Aus dem Magazin

Salzburg sagt: Schule ist unfair!

Stadt-Rat: Hör auf deine Stadt. Oder nicht.

Täglich schlendern wir durch die Stadt. Und sehen auf Wänden, Mauern und Plakaten Aufforderungen und Aussagen. Da haben wir uns gedacht: Müssen wir mal recherchieren, was passiert, wenn wir auf diese Aufforderungen hören, und, ob diese Aussagen zutreffen.

Heute: Ist Schule wirklich unfair?

(Gefunden haben wir dieses Bild in direkt an der Salzach, auf einem Plakatständer neben dem Motel One vor der Lehener Brücke)

Als wir noch selbst die Schulbank drücken mussten, waren die Lehrer*innen gemein, die schlechten Noten ungerechtfertigt und das ganze System beschissen. Seit wir der Schulbank entwachsen sind und uns alleine durchs Leben manövrieren müssen, ist uns klar: So unfair war das damals alles gar nicht. Beim Manöver Leben haben wir aber auch gelernt, unserem subjektiven Erinnerungsvermögen zu misstrauen, deshalb haben wir die Menschen gefragt, die mittendrin stecken im System Schule. Lehrer*innen und ein Schüler haben für uns zum Rundumschlag ausgeholt und uns erzählt, was Schule unfair macht. Und was nicht.

Das sagen die Lehrer*innen:

Im Moment sind Michael und Vera entspannt – ungewöhnlich für diese Zeit mitten im Schuljahr. Gewöhnlicherweise würde das Lehrerpärchen jetzt einen Gros seiner Zeit in Klassenräumen einer AHS und einer BHS in Salzburg verbringen, während Corona wird von zuhause aus unterrichtet, „Distance Learning“ heißt das Unterrichtsmodell. Da fällt schon mal ein bisschen mehr Freizeit als sonst ab. Und die, sind sich Michael und Vera einig, kann man gut gebrauchen. Denn entgegen der gängigen Meinung kann das Lehrer*innen-Dasein ganz schön tough sein, sagen sie. Besonders für sie als Junglehrer*innen, also jene, die noch keine fünf Jahre unterrichtet und damit noch keinen Anspruch auf einen Fixvertrag haben. Da heißt es dann Jahr für Jahr zittern, sagt Vera, ob man genug Unterrichtsstunden bekommt. Sonst wird man in eine andere Schule versetzt- und im schlimmsten Fall durch das ganze Salzburger Land geschoben. Das erste Lehrangebot bekam Vera aus Zell am See, erinnert sie sich. 10 Stunden waren das, und Vera hat abgelehnt. Glücklicherweise hat das keine weiteren Schwierigkeiten mit sich gebracht und sie hat eine Stelle in der Stadt Salzburg gefunden.

Glücklicherweise- denn mit dem neuen Dienst- und Besoldungsrecht für Lehrer*innen seit 2013 wird es nicht gern gesehen, ein Stellenangebot abzulehnen, sagt Vera. Seit 2013 gilt dieses neue Dienstrecht in Österreich mit einer Übergangsphase von fünf Jahren. Das hieß für Michael, dass er nach seinem Studium noch mit einem Sondervertrag ins alte Dienstrecht eingeordnet wurde, während sich Vera aktiv dafür entscheiden konnte. Das war in der Übergangsphase bis 2018 noch möglich.

Mit dem neuen Dienstrecht haben sich zwei grundlegende Sachen verändert: Die Einstiegsgehälter sind zwar höher, dafür sind die Gehaltssprünge niedriger. Was sich sonst noch getan hat: Alle Unterrichtsfächer werden finanziell gleichwertig entlohnt und entfernen sich damit noch ein Stückchen mehr von leistungsgerechter Entlohnung, wie Michael findet. „Egal, ob du deine Sache als Lehrer gut machst, egal wie viel Aufwand du hast, bezahlt werden alle gleich. Du kannst noch so fad sein, streng oder ungerecht.“ Schwierig wird es besonders dann, wenn Lehrer*innen den Sprung in den Fixvertrag geschafft haben. „Wenn du an Schaß baust wirst du maximal suspendiert oder von Schule zu Schule versetzt“, sagt er. Das System des Fixvertrages schütze Lehrpersonen einerseits vor Willkür, belohne andererseits Engagement nicht, so Vera. „Eine befreundete Lehrerin hat sich in einem Theaterprojekt an ihrer Schule engagiert. Das macht ein Lehrer aus Spaß und Idealismus. Anerkennung, finanziell oder sonst irgendwie, bekommt man am Ende kaum.“

Und was ist an dem Vorwurf dran, dass Lehrer*innen so viel frei haben?

Rein gar nichts, sind sich Vera und Michael einig. Man könne sich zwar die Zeit frei einteilen, andererseits nehmen Lehrer*innen ihre Arbeit auch übers Wochenende mit nachhause, sagt Vera. Denn: Genügend Computer oder Arbeitsplätze gibt es in den meisten Lehrerzimmern nicht. In den Ferien während des Schuljahrs, sagt Michael, verbringe man viel Zeit mit Vor- und Nachbereitung des Unterrichts. Und auch ein Teil der Sommerferien gehe dafür drauf, Stoff zu archivieren oder fürs nächste Schuljahr zu aktualisieren und Jahrespläne zu erstellen, erzählt Vera. Viele mehrtägigen Fortbildungen finden auch im Juli und September statt und sind selbständig zu organisieren. Hinzu komme der psychische Stress, dem Lehrkräfte unterm Schuljahr ausgesetzt sind. Oft falle es schwer, emotionale Distanz zu schaffen. „Im Unterricht musst du viele Rollen einnehmen: Erzieher, Sozialarbeiter, Psychologe, Berater, Lehrer. Wenn du in einer Rolle verfehlst, bist du ein schlechter Lehrer“, sagt sie. Nach einem Schuljahr seien sie dann alle erstmal mit der Energie am Ende, Schüler*innen wie Lehrpersonen, so Michael.

Das sagt der Schüler:

David sitzt am anderen Ende. Auch er hat das diesjährige Schuljahr schon bald hinter sich. Er ist 16 Jahre alt und Schulsprecher an einer Schule in Salzburg. Mehr gibt es nicht über ihn zu sagen, denn er will nicht, dass an dieser Stelle seine Identität enthüllt wird.

Oft haben Mitschüler*innen an ihn herangetragen, dass sie von Lehrer*innen benachteiligt oder mit schlechten Noten abgestraft werden, wenn sie sich unsympathisch machen. Andere aufmerksame Schüler*innen werden mit guten Noten belohnt, und bevorzugt, findet er. Beweisen können er und seine Mitschüler*innen das natürlich nicht, es sei nur so ein Gefühl, eine Beobachtung.

Noten sind Macht, deshalb will er für öffentliche Kritik nicht abgestraft werden. Als Schulsprecher hat David öfters mit Schüler*innen zu tun, die sich mit Lehrkräften in die Haare geraten kriegen. Dann versucht er zu vermitteln. Viele Schüler*innen, sagt er, betonten gegenüber der Lehrperson auch, dass sie sich ungerecht behandelt fühlten.

Mit dem Notensystem ist David auch generell unzufrieden. Grundsätzlich findet er es schlecht, für Fehler bestraft zu werden, denn eigentlich gehe es ja darum, aus Fehlern zu lernen. Aber schlechte Noten fühlten sich immer wie Strafen an, besonders dann, wenn es um Nachprüfungen oder Klassenwiederholungen gehe, sagt der Schüler.

Mit dem Konzept Distance Learning kommt er ganz gut klar.

Viel besser sogar, als erwartet. Das liegt vielleicht auch daran, vermutet er, dass er seine Zeiteinteilung jetzt nach dem eigenen biologischen Rhythmus gestalten kann. Denn entgegen der mittlerweile anerkannten Erkenntnisse darüber, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus von Jugendlichen sich nach hinten verschiebt, beginnt der Unterricht heutzutage nach wie vor um 8 Uhr. „Die meisten von uns sind aber erst ab 10 Uhr richtig wach“, erzählt David. Durch das Distance Learning zuhause hat er die Arbeitszeit auf den Nachmittag verlegt. „So kann ich viel besser lernen“, sagt er.

Ist Schule also unfair?

Im Großen und Ganzen nicht, findet David. Dem stimmen Vera und Michael zu. „Das Schulsystem in Österreich bietet grundsätzlich viele Möglichkeiten und auch die Ungleichheit ist geringer geworden. Vieles daran ist ungerecht, aber vieles ist auch im Wandel. Der Beruf verändert sich stetig. Das ist anstrengend, macht aber auch Spaß“, findet Vera. Und Michael sagt: „Schule ist so dynamisch, du gehst jeden Tag anders in die Schule rein und anders wieder raus.“

Veronika Ellecosta

Veronika Ellecosta wohnt, studiert und arbeitet mittlerweile in München, ist aber nach wie vor in Salzburg und einen Salzburger verliebt. Gerne ist sie auch zuhause jenseits des Brenners. So fährt sie halt viel Zug und hat bemerkt, dass man dabei eigentlich auch ganz gut schreiben kann.