stadt Österreichs. Immer mit im Gepäck? Gesunder Grant, absurder Humor und Sinn für Unsinn.

Foto: Schiaches Salzburg

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