Aus dem Magazin

Netzfundstück: Wieso schaut meine Social-Media-Blase neuerdings aus wie das Servusmagazin?

Überlegungen zum gruseligen Cottagecore-Trend

Seit Corona zum schlafenden Monster mutiert ist und wir aus der „Bleiben Sie zuhause“- Phase entlassen worden sind, beobachte ich in meiner Filterblase auf Instagram und Co seltsame Vorgänge: Da tummeln sich junge Frauen und Männer – eigentlich mehrheitlich Frauen- in weißen Spitzenkleidchen und Bastsandalen auf Blumenwiesen und werfen ihre Haare schwungvoll in die Luft, stecken wahlweise ihre isolationsblassen Füßchen in Tümpel, Teiche und andere stehende Gewässer, oder tragen Erdbeeren in grob geflochtenen Körben von Feldern weg, mit Blumenkränzen im welligen Haar. Cottagecore heißt dieses neue Netzphänomen und erzählt ein neues Kapitel der Sage „Städter*innen und ihr Schäferidyll.“

Begonnen hatte es ja eigentlich schon viel früher mit dem Cottagecore, mitten im Lockdown schon, wo Städte zu Epizentren der Seuche wurden und das bunte, urbane Treiben zum Stillstand kam. Wer hier vorher kulturellen oder sportlichen Aktivitäten nachgegangen war oder die Freizeit gemeinsam mit Freund*innen gestaltet hatte, war nun auf sich zurückgeworfen. In der Enge der eigenen vier Wände hieß das für viele erstmals Back to the Roots. Plötzlich war Brotbacken die neue Trendsportart und Balkon- und Gartenbesitzer*innen fanden den Umgang mit allem, was sprießt und wächst, beruhigend. Parks, Wälder und Berge in Reichweite waren heiß begehrt. Dem Sicherheitsverlust durch Pandemie und Krise antworteten viele mit einer neuen Naturverbundenheit.

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Die große Zeit der Isolation ist erstmal vorbei und die Stadtzentren füllen sich wieder. Aber so richtige Gemütlichkeit will sich in den meisten Bars nicht so schnell wieder einschleichen, die Clubs sind nach wie vor geschlossen und auch die Freude am ausgiebigen Shopping lässt sich nur schleppend wiederherstellen. Viele Menschen scheinen dem urbanen Sommer abgeschworen und sich von der bedrohlichen Stadt samt ihren Seuchenherden abgewandt zu haben. In romantischer Verklärung inszenieren sie sich deshalb lieber als Unschuld vom Lande, laufen wie Heidi 2.0 in Leinenkleidchen über satte Wiesen und ziehen sich mit ihren Bobo- Freund*innen in noble Chalets in Tirol und in der Steiermark zurück.

Ganz neu ist der Landhaus-Hype eigentlich nicht. Wir wollen hier nicht zu einer Kulturgeschichte der Landfrische ausholen, aber immerhin haben sich junge Leute schon in Boccaccios Decamerone um 1300 aus Florenz raus in die Pampa gestohlen, um der Pest zu entkommen. Dass der Adel im Sommer auf den Landsitz übersiedelt, ist ein alter Hut – so alt, wie die Antike zurückliegt. Caspar David Friedrichs romantisches Naturverständnis lässt sich zumindest motivisch eins zu eins auf unzählige Instagram-Fotos übertragen und vor den Toren Salzburgs, im Salzkammergut, spielte sich im 19. Jahrhundert selbst die große Sommerfrische ab -und tut das vermutlich bis heute noch. Im vorigen Jahrhundert waren es vor allem die Blumenkinder der Sechziger- und Siebzigerjahre, die mit ihrer Flowerpower gegen die kapitalistische Weltordnung und den Militarismus protestierten. Sie sind vermutlich auch die ideologischen Väter und Mütter der heutigen Cottagecore-Kids.

Denn in der romantischen Verklärung des Landlebens spiegeln sich die politischen und gesellschaftlichen Ideen einer Generation wieder, die sich immer öfter gegen eine oberflächliche Spaß- und Partygesellschaft richtet (die ohnehin gerade einen schweren Stand hat). Die Sehnsucht nach dem Ausstieg wird viel mehr begleitet von Konsumkritik und Klimaprotest, von Zero Waste im Badezimmer, Biofaser-Shirts und veganen Buddhabowls.

Aber anders als seine ideellen Vorgänger hat sich der aktuelle bukolische Protest im Netz formiert, wo er auch erstmal bleibt und nett ausschaut. Unter dem Hashtag #cottagecore finden sich keine Pläne zum Weltumsturz, der Landhaus-Hype ist mehr Lifestyle als Bewegung und konsumiert fröhlich weiter vor sich hin – nur eben mit reinerem Gewissen. Was am Ende übrig bleiben wird von #cottagecore ist vermutlich eine ziemlich inhaltsleere Fotoflut in den Sozialen Medien. Denn die ländliche Rebellion ist bis dato vor allem eins: Ziemlich instagrammable. Gesellschaftskritik light quasi, in grobem Strick süß inszeniert.

Veronika Ellecosta

Veronika Ellecosta wohnt, studiert und arbeitet mittlerweile in München, ist aber nach wie vor in Salzburg und einen Salzburger verliebt. Gerne ist sie auch zuhause jenseits des Brenners. So fährt sie halt viel Zug und hat bemerkt, dass man dabei eigentlich auch ganz gut schreiben kann.