Schiaches Salzburg über den Sommer 2026: Danke, kann weg.

Im Sommer neige ich irgendwie dazu, meinen inneren Thomas Mann nicht mehr so ganz unter Kontrolle zu haben. Die kleinsten Kleinigkeiten, die winzigsten Reize, die minimalsten Verwerfungen im Alltag haben dann das Potenzial, sich zu biblischen Plagen auszuwachsen. Gefühlt immer näher am Nervenzusammenbruch als an der Entspannung ist der Sommer für mich eigentlich seit ich denken kann schon eine Qual. (Menschen, die mit Menschen, Hitze und Helligkeit in Kombi  nicht ganz so viel anfangen können, kennen es vielleicht.)

Aber dieses Jahr war es etwas anders.

Tagebucheinträge der Preisklasse „01.07.: O-Bus. 1er Richtung Europark. Kebap- und Schweißgeruch im Tandem. Ich kann nicht mehr unterscheiden, ob das Kebap den Schweiß, oder der Schweiß den Kepab bedingt hat“ oder:

 „04.07. Heute wieder nix geschafft, nur die Umgebung mich“ fühlten sich nicht mehr nur an wie witzige Übertreibung oder gestelzt-künstlerische Dünnhäutigkeit, sondern wie etwas Greifbares und Hyperreales. (Im Frühling, Herbst und Winter kommen mir solche Gedanken nämlich seltsamerweise selten bis gar nicht.)


Wochenlange Hitze. Ein Ausnahmezustand. Ein bisschen Ausweglosigkeit auch. Wenn die Raumtemperatur problemlos mit dem Fieberthermometer messbar ist, passt irgendwas nicht und zwar in einem ganz grundlegenden Ausmaß.

Nein, das war definitiv kein „Sommer wie früher“,

auch wenn Erhard, Oswald oder Ralf-Jürgen nicht müde wurden, das auf Instagram fleißig und häufchenweise unter jeden Post zum Thema Katastrophenhitze abzusetzen.

Nein. Wochenlang über 30 °C, ohne Niederschlag samt Tropennächten, sind kein „traumhaftes Badewetter“ und auch kein Grund zur Freude. Ich bin es eigentlich leid, über die Abgründe des Sommers zu referieren, und darüber, dass das in den nächsten Jahren noch so richtig übel werden wird. Ebenso leid bin ich die dauerhaft kolportierten und mit jeder Wiederholung irgendwie blöder werdenden „Tipps“ gegen die Hitze. „Trinken Sie Wasser!“, „Ziehen Sie weite, beige Leinenkleidung an!“, „Vermeiden Sie körperliche Anstrengung und Bewegung im Freien!“,

 

„Verlegen Sie ihren Alltag in die Abend- und Nachtstunden!“, bebildert gern mit windschnittigen AI-Bademodenmodels samt enthirnt-willigem Full-Service-Grinsen oder glücklichen Kindern, denen geschmolzenes Eis aus dem Stanitzel über die Finger rinnt.

Gleichzeitig gab es in manchen Gemeinden offizielle Aufrufe zum Wassersparen während in unserem östlichen Nachbarbundesland – direkt an irgendeiner Form demokratischer Mitsprache vorbei – ein Hyperscaler-Rechenzentrum gebaut wird, das Unmengen Wasser direkt aus der Enns verbrauchen wird. Verantwortliche schneiden sich derweil den delikaten „Googlehupf“ auf. Anderswo schmoren vulnerable Gruppen in nicht klimatisierten Kindergärten, Altenheimen und Krankenhäusern vor sich hin.

Also.

Was nun? Sich sammeln. Und endlich abschließen vielleicht mit diesem Scheißsommer. Katharsis. Wie ginge das – abgesehen von tagelangem Dauerregen, der aber einfach nicht kommt – besser, als mit dem Sommer einfach selber Schluss zu machen? 

Konsequenterweise In Form eines kleinen Recaps über die Dinge, die Salzburg im Sommer 2026 neben der Hitze noch so bewegt haben. Und weil Indie Sleaze und die 2010er sind gerade eh wieder so langsam am Trenden sind, belebe ich in diesem Zuge auch gleich mal das totgesagte Online-Format des Listicles wieder.

Hier also die Top-6 Ereignisse des Sommers 2026 in mehr oder weniger chronologischer Reihenfolge.

1.) „Philipp Hochmair hält einen Fisch.“

(Natürlich oben ohne, weil… wie sonst zeigt man Dominanz und Sprezzatura in so einer Situation?)

und

2.) „Kurt Russell und Goldie Hawn essen einen Fisch.“

Es ist hoch amüsant und absurd, dass sowas das Potenzial hat, eine hundertfach gelikte Meldung zu werden. So etwas funktioniert vielleicht nur in Salzburg und vielleicht auch nur im Festspielsommer. Diese seltsam simple Selbstverständlichkeit mit der eine Sommerlochgeschichte wie diese erzeugt wird, ist schon fast zum Liebhaben. Newswert niedrig, Nährwert hoch. Also… für manche halt.

Hier liegt die Überleitung zum nächsten Sommerhighlight-Eintrag gleich sehr nahe.
Die richtig Alten unter uns erinnern sich nämlich vielleicht nicht nur an die 2010er und Indie Sleaze, sondern auch an den Film „Overboard – Ein Goldfisch fällt ins Wasser“. Und wer hat da just mitgespielt? Genau. Kurt Russell und Goldie Hawn.

3.) You put the „Kanal“ in Almkanal.

In selbigem sind bisher vermutlich weder Goldie Hawn noch Goldfische bisher geschwommen, aber dafür ja ihr vielleicht.

Hoffentlich tatet ihr das nicht genau zu jener Zeit, als der so geliebte Kanal, die kühle Gratisader der Stadt, mit Fäkalkeimen belastet war. Denn wer so risikofreudig ist und damit wenig Berührungsängste hat, kann es auch gleich machen wie ein Pro und einfach zum Salzachsee fahren.

4.) Braun glitzernde Salzach

Es ist nicht alles Gold was glänzt, sondern manchmal braun. Auch abseits der verdorrten Wiesen und vorzeitig knusprig gewordenen Laubbäume konnte man die Trendfarbe Braun im Sommer 2026 en plein air in Salzburg bewundern. Das ist ausnahmsweise mal kein sozialkritischer Seitenhieb auf die allgemeine Lage, sondern gibt den Zustand der Salzach wieder, die sich im Juli braun verfärbt und ein paar Tage lang wie Glitzer auf Gülle gefunkelt hat. Die Erklärung: Es handle sich dabei um Lignin aus der Zellstoffherstellung, das sich im Schotter ablagere und bei Niedrigwasser besonders gut zu sehen sei. Man kann sich also aussuchen, ob man das nun als hydrologischen Hilfeschrei oder als Naturschauspiel betrachten will.

Was im Gegensatz dazu durchaus gold glänzt, oder geglänzt hat: siehe nächster Punkt.

5.) Erschütternder Kriminalfall: Die verschwundenen Minimozarts

Saliéra? Pffff. Mona Lisa? Don’t know her. Minimozarts? Schockschwerenot!
So oder so ähnlich war gemeinhin die Tonalität in der Berichterstattung um den wohl brisantesten Kunstraub seit Menschengedenken (…also quasi eh seit Anbeginn der Kunst an sich). Dieser Fall hat schonungslos gezeigt:

Auch Salzburg, eigentlich eine der beschaulichsten Städte der Welt, ist vor dem langen Arm des abgrundtief Bösen nicht sicher. Anders ist das Kriminaldrama um dutzende in liebevoller Handarbeit seriell-mechanisch hergestellter  – und ganz bescheiden gold gefärbter – Mozartplastiken, die über mehrere Wochen hinweg Stück für Stück aus dem Mirabellgarten entwendet wurden, nicht zu erklären.
Nicht nur der dadurch sehr bekannt gewordene Künstler steht unter Schock: Auch die Weltöffentlichkeit zeigte sich höchst ergriffen von der Causa. Die Spezialisten Tom Turbo und Bello Bond arbeiten indes fieberhaft an der Aufklärung dieses an Grausamkeit kaum zu überbietenden Verbrechens.

Damit auch was Schönes dasteht: Öklo-Upgrade von Jana&Js im Sommer.

6.) „Kinderbetreuung ist keine Arbeit.“

Nicht ganz so schlimm wie die Sache mit den Minimozarts, aber schon auch ein bisschen doof, ist das obige Zitat des amtierenden ÖVP-Bundeskanzlers, der sich im Rahmen seiner Sommertour nicht zu schade dafür war, auch in Salzburg Halt zu machen. Schlimmer noch: Hier den Auftakt seiner Tour zu machen und sie damit direkt zu Beginn schon ins Stocken zu bringen. Ist das alles nur ein Anwendungsfall von umgekehrter Psychologie? Also quasi die Leute gezielt durch Abwertung bei gleichzeitiger, aktiver Verschlechterung ihrer Lebensverhältnisse zur Vermehrung zu animieren? Wir werden es nie erfahren. Gelernt haben wir jedenfalls, dass man „Familie nicht als business case sehen“ dürfe. Also… als Frau halt. Denn für die bringt Familiengründung und -betreuung bekannterweise ja eh schon die einfachste Rolle mit sich. Inklusive des größten Anteils an Leichtigkeit und Freizeit. Im Sommer und das ganze restliche Jahr auch.

So. Jetzt bitte endlich Herbst. Und weniger Irrsinn. Zumindest bis in 9 Monaten der ganze Schmarrn von vorn beginnt.

“Schiaches Salzburg” ist unser Außenposten fürs Unangenehme und bringt laufend neue Krach- und Sachgeschichten aus SBG.

Gefunden haben wir diesen Account auf Instagram, wo er als @schiaches.salzburg die halbschattigen Seiten der Stadt herzeigt. Was es dort gibt? Found objects, Kurioses aus dem öffentlichen Raum und andere schiache Sachen aus der schönsten Stadt Österreichs. Immer mit im Gepäck? Gesunder Grant, absurder Humor und Sinn für Unsinn.

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